Freitag, 20. Juni 2008

Die Pyramiden von Rügen

Die Pyramiden von Rügen
Lange Zeit galten „Hünengräber“, die auch als „Hünenbetten“ oder „Riesenkammern“ bezeichnet werden, als monumentale Zeitzeugen altgermanischer Kultur auf der Insel Rügen. In ihnen symbolisierten sich bäuerliche Urkraft und Sippentreue. Dass man sie begrifflich mit Hünen oder Riesen in Verbindung brachte, lag an ihrem außergewöhnlichen Format. Ihre Herkunft? Der nebelumwallte Norden – die „Wiege der nordischen Rasse“. Schließlich berichtete schon der Däne Saxo Grammaticus von unterirdischen Totenorten und die altertümliche Guta Saga wusste von Gefallenen zu berichten, die in Hallen unter Erdhügeln bestattet wurden. Doch was ist, wenn die Hünengräber nun nicht nordischer, sondern orientalischer Abkunft sind?
So stellte man sich die Errichtung eines Hünengrabes vor
Bereits vor etwa hundert Jahren stellten die beiden berühmtesten nordischen Vorgeschichtsforscher – der Schwede Oskar Montelius und der Däne Sophus Müller – die These auf, dass die Grabanlagen der sogenannten Megalithkultur ihren Ursprung in Kleinasien oder Ägypten haben. Vieles spricht dafür, denn eine der ältesten bekannten Beinkammern befindet sich im ägyptischen Mastabas. Nutzte man hier anfangs gebrannte Ziegel, so entwickelte sich schon bald aus dem Totenkult der Bau gigantischer Pyramiden. Die sich daraus entwickelnde Kultur hatte eine derart hohe Strahlkraft, dass wir Grabbauten aus Naturstein mit ihrem zyklopischen Charakter in der Bretagne, auf Sardinien oder Golo (einer Malta vorgelagerten Insel – Anm. d. Red.) finden. Als bedeutendstes vorgeschichtliches Denkmal Europas gilt jedoch Stonehenge – nördlich von Salysbury. Daran wird deutlich, dass diese Kultur ihren Weg von Ägypten, dem Küstenverlauf folgend und die Inseln als Stützpunkte nutzend, über das europäische Festland bis nach Irland, Großbritannien und Rügen ausbreitet haben kann. Denkbar wäre aber auch, dass die Träger der Kultur - Händler oder Kaufleute – beiläufig für eine Religion und / oder Kulte missionierten.
Folgt man der These von Montelius und Müller so fand der Kult eine positive Aufnahme und führte dann auch auf der Insel Rügen zu einer eigenständigen Verarbeitung des fremden Einflusses – dies entspräche einem Wesenszug deutscher Geschichte. Entstanden sind dabei Steinkammern als „Erdbegräbnisse“ ganzer Familien. Der Archäologe Ernst Sprockhoff (1892-1967) spekulierte „Jeder freie Bauer des nordischen Kreises besaß offenbar solch ein steinernes Totenhaus.“ Das würde erklären, warum im 19 Jahrhundert noch Tausende dieser steinernen Grabkammern in Deutschland existierten. Das sie dann aus unserer Kulturlandschaft verdrängt wurden, hatte verschiedene Ursachen: Nach einer Greifswalder Notiz wurden viele der Grablagen zwischenzeitlich zur Steingewinnung für Chausseepflaster, Hofmauern oder Hausfundamenten genutzt. Zurück blieben meist Ruinen. Andere liegen aber vielleicht noch unentdeckt unter Erdhügeln. Sie reichen mindestens bis zur Unterkante des Tragsteins, haben einen Durchmesser von 15 Metern und eine Höhe von bis zu 5 Metern.

Bildliche Darstellung eines Hünengrabes von C. D. Friedrich

Heute ist man sich darüber einig, dass sich alle Variationen von drei Grundtypen ableiten lassen. Als ältester und einfachster Typ gilt der Dolmen. Er wird von 4 bis 6 Findlingen gebildet, die von einem Deckstein überlagert werden. Wegen seiner Form spricht man auch von der Blockkiste. Die Maße können bei 2 Metern Länge, 50 cm Breite und bis 80 Höhe liegen. Jüngere Dolmen sind allerdings länger, breiter oder höher. So entwickelte sich mit der Zeit aus einer sakophakähnlichen Gruft ein größerer Raum, in dem man sich aufrecht bewegen konnte. Vielfach wurde dieser über einen Zugang erreicht. Die Übergänge zum Typ des Ganggrabs sind aber fließend. Als Ganggrab wird ein vieleckiger Dolmen, der mit einem Zugang versehen ist, bezeichnet. In Lehrbüchern findet man dazu verschiedne Formen: rechteckig, trapezförmig, polygonal, oval oder rund. Die Erschließung erfolgt über lange, kurze Gänge auf der breiten oder schmalen Seite. Als dritte Typ gilt die Steinkiste. Bei ihr wurde der Gang als Grabstätte benutzt. Fachleute reden in diesem Zusammenhang von „gedeckten Galerien“. Übrigens sind vergleichbare Anlagen auch auf der iberischen Halbinsel oder in der Bretagne zu finden, was die Thesen der Verbreitung unterstützen würde. Als Ort des Totenkults kam diesen Plätzen häufig eine wichtige Funktion zu. Neben dem Gedenken an die Vorfahren wurden sie auch als Thingstätte genutzt. Hier beriet man sich, sprach Recht und entschied über Krieg und Frieden. Als Schauplatz einer Rügener Sage ist sogar von einer Teufelsanbetung die Rede.
Die wissenschaftliche Erforschung der Urzeit Rügens beginnt mit der Persönlichkeit Friedrichs von Hagenow. 1829 brachte er die erste archäologische Karte der Insel heraus, auf der er sämtliche damals bekannte Gräber verzeichnete. Seinem Wirken folgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Leiter des Stralsunder Museums Baier. Nach dem ersten Weltkrieg verband sich die Urgeschichtsforschung mit den Namen Klinghardt und Petzsch.
Der Heimatforscher Fritz Worm bei Ausgrabungen
Auch der Lehrer und Heimatforscher Fritz Worm beschäftigte sich mit den Hünengräbern. Er entdeckte eine der ältesten Großsteingräber – das Herzogsgrab – im Mönchguter Forst. Am Wege nach Alt Reddevitz grub er mehrere Findlingsblöcke frei. So stieß er auf die neun Umfassungssteine einer Grabkammer, in der eine Sippe bestattet war. Der Eingang nach Süden war durch zwei senkrechte Steinplatten gekennzeichnet. Der Boden bestand aus mehreren Stein- und Tonschichten. Etwa 40 Sippenmitglieder fanden hier ihre Ruhestätte. Beigegeben wurde ihnen auf ihrer letzen Reise über 50 Tongefässe - wie Trichternäpfe oder flache Schalen – Bernsteinperlen und Feuersteingeräte. Einen Namen machte sich auch Lietzow. In den oberen Schichten der Siedlung auf dem „Buddelin“ ließen sich beispielsweise Scherben der frühen Trinkbecherkultur finden. Zeitlich ordnete ihr Friedrich von Hagenow zwischen 1826 und 1829 noch 229 Hünengrab-Anlagen zu. Schätzungen gehen allerdings von weit über 300 ursprünglich Vorhandenen aus. 1930 wurden bei einer Neuaufnahme leider nur noch 37 von ihnen festgestellt. Dennoch gilt die Insel als eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten Norddeutschlands.
Hünengräber bei Lancken-Granitz
Für den Besuch einer solchen Anlagen empfehlen sich die Hünengräber unweit von Lancken-Granitz in Richtung Freetz. Die von Ackerbauern und Viehzüchtern errichteten Stätten werden auf ein Alter von 4300 Jahren geschätzt. 1970 wurden sie durch die Forschungsstelle Schwerin untersucht und der Trinkbecherkultur zugerechnet.