Donnerstag, 21. Juli 2016

Spur der Steine (50): Die Unbekannte

Blick zum Giebel der katholischen Kirche in Garz
Zu den bekanntesten Kirchen auf Rügen gehören sicher die von Bergen, Altenkirchen oder Sassnitz. Sie alle sind übrigens evangelisch. Eher unbekannt ist dagegen die katholische Herz-Jesu-Kirche in Garz. Sie liegt an der Straße nach Sehlen und ist selbst bei einer Durchfahrt leicht zu übersehen.

Auffällig ungewöhnlich erscheint bereits beim Betreten dieses Gotteshauses die eher schlichte Ausstattung ganz im Gegensatz zu katholischen Kirchen in Bayern oder Ostpreußen. Die Ursache für die eher sachliche und nüchterne Ausgestaltung liegt jedoch auch in ihrer Entstehungszeit und Funktion begründet. 1911 bemühte sich der Bergener Pfarrer Maximilian Kaller um einen Kirchenneubau in Garz. Die Kapazität war auf etwa 500 Besucher an Sonntagen ausgerichtet und wurde vom Architekten August Kaufhold sogar auf eine etwaige Vergrößerung ausgelegt. Angesichts der vorwiegend evangelischen Bevölkerung Rügens mutet dies zunächst ungewöhnlich an. Doch von Anfang an spielte die Seelsorge für die polnischen Schnitter, die damals zu Tausenden auf Rügen arbeiteten - und den Bau durch Spenden erheblich mitfinanzierten (!), eine wesentliche Rolle.
 
Blick zum Seiteneingang
Die Herz-Jesu-Kirche eine einschiffige Kirche mit einem kleinen Turm - konnte am 1. Juni 1913, als kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, eingeweiht werden. Bedingt durch die Tatsache, dass die bereits erwähnten polnischen Schnitter die Insel während des Krieges auch nicht mehr verlassen durften, erhielt die Kirche für sie eine wachsende Bedeutung. Denn obgleich Trauungen und Amtshandlungen in dieser Zeit offiziell verboten waren, wurden sie gegen Auflage von Geldstrafen trotzdem durchgeführt.
Dies, der etwa zeitgleiche Bau weiterer katholischer Kirchen auf Rügen in Bergen und Binz und sein Einsatz für die Gläubigen führt noch heute zu großer Bewunderung für das Wirken von Maximillian Kaller. Überhaupt ist es erstaunlich, dass er die dafür notwendigen und erheblichen Mittel für die Bauten einwerben konnte. Nachdem er 1925 Apostolischer Administrator in Schneidemühl wurde und 1930 Bischoff von Ermland (Ostpreußen), ernannte ihn Pius XII. nach der Vertreibung im Zuge des zweiten Weltkrieges zum päpstlichen Sonderbeauftragten für die heimatvertriebenen Deutschen. Sein Andenken wird aber auch auf Rügen noch gewahrt. Seine Büste gefertigt von Regine Wiegand - gehört zur Ausstattung der Garzer Herz-Jesu-Kirche.
 
Schlicht und einfach: Die Kirche von innen
Garz. (SAS) Nach dem zweiten Weltkrieg war das Gotteshaus vor allem für die heimatvertriebenen Schlesier und Sudetendeutschen von Bedeutung. Ab Herbst 1946 wurde für sie der ostpreußische Ordenspriester Johannes Palmowski angestellt. Die bis dahin zur Binzer Gemeinde gehörende Lokalie konnte 1949 seelsorgerisch sogar selbständig werden. Mitte der 50er Jahre zählte man bereits an die 1.300 Katholiken. Als begünstigend dafür sollte sich auch der damals noch existierende Kleinbahnanschluss darstellen. Die Haltestation befand sich direkt gegenüber der Kirche, was schon für die polnischen Schnitter, die auf den Gütern arbeiteten, von Vorteil war.
In den Folgejahren verbesserte sich auch die Ausstattung der Kirche. So erhielt sie 1954 eine Glocke von der Pfarrei Berlin-Grunewald geschenkt. Auch kam es zu einer Umgestaltung des Altarraumes. Zu den Besonderheiten zählt aber vor allem ein lebensgroßes romanisches Kruzifix, dessen Wundmale aus Bernstein gestaltet wurden.
Allerdings gab es auch in den folgenden Jahrzehnten einen schleichenden Niedergang zu verzeichnen, so dass seit 1982 kein Pfarrer mehr vor Ort ist. Die Gemeinde - mit etwa 300 Katholiken - wurde zum 1. Januar 1995 aufgelöst und mit der Pfarrei Bergen wiedervereinigt. Um so bewundernswerter ist es, dass trotz dieser rückläufigen Entwicklung der Katholiken die Kirche noch einmal baulich in Stand gesetzt wurde. Das Ergebnis sollte man sich nun unbedingt anschauen!