Montag, 26. Juni 2017

Eigentlich hat Rügen den Zenit überschritten


Ein Gastbeitrag von Frieder Jelen

Eigentlich ist Rügen, die größte und schönste Insel Deutschlands, immer noch schön. Die meisten Insulaner sind sich eigentlich auch darin einig, dass sie schön bleiben soll. Von der Schönheit der Kreideküste, der erhabenen Buchenwälder auf Jasmund und in der Granitz, der schon klassisch zu
nennenden Bäderarchitektur von Juliusruh über Saßnitz bis Thiessow, der weiten weißen Badestrände, der herausgeputzten Kirchdöfer, der parkgeschmückten Schlösser und Gutshäuser lebt ihr erfolgreichster Wirtschaftszweig, der Fremdenverkehr. Auch die mehr von der Landwirtschaft geprägten Inselgebiete im Westen und Süden sind eigentlich schön und auch für den sanften Tourismus für Fahrradausflüge und Kranichbeobachtungen prädestiniert. Hier findet der lärmgeplagte Städter noch Ruhe und frische Luft. Hier kann man noch durchatmen. Eigentlich hat sich Rügen nach der Wende zum größten Teil fein herausgeputzt. Das genießen und loben viele ihrer Besucher. Eigentlich sollte man jetzt auf dem Höhepunkt die Entwicklung anhalten. Denn wenn man auf einem schönen Gipfel angekommen ist, geht es eigentlich nur wieder runter. Die Tourismusfachleute sind sich eigentlich einig darin, dass jetzt nur noch die Qualität gehalten oder verbessert werden muss. Aber die Fahrt in Richtung Massentourismus geht rasant weiter. Es fragt sich nur, ob es sich in zwanzig Jahren noch lohnen wird, auf Rügen anzukommen.
 
Wer sich einen Gesamtüberblick über die kleckerweise verkündeten, seit längerem schwelenden oder seit kurzem beschlossenen Planungen für neue Kapazitäten verschafft, kommt zur Zeit locker auf 15 Tausend neu zu zählende Betten. Schwerpunktorte sind vom Norden nach Süden: Dranske allein mit 3.500, Lohme mit neuerdings gewünschten 720, Dwasieden über 2.000, Prora weit über 2.000, neue Kurkliniken und Wohngebiete in Göhren usw. Das Dilemma besteht darin, dass vom Recht her jede Gemeinde für sich planen und beschließen darf und keine Behörde von einer Gesamtsicht her eingreift. Manche wünschen sich die Staatliche Plankommission" zurück. Die sündhaften Folgen sind neben Landschaftsverlusten, neuen Kapazitäten für den fließenden wie ruhenden Verkehr, auch Auslastungsrückgänge und künftige Pleiten einzelner Unternehmen. Die Frage steht im Raum, ob es bereits zu einer Immobilienblase gekommen ist. Die Grundstückspreise sind mittlerweile so hoch, dass sich ein Normalbürger den Wunsch nach einem Eigenheim kaum noch erfüllen kann, jedenfalls nicht an der Küste.
 
Und im eigentlich noch ruhigen Westrügen werden z.Z die Gemüter von einer für Rügen neuen unglücklichen Weichenstellung erhitzt. Zwischen Gingst und dem Friedwald-Park Pansevitz wird ein Eignungsgebiet für riesige Windräder geplant. Allein Schattenschlag und Infralärm werden dort die Ruhe vertreiben. Der Landschaftspark, der als solcher eine intakte Landschaft um sich benötigt und die wertvolle Rügenlandschaft für uns zum Idol erklärt, ist dann eigentlich keiner mehr. Aber die Grundstücke in dieser Region werden dadurch billiger. Solchen Erfolg wünschen sich die Anliegergemeinden eigentlich nicht. Bislang gehörte zu den Regeln, dass Windparks in bereits (etwa durch Autobahnen oder Stromtrassen) vorbelastete Regionen geplant werden. Die Landesplanung sowie die Regionalplanug gehen bei uns eigentlich den falschen Weg. Denn sehr bald könnte dieser Teil der Insel nun auch vorbelastet sein, womit dann weiteren Planungen in der Zukunft nichts mehr im Wege stünde. Jetzt ist Rügen eigentlich noch schön. Ist das Wort eigentlich" nicht eigentlich ein gefährliches Unwort?

Frieder Jelen ist Theologe, Politiker (CDU) und Schriftsteller. Nach der politischen Wende war er Mitglied der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer (vom 18. März bis 2. Oktober 1990). Von 1990 bis 1994 war Frieder Jelen Mitglied des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. Er war u.a. als Umweltminister (1993-1994), Bürgerbeauftragter (1995-2000) und Landrat des Landkreises Demmin (2000-2008) tätig.