Donnerstag, 15. Juni 2017

Von Selliner Architekturaspekten

Alter Glanz der Laubsägearchitektur in der Wilhelmstraße
Sellin. (SAS) In der Vergangenheit haben wir uns bereits des öfteren mit der Bäderarchitektur auf Rügen auseinandergesetzt. Einer erweiterten Einteilung nach Egon Weber folgend, besuchten wir so bisher die Seebäder der Insel: Der 1.Phase bis 1830 - Putbus , der 2. Phase von 1830 bis 1880 - Binz
und der 4. Phase nach 1936 – Prora. Dabei blieb die 3. Phase der Seebäder (ab 1880) und ein Beispiel wie das Seebad Sellin bisher gänzlich unbetrachtet.
Wie alle vorgenannten Seebäder befindet sich auch Sellin auf dem ehemaligen Grund der Fürsten zu Putbus. Südöstlich des ausgedehnten Waldgebietes der Granitz gelegen, erblühte der Fremdenverkehr des Seebades als Folge der grundlegenden gesellschaftlichen Wandlungen - so wie auch in Göhren, Breege oder Juliusruh.      
Blick auf die mit Holzv-Balkonen verkleideten Fassaden
Der Beginn der Entwicklung zum Seebad wird in Sellin mit dem 1887 erfolgten Bau von Lübky´s Hotel – an einem Waldweg zum Außenstrand – datiert. Das Haus selbst wurde bereits 1894 an den Krugwirt Heinrich Bunterbart verkauft, der dieses in „Bunterbarts Hotel“ umbenennt. Neuland beschreitet er 1894 mit einem Warmbad. Wie bereits in Putbus – dem Seebad der 1. Phase – wird dazu Ostseewasser herbeigeschafft und für die Gäste mit einem Kessel vor Ort erwärmt.
Auch das Füstenhaus zu Putbus nimmt – wie bereits im Seebad Binz – wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung Sellins. Ihr Favorit für den Gemeindevorsteher ist damals der Kaufmann Hermann Holtz. Er entwickelte Sellin ab 1898 unter der Werbebotschaft „Die Perle der Insel Rügen“ innerhalb kurzer Zeit zu einem anerkannten Badeort. So wird auch Anfang des 20. Jahrhunderts die Planung für ein Gemeindehaus mit einem Warmbad, das 14 Warmbadezellen enthalten sollte, zu Papier gebracht und 1906 realisiert.
Eines der Fertigteilhäuser, die in Sellin errichtet wurden.
Doch die Zielstellung des Ortes lag in der Entwicklung zu einem klimatischen Kurort. Das erklärt vielleicht auch die Wahl von Dr. Kruschewski zum Gemeinde- und Badearzt. Als Assistenzarzt im Dresdner Sanatorium „Weißer Hirsch“ hatte er bereits viel Erfahrung gesammelt und so wundert es nicht, dass 1902 eine Heilanstalt mit Erholungsheim eröffnet wird, welche sogar zwei Jahre später um ein weiteres Gebäude ergänzt wurde. Dabei setzte man auf die natürlichen Faktoren von Luft, Licht und Wasser sowie sportlicher Betätigung, die im hauseigenen Kurpark möglich war. Diese Form des frühen Gesundheitstourismus leidet allerdings bereits im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts zunehmend unter dem Preisdruck des wachsenden Massentourismus.
Neubebauung an der Uferböschung - Bäderarchitektur? Geschmackssache.
In diese Blütezeit der Entwicklung fällt jedoch auch die Errichtung zahlreicher Bauten, die sich gestalterisch vor allem dem Historismus und Jugenstil verschrieben haben. Noch heute lassen sich die verschiedensten Formen – von der Villa als „Loggiahaus“ bis zum „Landhaus“ finden. Von besonderer Betrachtung dürften zwischen den klassischen Vertretern der Bäderarchitektur mit ihren Logien aus Stein, Stahl und Holz jedoch die Holzhäuser sein.
So beispielsweise das Haus „Finja“. Ursprünglich als Privatklinik mit kleiner Apotheke geplant, schmolz das zwischen den Häusern „Rugia“ und „Granitz“ vorgesehene Bauvorhaben von Dr. Schwartz, aus dem schlesischen Glewitz, zum Haus für die Sommerfrische ab. Der Schönheit des Holzhauses tat dies jedoch keinen Abbruch. Eine ähnliche Ausnahmeerscheinung dürfte auch der 1927 für Frau M. Schröter errichtete Bau des Blockhauses „Glückswinkel“ – ebenfalls in der Wilhelmstraße – sein. Zur Gruppe der Wolgast-Häuser wird das Haus „Min Hüsing“ – im Bau identisch mit einem Haus in Berlin-Wannsee – gerechnet.
Die neue Selliner Seebrücke
Bis heute wird in Sellin eifrig gebaut – auch in Anlehnung an die bereits vorhandene Bäderarchitektur der Blütezeit. So entstanden u.a. eine Neuinterpretation der Seebrücke oder der Bau von Villen in direkter Hanglage. Wie immer lässt sich auch in diesem Falle über Geschmack streiten – die einen mögen es, die anderen nicht.