Mittwoch, 28. Juni 2017

Das Schloß auf dem Tempelberg

 

Binz (BM). Mitten in der Granitz befindet sich ihr höchster Punkt: Der Tempelberg. Mit seinen 107 Metern reicht von der Erhebung der Blick weit in das Land: Nördlich über die Schmale Heide mit der Prorer Wiek, südlich über die Having, das Zickertsche Höft bis zum Südperd und – bei guter Sicht –
bis zum benachbarten Putbus. Moritz Ulrich I. – Herr zu Putbus – hatte 1723 die Verwaltung des Familienbesitzes übernommen und schon drei Jahre später ließ er auf einer Waldlichtung in der Granitz ein zweigeschossiges Jagdhaus errichten. Auf dem benachbarten Tempelberg entstand 1730 ein sechseckiger zweistöckiger Fachwerkbau, der als Aussichtsturm das Ziel zahlreicher Wanderer war. Allerdings wurde dieser, wie der Heimatforscher Alfred Haas berichtet, bereits 1810 wieder abgebrochen. Damit war die Baufreiheit für einen Neubau geschaffen.

Die Planung   
Seit 1830 soll sich Wilhelm Malte zu Putbus mit dem Gedanken getragen haben, auf dem Tempelberg ein Jagdschloss zu erreichten. Dazu ließ er verschiedene Vorentwürfe fertigen. Zu den heute bekannten Zeichnungen gehören u.a. die von dem Architekten Carl August Menzel (1794-1853) und die des fürstlichen Baumeisters Theodor Bamberg. Daneben gab es eine Skizze des preußischen Kronprinzen und späteren Königs Friedrich Wilhelm IV. (1781-1841), die im wesentlichen dem heutigen Aussehen des Jagdschlosses entspricht. Durch den Verlust des fürstlichen Archivs lässt sich allerdings auch die Handzeichnung des Monarchen schwer in die Baugeschichte des Jagdschlosses einordnen.
Belegt ist dagegen ein Grundriss für das Jagd-Schloss von Johann Gottfried Steinmeyer. Steinmeyer ist seit 1820 für den Fürsten tätig und stark beeinflusst von der „Berliner Schule“. Er bring die Ideen seines Jugendfreundes Karl Friedrich Schinkel nach Rügen. Sein Vorentwurf von 1837 zeigt einen rechteckigen Aufriss mit Ecktürmen und einem inneren Lichthof. Letzterer fällt allerdings durch die Verkürzung auf einen quadratischen Grundriss – eine Anregung Schinkels – weg. Im März 1838 hatte sich Wilhelm Malte an Schinkel gewandt. Nun ist der geplante Aussichtsturm zentraler Punkt und wächst harmonisch aus der Mitte der quadratischen Bauform. Die Ecktürme überragen die zwei Geschosse und geben dem Bau ein wehrhaftes Aussehen.
 
Die Ausführung
1843 war der Rohbau des zweigeschossig verputzten Backsteinbaus mit seinen vier runden Ecktürmen und die apsisartige Ausbuchtung an der Hinterfront im Wesentlichen abgeschlossen. Über einem Findlingsfundament ragten nun aufgehende Wände mit einer Putzquaderung die ihre Begrenzung in den Türmen mit ihren kräftig bekrönenden Zinnenkränzen fanden.
Historisches Motiv des Speisezimmers
Die Fassade war durch Rundfensterbögen und durch feinteiliges neugotisches Maßwerk aufgelockert worden. Der 38 Meter hohe Mittelturm konnte im darauffolgenden Jahr fertiggestellt werden. Die Bauarbeiten fanden jedoch erst 1851 ihren vorläufigen Abschluss: Im Marmorsaal wurde ein großer wundervoller Kamin vom Thorwaldsen Schüler Matthäi eingefügt. Entstanden war ein „Luxusbau“. Die Kosten: Stattliche 100.000 Taler (!)
Historisches Motiv des Rittersaales
Bedeutung erlangte der Bau auch durch seine Ausstattung. Verwendet wurden industriell gefertigte Statuen und Architekturdetails namhafter Berliner Fabriken und Manufakturen. So lieferte beispielsweise der Goldschmied und Eisenkunstgießer Moritz Geiss (1805-1875) Statuen, Fensterteile, Halbsäulen, Treppenbaluster und Türverzierungen aus Zinkguss. Ornamente, Zierleisten und Halbfiguren entstanden aus Papiermaché und Steinpappe bei Paul Gropius (1821-1888). Imitiert wurden durch beide Künstler wertvolle Materialien, deren Formgebungen sich an den Vorlagen Schinkels orientierten.
Historisches Motiv des Schlafzimmers
Das Ergebnis waren sehenswerte fürstliche Zimmer im Obergeschosses. Hier wurden Imitate mit kostbarem Inventar kombiniert. Gemälde von Velasques und Salvator Rosa, sowie vier Bilder aus Rügens Geschichte von der Hand Eibels und Kolbes schmückten die Wände. Daneben: Klassisch schöne Marmorstatuen von Thorwaldsen und Rauch.
Für Besucher, die den Aussichtsturm besteigen, ist das Treppenwerk allerdings das beeindruckendste Zeugnis fortschrittlicher und einmaliger Handwerkskunst. Sie stammt aus der 1825 von Franz Anton Egells (1788-1854) gegründeten Maschinenbauanstalt. In vier Windungen läuft die Wendeltreppe mit ihren durchbrochenen gusseisernen 154 Stufen bis zur Plattform des Mittelturms. Zu besonderen Anlässen soll sie sogar mit einem Läufer belegt worden sein...
Das Schloß auf dem Tempelberg              
Die Nutzung
Das Jagdschloss diente zunächst repräsentativen Zwecken. Jährlich stattfindende Jagden in einem der ergiebigsten Jagdreviere Norddeutschlands gaben hierfür den entsprechenden Rahmen. Als am 23. Dezember 1865 (sh. auch „Spur der Steine“ in Folge 1 „Das verschwundene Schloss“ – Anm. d. Red.) jedoch das Schloss zu Putbus abbrannte, wurde das Jagdschloss bis 1874 zum dauerhaften Wohnsitz. Damit verbanden sich zahlreiche zweckorientierte Umbauten, wie der Einbau einer Warmluftheizung, oder eine dekorative Ausgestaltung der Zimmer im Zeitgeschmack. Zum Ende des 19. Jahrhunderts begann man auch mit der öffentlichen Nutzung des Gebäudes. Der aufkommende Fremdenverkehr in den benachbarten Seebädern Binz und Sellin (sh. auch „Spur der Steine“ in Folge 4 „Was ist Bäderarchitektur?“ – Anm. d. Red.) sorgte schon bald für eine steigende Besucherzahl: So wurde 1895 13.500 und im Jahre 1905 schon 22.400 Schaulustige auf dem Jagdschloss gezählt.
Erst das Ende des zweiten Weltkriegs sorgte für eine Unterbrechung. Wie in Putbus wurde auch das Jagdschloss Opfer zahlreicher Plünderungen. Im Juni 1945 wurden die ersten Gegenstände durch Soldaten der Roten Armee abtransportiert. Daneben suchten zeitweise bis zu 150 Menschen Zuflucht oder Unterkunft auf dem Tempelberg und auch Restausstattungen wechselten so ihren Besitzer. Das prunkvolle Himmelbett der Fürstin wurde sogar zu einem Kaninchenstall umfunktioniert und die herrlichen Marmorkamine zerschlug man kurzerhand um sie in Binz und Sellin als Grabplatten zu verhökern.
Historisches Motiv des Marmorsaales
Eine neue Nutzung als Heimatmuseum begann erst in den 1960er Jahren. Im Zuge dieser Entwicklung kehrten 1966 beispielsweise erste großformatige Gemälde in das Jagdschloss zurück. 1968 konnten bereits die Gesellschaftsräume besichtigt werden und eine Sonderausstellung informierte die Besucher zur Geschichte der Jagd und zu heimischem Wild. Hauptattraktion blieb allerdings der Aussichtsturm. Etwa 100.000 Menschen pilgerten die 154 Stufen hinauf um den Ausblick zu genießen. 1978 hatte sich ihre Zahl bereits verdoppelt und 1993 verdreifacht. In den Mittelpunkt der internationalen Fachwelt wurde das Jagdschloss 1984 gerückt. Erstmals fand hier eine Generalratstagung des „International Council of Monuments and Sites“ (ICOMOS) statt. Parallel zu dieser Entwicklung wurde der repräsentative Bau unter Denkmalschutz gestellt und zwischen 1982 und 1989 umfassend saniert.
Der Aufbau der ständigen Ausstellung wurde in den 1990er Jahren fortgesetzt. Die derzeit noch im Aufbau befindliche Ausstellung des Pommerschen Landesmuseums zeigt bereits einen ersten und sehenswerten Ansatz zur Baugeschichte des Schlosses auf dem Tempelberg.

Die Molosserhunde
Ihre Bezeichnung erhielten sie nach einem alten Stamm der Griechen. Diese züchteten diese Tiere als Wachhunde. Später ließen die Medici sich Abbilder der Molosserhunden fertigen und schmückten damit ihre Eingangsbereiche. Fürst Wilhelm Malte zu Putbus hatte sie selbst auf seiner Italienreise gesehen und für das Jagdschloss auf dem Tempelberg zwei Abgüsse bestellt. Die obere Abbildung zeigt das Modell des Rechten der beiden Molosserhunde. Das untere Foto zeigt ihn während des Besuchs des Reichspräsidenten von Hindenburg 1927. Leider gingen die Originale nach dem zweiten Weltkrieg verloren. Erst 2001 konnten die verwaisten Treppen wieder durch zwei Bronze-Nachgüsse der Hunde ergänzt werden.  
Im Jagdschloss ausgestelltes Modell des Hundes
Schinkel auf Rügen
Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) galt zu seiner Zeit als bedeutendster Architekt Preußens. Nach seiner Lehre bei David und Friedrich Gilly ging er 1803 gemeinsam mit Johann Gottfried Steinmeyer (1780-1854) nach Italien. So lernt er u.a. Wilhelm von Humboldt kennen. Über Paris kehrte Schinkel 1805 nach Berlin zurück. Ab 1810 war er an der obersten preußischen Baubehörde tätig, dessen Führung er 1830 als Oberlandesbaudirektor übernahm. Schinkel ordnete die staatliche Bauverwaltung neu und wirkte in Preußen mit seinen Plänen und Richtlinien nachhaltig. Auf die Insel Rügen zog es ihn mehrfach, so dass er bei uns einige Spuren hinterlassen konnte.
Nach seinen Plänen entstand beispielsweise ein Leuchtturm auf Arkona oder ein „Schweizerhaus“ auf Stubbenkammer – Letzteres mit einer Laubsägearchitektur! 1835 setzt er sich auch kritisch mit der Bebauung des Ortes Putbus auseinander. Der Umfang seines Einflusses auf die dort entstandene Bauten ist jedoch bis heute umstritten. Belegt ist, dass sein Jugendfreund Steinmeyer in der Mitte der 1820er Jahre die charakteristischen Detailformen der Schinkelschule in die junge Residenz. Daneben führt die Freundschaft mit Wilhelm Malte zu Putbus mehrfach zu Schinkels Rat- und Lösungsvorschlägen bei fürstlichen Bauten. So soll nicht nur die 1824 errichtete Orangerie in Putbus auf Schinkels Plänen basieren. Am Jagdschloss Granitz kam es bereits kurz vor dem Baubeginn zu ersten Planänderungen. Statt des ursprünglich rechteckigen Grundrisses regte Schinkel einen quadratischen an. 1838 wandte sich Wilhelm Malte zu Putbus erneut an Schinkel. Wie soll die Gestaltung des Mittelturms erfolgen? Schinkel schlägt eine stattliche runde Ausführung mit beherrschender Wirkung vor und führte in seinem Entwurf die Ecktürme über die beiden Geschosse hinaus. Bei dem gezeigten Relief (am Denkmal des Fürsten Wilhelm Malte im Schlosspark zu Putbus – Anm. d. Red.) erläutert Schinkel dem Maler Carl Wilhelm Colbe und dem Bildhauer Bertel Thorwaldsen seine Pläne für das Jagdschloss...