Donnerstag, 1. Juni 2017

Ein Abend in Bergen: Wird Rügen das nächste Sylt?

 
Bergen. (SAS) Pünktlich um 18.00 Uhr begann das Forum der Ostsee-Zeitung: "Wohin geht die Reise? - Wird Rügen das nächste Sylt?“. Dieses wurde vom "Geburtstagskind" Jens-Uwe Behrendt, Chefredakteur der OZ, moderiert. Eingeladen hatte die OZ dazu u.a. den Vizepräsidenten der IHK zu
Rostock und Lohmes Bürgermeister, Matthias Ogilvie, den freie Stadtplaner und Architekten Dr. Ing. Frank-Bertolt Raith, des weiteren den Vorsitzenden des Tourismusverbandes Rügen, Knut Schäfer, Konrad Wittkowski von der Goldberg Immobilien Gruppe Nord GmbH und den ehemaligen Umweltminister von M-V, Frieder Jelen.
 
Matthias Ogilvie machte gleich am Anfang der Veranstaltung darauf aufmerksam, dass es ihm darum ginge, die Gästeschaft von Sylt zu gewinnen. Dabei ging es ihm vor allem um einen qualitativ hochwertigen Tourismus mit Angeboten im Bereich von Gesundheit, um eine hohe Auslastung zu erzielen. Dabei machte er auf den Bevölkerungsverlust in Lohme aufmerksam und verwies darauf, dass die Infrastruktur - beispielsweise Wege - im Rahmen von Subbotniks instand gehalten werden. Deshalb sei es notwendig zusätzlichen Tourismus mit 4 Sterne plus zu schaffen und daneben auch Wohnungen, Bauplätze für Einheimische, eine Kurmuschel und einen Kurpark entstehen zu lassen.

Frieder Jelen warnte darauf vor der Entstehung von Geisterstädten und mahnte die Notwendigkeit von Raumordnungsverfahren an. Die Begründung erfolgte durch eine Recherche. Die ergab alleine im Jahre 2016 die Ankündigung von:
12.500 Gästebetten
1.500 Wohneinheiten
1.200 Bootsliegeplätze
Deshalb würde - vor allem in Bezug auf Prora - eine Raumordnung zwingend notwendig, um einerseits Überschaubarkeit zu erzielen, andererseits aber auch Rückschlüsse auf die Infrastruktur zu ermöglichen. Außerdem müsse die Frage nach der Tragfähigkeit gestellt werden. Wichtig sind aber auch die Auswirkungen für die Landschaft. Ziel müsse es sein, dass sich Planung wieder in die Landschaft einfüge, so wie es das Beispiel Putbus zeigt. Dabei muss der Anspruch größer werden. Derzeit ist es so, dass durch die Habgier einiger Leute immer enger gebaut wird.
 
Der freie Stadtplaner und Architekt Dr. Ing. Frank-Bertolt Raith sah sich eher als Fachplaner in der Gesprächsrunde. Seine Aufgabe - so betonte er mehrfach - wäre es politische Zielsetzungen rechtssicher umzusetzen. Dabei versuchte er am Beispiel des Verdrängens der Tante Emma Läden durch die Discounter auf einen sich auch im Bauen vollziehenden Wandel aufmerksam zu machen. Denn hier passe dann die Ladenstruktur plötzlich nicht mehr in die alte Stadt. Und wenn diese Situation einträte,gäbe es Probleme.
Nach seiner Meinung wäre es nicht so, dass zu eng gebaut würde. Außerdem interpretierte er die gegenwärtige Entwicklung als Prozess, der der Lenkung bedürfe. Wenn beispielsweise die Wohnungsversorgung ein Problem darstelle, müsse die Kommune entsprechend gegensteuern.

Konrad Wittkowski machte auf die Entwicklung der Immobilienpreise seit 1990 aufmerksam und stellte die Frage: Wohin wollen wir? Die Ansprüche müssen dazu steigen, aber das bedeute nicht Sylt. Wichtig wäre es vor allem, dass man mit allen Betroffenen spricht. Er sehe sich vielfach als "Immobiliendoktor", der oft vor dem Problem steht eine Immobilie entwickeln zu müssen.
Auch rückte er in den Blickpunkt, dass der alte Landkreis keine Übersicht zu den Preisentwicklungen erstellen konnte. Diese Preisdynamik zu verfolgen, sei aber notwendig, um auch gegensteuern zu können.

Knut Schäfer umriss das Problem des Tourismus. Der habe Probleme, weil das Beiwerk Probleme macht. Derzeit wäre die Situation so, dass beispielsweise auch 18.000 Hotelbetten ganzjährige Arbeitsplätze gegenüberstehen. Wichtig wären aber auch Standortoffensiven und dazu würden u.a. Kita-Plätze gehören, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten. Nach seinen Angaben wäre auch die Auslastung der Ferienwohnungen um 3 % gestiegen, weil 2.000 Ferienwohnungen abgebaut wurden. Diese lohnten sich nicht mehr weil die Auslastung im unteren Bereich nur noch bei 25% läge, der Rest liege bei etwa 40%. Für ihn wäre es wichtig den Tourismus mit den Einheimischen zu entwickeln - siehe Wohnturm in Prora. Auch verwies er auf das touristische Leitbild von 2005: Einig war man sich bereits darüber, dass keine Betten auf der grünen Wiesen entstehen sollten.

Anschließend kam auch das Publikum zu Wort. So äußerte eine Bewohnerin aus Lohme, dass sie sich mit dem neuen Großprojekt auch eine Verbesserung der Infrastruktur - von Nahverkehr und Nahversorgung - erhoffe.
 
Vertreter der Bürgerinitiative "Bewahrt Lohme!" machten darauf aufmerksam, dass man auch mit den Gegnern des Großprojektes reden muss. Wenn das nicht geht, kann es auch keine Entwicklung geben.
 
Ein Gingster sprach sich für ein gemeinsames Gemeindegebiet auf der Insel aus und beklagte den Identitätsverlust seit der Landkreis Rügen nicht mehr existiere. Es müsse unbedingt eine Gebietskörperschaft her, die darüber entscheiden kann, was kommt. Die Kleinstaaterei sei für einige natürlich von Vorteil und spielte so auf den freien Stadtplaner und Architekten Dr. Ing. Frank-Bertolt Raith an.

Einer der Bürger befand, dass der Lohmer Bürgermeister, Matthias Ogilvie, sich darum kümmern solle, dass wieder ein Bus fahren würde.

Wieder ein anderer Bürger aus Sellin machte klar, dass die Zahlen erst ab 9 Betten bei der Vermietung in die Statistik einfließen würden und die Zahlen daher - bezüglich der Statistik - mit Vorbehalt zu betrachten sind. Die Ohnmächtigkeit gegenüber den Investoren sehe er, weil das fachliche Wissen vieler Gemeindevertreter oft nicht gegeben wäre, um auf Augenhöhe mit den Investoren zu verhandeln. Auch hatte er die Entwicklung so beschrieben: Erst würden die Flächen aufgekauft, dann werden die alten Häuser abgerissen und anschließend neu bebaut. Aber es gibt auch Beispiele dafür, dass gegengelenkt würde. In Sellin habe man sich - gerade auch in Bezug auf die Wilhelmstraße mit dem Gestaltungsbeirat des Landes zusammengesetzt, um fachliche Hilfe zu erhalten.

Einer der Einwürfe: Für die Bebauungspläne hätten die Gemeinden oft kein Geld, also würden sie von den Investoren bezahlt und die würden dann die Richtung mit ihrem Entwurf bestimmen. Der Investor bezahle ja den Planer, dann komme es zur Stellungnahme und darauf erfolge dann der Abwägungsvorschlag, der vom Planer gemacht werde. So wird die Mitbestimmung ausgehebelt.
 
Das provozierte auch die Forderung, warum nicht darüber geredet würde, wie die Bautätigkeiten in diesen Ausmaßen endlich gestoppt würden? Schließlich müssten die Bürger wieder Möglichkeiten zur Einflussnahme erhalten.
 
Dann meldete sich eine Gingster Buchhändlerin zu Wort. Ihr würde, so die Feststellung, Angst und Bange, wenn sie betrachte, was derzeit an Bäumen auf Rügen abgeholzt wird und in welchem Umfang Baumaßnahmen stattfänden. Und sie wurde auch in Bezug auf Westrügen konkret. Hier sei ein 79 ha großer Windpark geplant, dessen Windräder 200 Meter groß ist. Die Kirche unweit ihrer Buchhandlung würde gerade einmal 68 Meter hoch sein. Niemand will das! Und wenn das noch 10 Jahre so weiter ginge, dann wäre die Insel "erledigt". Es ist nicht mehr zu ertragen. Die Schönheit der Insel wird schlagartig kaputt gemacht.

Frieder Jelen griff das Problem auf und verwies darauf, dass man widersprechen könne - aber: Es würde niemanden interessieren. Landschaftsparks, die einst Symbole der Aufklärung waren, verlören ihre Sinnhaftigkeit.
 
Das sorgte für eine starke Geräuschkulisse, die schon mehrfach auch bei den anderen Vorrednern durch Klatschen unterbrochen wurde.

Auch Prof. Dr. Hans Dieter Knapp ergriff nun das Wort und bezeichnete die Windräder als Katastrophe, die sich - nach seiner Ansicht über die kommunale Selbstverwaltung hinwegsetzen würden. Sein Eindruck wäre: Das seit etwa 10 Jahren eine neue Welle über die Insel schwappen würde - getrieben durch die Niedrigzinspolitik und die Flucht in das "Betongold". Aber: "...ist diese Insel nicht zu schade zur Geldanlage?" Den Prototypen eines Großprojektes sah er dabei in Prora - an ihm scheiterten sowohl das dritte Reich als auch die DDR. Nur wenn die Gemeinden sich als Solidargemeinschaft auf Rügen verstehen würden, habe die Insel eine Chance.
 
Nun ergriff auch ein Vertreter der Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) das Wort. Er erinnerte daran, dass die Gemeinden frei sind und in den zuständigen Ämtern Fachleute sitzen sollten. In Bezug auf die Windräder unterstrich er, das hier noch Einwendungen möglich wären. Was er nicht verstehe: Auf einer Fläche von 5% des Biosphärenreservates Südost-Rügen würden sich 50% der Besucherströme bewegen. Was habe dies - siehe Mönchgut - noch mit einem Biosphärenreservat zu tun? Und er erinnerte daran, das einmal gesagt wurde, dass jede Gemeinde ihre eigene Kapazität  bezogen auf den Tourismus - festlegen solle... Dann machte er deutlich, dass 3.000 Frauen auf Rügen nicht arbeiten können, weil es an Kita-Plätzen fehle. Auch kam er auf die Arbeitsplatzsituation zu sprechen: Hier gebe es nun sogar Ruhetage in der Saison, weil es an Arbeitskräften fehle.

Abschließend kam noch einmal eine Bürgerin zu Wort. Sie erzählte, dass ihre Tochter nicht mehr zurück kommen wolle, weil sie sich frage, wie die Insel inzwischen aussähe. Sie wäre entsetzt gewesen. Auch weil alles so teuer wäre und bei 8 bis 9 Euro, die gezahlt würden, bekommt man weder Leute zur Rückkehr bewegt noch könnten diese, wenn sie dafür arbeiten gehen würden, später eine Rente beziehen.

Die Frage: "Wohin geht die Reise?" konnte nicht beantwortet. Dafür wurde die Gegenwart sehr gut in diesem Forum der Ostsee-Zeitung diskutiert. Der Dank geht an die Ostsee-Zeitung für dieses gut gestaltete Forum im Medienzentrum von Bergen. Die Beteiligung war so groß, dass es an Plätzen mangelte - Zeichen dafür, dass es Gesprächsbedarf gibt.