Sonntag, 11. Juni 2017

Der we(h)r(t)lose Nationalpark

Ein Gastbeitrag von Klaus Ender
 
Früher schallte zurück, was man in den Wald hinein rief - heute verliert sich dieser Ruf an einzelnen, vergessenen Bäumen. Vergessen wurde auch, dass man einst darum kämpfte, solch ein bedeutendes Refugium zum Nationalpark zu machen. Und als am 25. Juni 2011 die UNESCO den Nationalpark Jasmund mit seinem Buchenwald als "Weltkulturerbe" anerkannte, glaubte man, dass auch der letzte Bürger diesen Naturschatz zu würdigen weiß. Irrtum!
Die Abholzung im Park und ringsum hat so verheerende Ausmaße erreicht, die nur noch als Verbrechen an der Natur und an der Menschheit gewertet werden können. Der Paragraf, der eine "Verkehrssicherung" fordert, wird ausgenutzt, um jeden beliebigen Baum zu entfernen. Selbst in der Brutzeit der Tiere, wird gerodet.
Jeder Pfad, jeder noch so kleine Weg muss vor "eventuell" umfallenden Bäumen bewahrt werden - und da werden ganz "großzügig" die umher stehenden Bäume gleich mit entfernt. Selbst unmittelbar an Steilufern stehende Bäume, die mit ihren Wurzeln des Ufer verankern und schützen, werden gefällt.

Das ist ein Bild, das bei mir eine Gänsehaut auslöst. Aus Entsetzen darüber, dass hier das schönste Stück Wald gefällt wurde, weit ab von jeglichen Wegen. Hier kann nicht die "Wegesicherung" als Alibi herhalten, hier war es Gnadenlosigkeit gegenüber der Natur und gegen die Menschen, die den
Wald zur Erholung, als Sauerstoff-Lieferanten und als Schönheitssymbol brauchen. Das Bild zeigt den Hügel, der zur Kreideküste und zum ersten Strandabschnitt der Kreideküste führt. Die uralten Bäume, die mit ihren riesigen Wurzeln vor Auswaschungen der Steilküste beitrugen, sind gefällt worden, so dass der nächste Sturm den Restbestand der Buchen umwerfen wird.
Die immer mehr werdenden Stürme haben es nun noch leichter, die Erde unserer Insel abzutragen. Wenn ein Pilzsucher, Wanderer oder Fotograf ein paar Meter vom Weg abweicht, wird er mit unglaublich überspitzten Bußgeldern bestraft und die schwersten Maschinen der Baumfäller, die schwerste Schäden verursachen, bleiben ungesühnt.
Ich bin seit über 50 Jahren auf dieser Insel als Fotograf tätig, habe aber selbst zu DDR-Zeiten keinen so großen Raubbau erlebt. Ich zitiere hier 2 Prominente, deren Aussagen voll auf die Vernichtung unserer Umwelt zutreffen:
 
"Der moralische Zustand eines Volkes zeigt sich am besten darin,
wie es seine Bäume behandelt".
"Erwin Chargaff
 
Dass sich die Zerstörer der Umwelt als ihre Hüter aufspielen,
gehört heute zur politischen Routine.
H.M. Enzensberger
 
Ich fordere alle Verantwortlichen auf, alles zu tun, dass Nationalparks den Schutz bekommen, den sie verdienen! Der Paragraf betr. Verkehrssicherung muss schnellstens überarbeitet werden. Zuwiderhandlungen - auch der "Verantwortlichen" - müssen gesühnt werden. Der Schaden, der durch den Missbrauch der Verkehrssicherung Tag für Tag entsteht, kann nicht wieder gut gemacht werden. Jede gefällte Buche bringt uns den Sauerstoff, den eine ganze Familie ein Leben lang braucht. Und da sie 200 Jahre leben könnte, würden weitere Generationen von ihrem Sauerstoff profitieren.
 
 
Dieses Bild zeigt die Schlucht, die über den hölzernen Abstieg zum Strand führt. Dieser herrliche, kühle Weg, der unten am Strand endete, wurde vollends seiner urigen Schönheit beraubt. Ich hatte das Gefühl, dass
 die Vollstrecker Barbaren waren. Inmitten eines Waldes gelegen, können die direkten Anwohner nun statt dunkler Buchen eine ausgedörrte Schlucht sehen. Für mich und zahllose Naturfreunde ist das ein Schlag ins Gesicht!
 
 
Dieser Blick bietet sich dem Wanderer jetzt, wenn er vom Strand kommend, den Wendeplatz für Busse erreichen will.
 Wo bis vor kurzem Wald war, ist jetzt Trostlosigkeit und Hilflosigkeit spürbar. Eine Passantin, die ihren Hund ausführte, sagte zu mir: "Ich sage nichts mehr dazu, es ist schlicht und einfach erschreckend!"
 
Hat man den Hauptweg erreicht, der vom Wendeplatz in den NP führt, dann ist man "mitten drin" im Nationalpark Jasmund - auch wenn man es nicht glauben mag. Hunderte Meter zieht sich nun die Straße mit den gefällten Buchen an der Seite dahin. Ich berührte einige Stämme mit meinen Händen, was ich früher auch schon tat, als sie noch lebten. Ich kannte sie als Naturfotograf seit 50 Jahren und da standen sie schon über 100 Jahre an ihrer Stelle. Heute ist der Platz verwüstet und ihre Stämme werden nun in deutschen Kaminen knistern und der Hausherr wird darauf anstoßen können. Buchenholz ist ihm zwar (lieb) und teuer, aber auf Rügen kann man das schon machen. Protest ist kaum zu erwarten. Man ist längst vorbei an den Markierungspfählen mit der Eule - dem Symbol für Naturschutz. Man tritt schon eine Weile auf dem "Kulturerbe der Menschheit" herum. Was haben wir noch zu vererben? Unsere Enkel und Urenkel werden ihre Ahnen verfluchen, wenn sie eines Tages Bilanz ziehen.
 
Mit deutscher Gründlichkeit sind überall die Eulen-Schilder des NP zusehen. Doch nun hat diese Gründlichkeit dafür gesorgt, dass Ruhe in den bisherigen Wald einzog. Denn hier findet weder das Eichhörnchen noch der Kolkrabe sein Auskommen. Nicht einmal die Anemonen werden ohne schützendes Blätterdach hier leben können und der Sand, der durch die schweren Baumaschinen einen halben Meter tief aufgewühlt wurde, wird sich bei schweren Regengüssen als Sand-Lehm-Kreide und Geröllmischung - als Mure zum Strand wälzen. Die Lerchen sind von Mönchgut schon für immer weg - und hier auf Jasmund werden die künftigen Windparks die Seeadler dezimieren. Für alle gilt: "Kein schöner Land..."
 

 Als Fotograf und Satiriker wurde mir bei dem Anblick dieses Wortes sofort die Realität klar: RAUS - aus dem Wald, RAUS aus der Verantwortung...
 Eine Hinterlassenschaft, die nicht mehr zu vererben ist. Aber die Technik und Wissenschaft werden vielleicht bald einen Planeten entdecken, der für Menschen "bewohnbar" ist. Sollte das der Fall sein, sollte man prüfen, ob man nicht die "gemeine" Bevölkerung dorthin umsiedelt, sondern nur die Politiker, Beamten und Funktionäre ins All schießt...
 
 
Eine "frei gelegte" Siedlung, die zu keiner Jahreszeit sichtbar war, kann nun ans Zentrum angeschlossen werden. Ob das die Gründer und Häuslebauer jemals erträumt haben? Vom Wald in die Stadt - für mich nur ein Jasmunder Albtraum... Hinter der Treppe begann das Paradies der Inselbesucher, Naturfreunde und Anwohner. Hat das niemand verhindern können? Mich erinnert es an den (traurigen) Witz, den ein Bus-Fahrgast an der Wendeplatz-Bus-Haltestelle erzählte: Früher durften wir Ossis nichts sagen, darum hat sich nichts geändert - heute dürfen wir alles sagen - aber ändern tut sich auch nichts. Bei dem letzten Halbsatz drehte er sich misstrauisch um und ich ergänzte: "Man muss es ja nicht zu laut sagen... da nickte er mir deutlich zu.

 
Bis an den Stadtrand rollten die Zeugen des ehemaligen Waldes. Aber Zeugen einer solchen Vergewaltigung der Natur sind unbequem und lästig und werden sicher entsorgt. Zwei Tatbestände spielen sich momentan ab, die einander bedürften. Wir in MV brauchen Autos, die in Stuttgart oder Wolfsburg gebaut werden, und die Autostädte brauchen saubere Luft, die wir (nur halbwegs) hatten.
 Sie verpesten unser aller Luft bis zum 6-fachen des erlaubten Ausstoßes, und wir entsorgen im Gegenzug die Sauerstoff-Lieferanten - die Buchen. Wem nun eher bei diesem Wettbewerb die Luft ausgeht, wird sich zeigen. Ich schlage vor, dass unsere Kanzlerin als regierendes Oberhaupt den nächsten Anlass wahr nimmt und statt irgendeiner bejubelten Bändchen- Durchschneidung ein "von den Behörden vernichtetes Natur-Refugium" zu besichtigen.
 Es kann danach ja trotzdem ein typisches Denkmal errichtet werden. Text zum Beispiel: "DENK MAL!"
 
Resümee
 
Von 4 angeschriebenen Zeitungen hat der NORDKURIER als einziger einen guten und promptern Beitrag gebracht. Die "Ostseezeitung" (OZ) hat einen banalen Beitrag gebracht, der suggerierte, dass es sich um eine "normale" Baumfällung handelt - und nutzte die Gelgenheit, die Situation herunter zu spielen und zu verzögern, damit die Eröffnung der "Waldhalle" von keinem Kritiker gestört werden kann. 
Frau Merkel eröffnete den Millionen-Umbau der Waldhalle als "WELTERBEFORUM" und Michael-Otto-Haus, das gleichzeitig als Wanderziel, Ausstellung, Informationspunkt und Servicezentrale dienen soll. Die Kosten des ?Michael-Otto-Hauses? beliefen sich auf 1,5 Millionen Euro, von denen das Land rund 1,13 Millionen Euro übernahm. Der Hamburger Unternehmer Otto (nicht OTTO Walkes) hatte mit einer Spende für die Stadt Sassnitz den Ankauf der ehemaligen Waldhalle ermöglicht.
 Ob ein weiteres (teures) Haus notwendig wurde, wissen wohl nur die, die daran verdienten. Im Umkreis von 50 Kilometern gibt es das Stralsunder Ozeaneum, den Adlerhorst in Prora mit Naturerbe-Zentrum, das Nationalpark Zentrum Königsstuhl und diverse Türme wie Jagdschloss Granitz und Arndt-Turm in Bergen, um den Fernblick zu genießen.
Ob sich nun der Horizont bei denjenigen erweitert, die für die Natur nichts übrig haben, darf gezweifelt werden. Aber sicher wird sich auf dieser Insel irgendwer einen "Namen" machen, um mit seiner Spende und unseren Fördergeldern ein noch größeres "Naturerlebnis" zu bauen.
 Wenn möglich, sollte der Name etwas protziger ausfallen, so z. B. "Weltbildervermittlungs-Residenz Rügen". Es ist nur gut, dass das Pappmachee' erfunden wurde, das als Alleskleber, Allesvermittler und Alleskönner seine Qualitäten zeigt. Vielleicht wird ein Super-Designer mal völlig andere Wege gehen und unsere Kanzlerin in meine Bilder einflechten, die das Ausmaß an Barberei zeigen, dem unzählige gesunde Buchen zum Opfer fielen.
 Der Gedanke wäre so genial wie das Ei des Kolumbus, denn auf Idee zu kommen, die Kanzlerin mit einem zerstörten "Buchenwald im Einklang" zu zeigen und ihre einsinkenden Higheels als Gipsabdruck festzuhalten, (die man später vergolden kann) dann müsste das doch der Beginn eines eigenen "Walk of fame" sein. Um mit Holywood nicht verwechselt zu werden, sollten wir statt Hand-oder Fuss-Abdruck die Münder nehmen. Einen großen Mund haben hier sehr viele - und der bliebe zumindest in der Zeit des Abdrucknehmens geschlossen.
 
Klaus Ender, der bekannte Fotograf und Buchautor hat auch alle Fotos (Copyright: Klaus Ender) für diesen Beitrag bereitgestellt. Als "Alt-Sassnitzer" lebte und wohnte er in der Stadt. Als Gründer des Fotoclubs 1964 hat er so eine ganz besondere Beziehung zur Rügener Hafenstadt. Danken möchte er auf diesem Wege auch noch einmal seinem - immer bescheidenen - Nachfolger Max Bachmann, der wie Klaus Ender meint, für das was er geleistet hat eine Ehrung verdient.
 

---

Zu unseren Gastautoren zählen u.a.:
Klaus Ender, Holger Friedrich, Siegbert Geitz, Frieder Jelen, Dirk Liedtke, Kurt und Susanne Monz, Judith Schwarz, Herbert Trilk, Maik Zilian