Freitag, 30. Juni 2017

Eine Gasleitung und ihre Folgen

Große Banner auf Anhängern - hier bei Putbus - sorgen derzeit für Aufmerksamkeit
Ein Gastbeitrag von Maik Zilian

Es ist Frühling. Eigentlich die schönste Zeit in der Landwirtschaft. Das Wachstum beginnt und im Mai prahlt die Natur im üppigen Grün. Doch dieses Jahr ist alles anders. Nicht das die Natur nicht zu ihrem Wort steht, ganz im Gegenteil. Die Kulturen sind nach einem schwierigen, da zu trockenem
Herbst, gut aus dem Winter gekommen. Aber Planungen von Ausgleichsmaßnahmen auf den Flächen der Agrarprodukt Poseritz lassen nicht wirklich Glücksgefühle in diesem Frühjahr aufkommen.
 
Nordstream 2, eine vom russischen Energie-Riesen Gasprom geführte Gasleitungs-Firma, will einen zweiten Gasleitungsstrang von Russland nach Deutschland durch die Ostsee bauen. Dies stellt wie jede andere Baumaßnahme einen Eingriff in die Natur dar und der muss nach dem deutschen Naturschutzgesetz ausgegichen werden.
 
Wir in Poseritz haben Erfahrungen mit solchen Ausgleichsmaßnahmen. Vor gut zehn Jahren wurde die Mellnitz-Üselitzer Wiek, ein trocken gelegtes Grünlandgebiet, wieder vernässt: Als Ausgleich für die neue Rügenbrücke wurden über 200 ha landwirtschaftliche Fläche, überwiegend extensiv genutztes Grünland, der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen. Gerade in diesem Jahr haben wir Flächen für eine Alleenpflanzung von Poseritz nach Samtens, als eine Ausgleichsmaßnahme für den Weiterbau der B 96 abgegeben.

Aber was uns da am 15.3.2017 ins Haus flatterte, stellte alles bisher Dagewesene in den Schatten. Über 1.000 ha bestes Ackerland sollen für mindestens 25 Jahre aus der Produktion genommen und in extensives Grünland und Wald umgewandelt werden. Das sind über 40 % unserer Betriebsfläche. Ökonomisch gesehen würden uns weit über 50 % unserer Erträge verloren gehen, da es sich bei den Flächen um unsere ertragsstärksten Felder handelt. Felder, welche über mehrere Jahrhunderte ackerbaulich genutzt werden.

Drainage-Karten vom Ende des 19. Jahrhundert und Schienen für Feldbahnen, welche über die Felder nach der Hackfruchternte im Herbst gezogen wurden, zeugen von einer langen Tradition der intensive Landwirtschaft in diesem Gebiet.

Viele Gesellschaftsordnung hat diese Wirtschaftsweise überlebt. Und nun soll sie in einem demokratischen System enden?

Die Gasleitung soll neben der bereits bestehenden durch den Greifswalder Bodden verlaufen. Für den damit verbundenen Eingriff in die Natur sind als Ausgleich ca. 3.000 ha landwirtschaftliche Nutzfläche vorgesehen, überwiegend auf der Insel Rügen.

Über 400 Grundstückseigentümer wurden am 15. März angeschrieben und über das Vorhaben informiert. Innerhalb einer Woche sollten Sie sich entscheiden, da mit der Umsetzung der Maßnahme 2018 begonnen werden soll. Über die guten Kontakte mit Berufskollegen konnten wir innerhalb weniger Tage das Ausmaß der geplanten Kompensation erkennen. Der Schock saß tief und ist bis heute nur schwer zu beschreiben.

Landwirte planen sehr lange. Viele Investitionen sind langfristig angelegt – ob in den Boden in Form von Kalkung und Grunddüngung, in Technik, Gebäude oder in die Ausbildung der Mitarbeiter. In unserer Branche denkt man nicht in Wochen und Monaten, sondern eher in Jahren und Jahrzehnten.

Plötzlich sollte ein Großteil dieser Planung hinfällig sein? Nachdem sich die erste Schockstarre gelöst hatte, wurden intensive Gespräche mit allen Verantwortlichen aus der Politik und der Verwaltung geführt.

Die Zeit drängte, denn neben der einwöchigen Entscheidungsfrist begann das Planfeststellungsverfahren mit der Auslage der Planungsunterlagen vom 18. April bis 17. Mai und der Einspruchsfrist bis 31. Mai.

Für uns galt es, diese Zeit gut zu nutzen. Andere Arbeiten, ob draußen oder im Büro, gerieten da sehr schnell in den Hintergrund. Der April und der Mai sind sehr arbeitsreiche Monate. Manchmal beschleicht einen der Verdacht, dass diese Zeit absichtlich gewählt wurde. In zahlreichen Gesprächen bekräftigten wir, die betroffenen Landwirte, keinen Hektar Ackerland für diese Kompensationsmaßnahme bereit zu stellen.

Es geht uns dabei nicht um die Höhe der Entschädigung, sondern um das Prinzip, den Boden zu schützen. Furchtbare Ackerflächen in einer klimatisch begünstigten Region, wie hier auf der Insel Rügen, sind ebenso existenziell für eine Gesellschaft wie die Energie versorgen. Sie sollten nicht leichtfertig energiewirtschaftlichen Interessen geopfert werden. Solche Böden sind auf der Welt nur begrenzt vorhanden und schon gar nicht vermehrbar. Auch wenn in Zeiten des Überflusses das Bewusstsein für die Nahrungsmittelproduktion oft nicht sehr ausgeprägt ist, warten in der Zukunft große Herausforderung.

Gerade in Zeiten des Klimawandels, durch den Missernten auf Standorten im Binnenland (Brandenburg und südliches Mecklenburg) immer wieder eintreten können, müssen wir Standorte wie unsere schützen.

Ohne künstliche Bewässerung können wir stabile Erträge erzielen. Wir kämpfen darum, dass die folgenden Generationen ebenfalls moderne Landwirtschaft in der Region und mit der Region betreiben können. Eine gesunde wirtschaftliche Basis lässt uns Krisen, wie kürzlich bei der Milch, überstehen und so die Arbeitsplätze sichern.

Es geht dabei auch nicht nur um die unmittelbaren Arbeitsplätze in den landwirtschaftlichen Betrieben. Zahlreiche Firmen im vor- und nachgelagerten Bereich, wie z. B. dem Landhandel, den Landmaschinenwerkstätten, dem Transportgewerbe bis hin zu vielen kleinen Handwerksbetrieben sind Teil dieser Wertschöpfungskette.

Extensives Grünland und Wald trägt da wenig zu bei. Fachleute, wie zum Beispiel von der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises, bekräftigen ebenfalls ihr Unverständnis über die geplanten Maßnahmen und brachten zahlreiche sinnvolle Alternative ins Spiel. Viele Politiker bis hin zu Frau Dr. Merkel verstanden unser Ansinnen und sagten uns Ihre Unterstützung zu.

Auch wenn mittlerweile angeblich weniger Flächen benötigt werden als ursprünglich vorgesehen, sind nach wie vor alle Gebiete in ihrem vollen Umfang Teil des Planverstellungsverfahrens.

Lippenbekenntnisse einzelne Beteiligter zählen da nicht viel. Wir befinden uns immer noch mitten drin im gesetzlichen Genehmigungsverfahren und werden erst wieder beruhigt unserer Arbeit nachgehen, wenn sämtliche Ackerflächen nicht mehr Teil der geplanten Kompensationsmaßnahmen sind. Neben den juristischen und fachlichen Einwendungen, welche wir ausführlich eingebracht haben, werden wir den öffentlichen Druck auf die Entscheidungsträger beibehalten.
 
Maik Killian ist einer der beiden Ansprechpartner der Initiative "Bauern gegen Nord Stream 2 - Kompensationsmaßnahmen auf der Insel Rügen. Sein Gastbeitrag ist zeitlich parallel auch in "Bi uns to Hus - Nachrichten aus Poseritz und Gustow" - Nr. 3 für den Monat Juni / Juli 2017 erschienen. Seit kurzem ist bekannt, dass am Donnerstag, den 20. Juli 2017, die nichtöffentliche (!) Erörterung der erhobenen Einwendungen gegen den Bau der Erdgasleitung Nord Stream 2 und die damit verbundenen Kompensationsmaßnahmen erfolgen soll.  
 
 
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Zu unseren Gastautoren zählen u.a.:
Klaus Ender, Holger Friedrich, Siegbert Geitz, Frieder Jelen, Dirk Liedtke, Kurt und Susanne Monz, Judith Schwarz, Herbert Trilk, Maik Zilian