Montag, 2. Juni 2008

Rügen im Zeichen der Bäderarchitektur

Die Winkelmann-Gesellschaft vor dem Badehaus Goor

Lauterbach / Binz / Prora. Rügen im Zeichen der Bäderarchitektur Wer Rügen einmal anders entdecken wollte, der hatte bei einer kulturhistorischen Exkursion der Winckelmann-Gesellschaft im Mai reichlich Gelegenheit dazu. Unter dem Thema „Klassizismus in der Bäderarchitektur“ besuchten ihre Mitglieder Heiligendamm, die Usedomer „Kaiserbäder“ und unsere Insel. Das Besondere: Auf Rügen lassen sich gleich vier Phasen der Bäderarchitektur auf engstem Raum nachvollziehen. „á la carte“ wies darauf bereits mit der Folge 4 „Was ist Bäderarchitektur?“ in der Reihe „Spur der Steine“ hin.
Christian Bruhn erinnert an die Entstehung des ersten Rügener Seebades

Historische begann die Rundreise natürlich im ersten Seebad der Insel: Lauterbach. 1816 gegründet, besuchte die Gesellschaft das 1818 errichtete Friedrich-Wilhelm-Bad, das ursprünglich mit einem Speisesaal, Salons und Zellen für Warmbäder ausgestattet war. Doch da das Badeleben eigentlich schon früher im zwei Kilometer entfernten Putbus begann, gehörte auch hier ein Besuch zum Programm. Vom kreisrunden Circus erschloss sich den Reisenden der Ort in Richtung Garz auf seine Weise: Linkerhand der Schlosspark mit der Orangerie, rechterhand die Altstadt. Sie öffnete sich den Betrachtern über den Marktplatz, der vom Theater und vom Logierhaus „Fürstenhof“ flankiert wurde. Angelegt wurde Putbus übrigens im Stil des Klassizismus in seiner alles beherrschenden Farbe weiß. Der Bauherr? Fürst Malte zu Putbus. Ihm begegnete die Gesellschaft nachdem sie sich vom „Bussertschen Badehaus“ – dem jetzigen Uhrenmuseum – vorbei an der Schlosskirche zum Schlosspark begab. 1830 endete die erste Phase der Bäderarchitektur.
Einmalig in Deutschland: In geringer Entfernung zueinander erstrecken
sich die vier Phasen der Bäderarchitektur

Die zweite Phase entwickelte sich nur wenige Kilometer von Putbus-Lauterbach entfernt. Seebäder entstanden nun in der Abhängigkeit von der geografischen Lage an natürlichen Stränden. Und so ging es mit dem Reisebus weiter über die alte Bäderstrasse in Richtung Binz. Das ehemalige Fischerdorf wurde 1876 zum Seebad erhoben. Entlang der Ortsdurchfahrt – der heutigen Bahnhofstrasse – standen zu diesem Zeitpunkt allerdings erst 17 kleine Häuser. Davon abgehend wurde 1880 die Strandallee – heute die Putbuser Strasse – mit beidseitigen Baumreihen angelegt. Wilhelm zu Putbus – der Enkel des Ortsgründers von Putbus – parzellierte die anliegenden Grundstücke und veräußerte diese an die neuen Eigentümer, welche hier Pensionen errichten sollten. 1883 baute dann Wilhelm Klünder ein Strandhotel mit 120 Betten – eines der größten Fremdenheime seiner Zeit! Die Winkelmann-Gesellschaft erschloss sich die Strandpromenade mit ihren bekannten Gebäuden von der Villa „Salve“ – wo eine kurze Pause eingelegt wurde – in Richtung Seebrücke: Vorbei an Balkonen aus Holz und Stahl, Loggien aus Stein, Dachabschlüssen, kleinen Türmchen und filigranen Decken. Alles im Stil des Historismus oder Jugendstils. Da die zeitliche Begrenzung einen Ausflug zur dritten Phase nach Sellin – von 1888 bis 1914 – nicht zuließ, begab sich die Reisegruppe weiter in Richtung des geplanten „KdF_Seebades Rügen“ in Prora.

Uwe Schwarz erklärt den Hintergrund zum Bau des KdFSeebades "Rügen"
Hier sollte einmal ein Seebad mit 20.000 Betten entstehen. Angesichts der gigantischen Ausmaße von über 4 Kilometer Länge beschränkten sich die Mitglieder der Gesellschaft allerdings auf die Besichtigung eines Teilstück im Bereich des Blockes III, wo bis vor wenigen Jahren noch eine Museumsmeile bestand. Die architektonischen Anleihen der Moderne der 20er Jahre waren allerdings schwer erkennbar, während die neoklassizistische Züge bei den Vorhallen der südlichen Empfangshalle unbestritten sind...
In sechs knappen Stunden bereiste die Winkelmann-Gesellschaft eine historische Zeitspanne von über einhundert Jahren Architektur- und Bädergeschichte. Für den Tourismus der Insel Rügen ist es vielleicht der Anlass sich auch verstärkt auf Themen-Reisen einzustellen. Hier für bietet sich bei uns eine breite Palette an Entwicklungsmöglichkeiten, um auch Bildungsreisende verstärkt anzuziehen.
("á la carte" 06 / 2008)