Samstag, 27. Mai 2017

Wie man vor über 100 Jahren Jasmund erwanderte...

Blick auf die Karte zur Halbinsel Jasmund
Sassnitz. (RO) Dem Theologen und Schriftsteller Emil Steurich (1852-1921), der 1887 eine Pfarrstelle in Groß Zicker antrat, verdanken wir viele Schriften zur Insel. So beispielsweise zur Eroberung Rügens durch die Dänen (1168) oder zur Geschichte der Stadt Bergen. Eher unbekannt ist
dagegen diese leicht gekürzte Beschreibung einer Wanderung über die Halbinsel Jasmund:
 
"Gleich hinter Saßnitz nimmt der berühmte Fußpfad seinen Anfang, der in drei bis vier Stunden nach Stubbenkammer führt. Der Wanderer braucht die Anstrengungen des Marsches nicht zu fürchten. Sie sind nicht so groß, das nicht auch das zartere Geschlecht sie übernehmen könnte. Noch weniger wird er sie bereuen. Es dürfte kaum auf der Erde einen Weg geben, der den Naturfreund reicher belohnte als dieser. Gewaltige Buchen, deren Alter nach Jahrhunderten zählt, vereinigen sich teils zu Parks, teils zu Dickichten und Promenaden, die, trotzdem die Kunst nichts für sie getan hat, für den einsamen Fußgänger ungemein einladend sind. Außerdem genügen immer nur wenige Schritte nach rechts, um wieder das Meer zu erreichen und das Auge an seiner klaren blauen Flut zu erquicken, und an dem Himmel, der sich über seiner endlosen Fläche ausbreitet.
 
Nach den Prinzlichen Blockhäusern erreicht man zunächst die Bläse, eine gewaltige Kreidewand, welche den Anfang der Kreidefelsen bildet und schon 200 Fuß hoch ist, dann geht es über den Lenzer Bach zu den Wissower Klinken, die sich wie die Sterbepfeiler einer gotischen Kirchenwand ausnehmen. Nachdem man den Wissower Bach überwunden hat, gelangt man zu der "Waldhalle", einem kleinen mitten in der Waldeinsamkeit gelegenen Restaurant, in welchem man sich von der Wanderung ausruhen und für die folgende stärken kann.
Darauf geht es zum Kieler Bach. Hier ist einer der malerischsten Punkte der ganzen Stubbnitz. In wilder Romantik erheben sich zu beiden Seiten des Baches die hohen Berge, zwischen sich eine enge und tiefe Bucht bildend, zu deren Sohle man auf Hunderten von Stufen hinabsteigt. Der Bach aber sprudelt und rauscht in rastloser Eile dahin, als könnte er nicht früh genug das Ziel seiner Wanderung, das Meer, erreichen. Am Bach ist auch ein Kreidebruch und an seiner Mündung eine Ladestelle für die Kreidekähne.
 
Weiter führt der Weg über den Kollicker Bach. Endlich nach einer weiteren dreiviertelstündigen Wanderung taucht Stubbenkammer hinter den Bäumen auf. Wir haben die Perle Rügens erreicht und möchten uns hundert Augen wünschen, um ihre Schönheit genugsam betrachten und bewundern zu können."
 
"Stubbenkammer zerfällt in zwei deutlich geschiedene Teile: Klein- und Groß-Stubbenkammer. Von Saßnitz aus erreicht man zuerst Klein-Stubbenkammer. Die schönsten Aussichtspunkte sind hier die Victoriasicht und die Wilhelmssicht, so genannt, weil hier einst die Kronprinzessin Victoria und der König Wilhelm geweilt haben, wie die beiden Denksteine, die hier angebracht sind, bezeugen.
 
Durch eine Schlucht von ihnen getrennt ist Groß-Stubbenkammer mit dem Königsstuhl. Hier setzen wir uns hart am Rand des steil abfallenden Kreidefelsens auf eine Bank, weniger um uns auszuruhen, als vielmehr, um unser Auge zu weiden an dem herrlichen Anblick, der sich uns bietet. Wie sollte man nicht in solcher Natur aller Müdigkeit vergessen!
 
Tief unter uns, mehr als 120 m, liegt das unendliche Meer, hell beschienen von der strahlenden Sonne. Schimmernde Segel ziehen über die leicht gekräuselte Wasserfläche wie freundliche Traumbilder. Weiße Möwen schweben mit ihren kühn geschnittenen Flügeln hoch über dem Meer und doch noch tief unter unseren Füßen, eifrig nach Beute spähend und mit raschem Fall in das Wasser hinabstoßend, wenn sie einen unglücklichen Fisch entdeckt haben, der sich zu weit an die Oberfläche wagte. Und dort, in weiter Ferne, wie ein Gruß aus anderer Welt, taucht eine kleine Rauchwolke über dem Horizont auf. Ein Dampfer zieht da seine einsame Straße, wer weiß, welcher Küste zustrebend."
 
"Zur Rechten und zur Linken von uns aber starren die Zacken der weißen Kreidefelsen, fast senkrecht zum Meere abfallend. Wie viele Myriaden Foraminiserentierchen haben dazu gehört, um diese Kreidewände zu bilden! Welche Zeiträume mögen verflossen sein, ehe sie ihr Werk vollendet hatten! Und welche Kräfte haben gewirkt, um diese Felsen aus dem Meer zu heben!
 
Ein vielfach gewundener Fußpfad führt zum Strande hinab. Von unten aus hat man einen herrlichen Überblick über die Kreidefelsen. Wie hohe Säulen stehen sie da, fein gezeichnet von den Feuersteinadern, welche sich zahlreich und in regelmäßigen Abständen voneinander durch die Kreide hinziehen! Diese Feuersteine, welche Geschichte mögen sie wohl haben! 
 
Am Strande findet man viele Versteinerungen, Muschelsteine, Donnerkeile, Kröten- und Klappersteine und dergleichen. Sie werden teils von der See aufgespült, teils fallen sie aus der Kreide heraus, wenn einzelne Teile der Felsen einstürzen. Denn auch diese Felsen, so stolz sie auch schauen, sind nicht für die Ewigkeit geschaffen..."
 
"Während der Badezeit wird täglich des Abends oben auf dem Königsstuhl ein großer Holzstoß angezündet und, wenn er herniedergebrannt ist, in die Tiefe gestoßen. Vom Wasser aus gesehen, machen die am Abhang heruntergleitenden glühenden Kohlen einen großartigen Eindruck. Es sieht aus, als wenn ein glühender Lavastrom oben vom Berge aus in die Tiefe hinabflösse.
Wenige Minuten von Stubbenkammer entfernt, liegt der berühmte Herthasee mit der Herthaburg. Der Weg dorthin führt an der Herthabuche vorüber, einem uralten Baume, der durch seine mächtige, weit verzweigte und verästelte Krone merkwürdig ist. Große Gesellschaften können unter seinem schattigen Dache tanzen. Der Herthasee liegt mitten im Walde. Er ist ungefähr 200 Schritte lang und breit."
 
Dieser See ist kein gewöhnliches Wasser, denn in ihm badete ja die Göttin Hertha. Und noch heute, besonders bei hellem Mondenschein, kommt aus dem nahen Walde, wo die Herthaburg liegt eine schöne Jungfrau, die sich nach dem See begibt, um sich darin zu baden. Sie ist von vielen Dienerinnen umgeben, die sie zu dem Wasser hinbegleiten. In diesem verschwinden sie alle und man hört nur das Plätschern darin. Nach einer Weile kommen sie sämtlich wieder heraus, und man sieht sie in weiten, weißen Schleiern nach dem Walde zurückkehren. Für den Wanderer, der sie erblickt, sit das alles sehr gefährlich. Denn es zieht ihn mit Gewalt nach dem See, in dem die weiße Frau gebadet, und wenn er einmal das Wasser berührt hat, so ist es um ihn geschehen. Das Wasser zeiht ihn in die Tiefe."
 
"Bemerkenswert ist die Herthaburg, welche dicht am See liegt. Sie ist ein halbbogenförmiger, etwa 30 m hoher Erdwall, der 160 Schritte umfasst. Er ist offenbar eine der Burgen, welche sich die Wenden in alter Zeit zur Verteidigung gegen Feinde errichtet hatten. Ähnliche Burgen finden sich auch noch bei Garz und Arkona.
 
Wir kehren nach Stubbenkammer zurück und wandern von hier aus auf dem Hohen Ufer weiter. Nach etwa einer Stunde hört der herrliche Wald auf, und wir erreichen den kleinen Badeort Lohme, der gleichfalls auf steilem Abhange liegt. Lohme übt wegen der Nähe Stubbenkammers und der herrlichen Aussichten auf das Meer und Arkona eine große Anziehungskraft aus. Die Zahl seiner Besucher ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Auch hier ist aus einem kleinen Fischerdorfe ein Villenort geworden.
In einer Entfernung von etwa zwei Stunden liegt das Pfarrdorf Bobbin und in der Nähe von diesem Spyker, das einst dem schwedischen General Wrangel gehörte, dessen Geist noch jetzt in dem alten Herrenhaus umgehen soll. Wir gelangen endlich nach Polchow, das am Großen Jasmunder Bodden liegt und einen Hafen für Dampfer und Kreidekähne hat."
 
http://www.inselreport.de/p/rugen-outdoor.html