Donnerstag, 20. Juli 2017

Ein Fernseh-Tipp, Rügen und die Hitler-Attentäter

Es ist einer der eher kühlen Sommer an der pommerschen Küste. Die Insel Rügen lädt eher zu Museumsbesuchen als dem Strandaufenthalt ein; auch der 20. Juli 2017 scheint da keine Ausnahme zu machen.
Oberst von Stauffenberg (Peter Becker) fliegt am Morgen des 20. Juli 1944 von Berlin zum Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen (Foto: © PHOENIX/ZDF/Oliver Halmburger)
Also ein Tag wie jeder andere? Nein, nicht ganz! Denn heute jährt sich auch der Staatsstreich gegen Hitler zum 73. Mal. Davon hören Rüganer und ihre Gäste sicher noch öfter in Radio oder Fernsehen. Und natürlich: Erinnert wird an das Ereignis - die Platzierung einer Bombe durch Claus Schenk Graf
von Stauffenberg im ostpreußischen Führerhauptquartier "Wolfsschanze" und die sich anschließende Operation Walküre - im aktuellen Fernsehprogramm. Wer historisch interessiert ist, kann sich dazu heute u.a. 13.15 Uhr vormerken. Denn zu diesem Zeitpunkt wird der zweite Teil der Dokumentation "Stauffenberg - eine wahre Geschichte" auf Phoenix ausgestrahlt. Inhaltlich geht es noch einmal um die Rekonstruktion des historischen Geschehens an jenem 20. Juli 1944. Und möglich wird dies vor allem durch ein Zeitzeugengespräch mit Ewald von Kleist, dem letzten noch lebenden Mitverschwörer.
Fundamentreste der Baracke in der Wolfsschanze bei Rastenburg (Ostpreußen)
Aber sonst? Nun, Aufmerksamkeit erregte in diesem Monat bereits eine druckfrische Ausgabe auf dem Buchmarkt: Valerie Riedesel, die Enkelin Caesar von Hofackers, legte das Buch "Geisteskinder" vor. Die Autorin ist Mutter von fünf Kindern und führt heute - gemeinsam mit ihrem Mann - einen landwirtschaftlichen Betrieb auf der Insel Rügen. Interessant an dem Buch: Valerie Riedesel beschreibt darin die Ereignisse des 20. Juli 1944 aus Sicht ihrer Familie. Der Ansatz, der sich auch auf bislang unbekannte Quellen stützt, ist von Bedeutung, da Caesar von Hofacker einer der treibenden Kräfte der Pariser Verschwörer ist. (Es wird hier in Kürze vorgestellt).
 
Neuerscheinung zum Thema 20. Juli 1944: "Geisteskinder"
Doch unabhängig davon lohnt sich auf Rügen weitere interessante Spuren und den Verbindungen zu den Hitler-Attentätern zu verfolgen. Hinweise, die die Bedeutung Rügens im Vorfeld der Vorbereitung des Putsches betonen, gibt es reichlich.
 
Erst am 20. Juli 2014 wurde eine Gedenktafel an das Gutshaus in Streu angebracht. Sie erinnert an Hans Volckmann (1885-1953). Bei ihm, dem ehemaligen Eigentümer von Streu sollen sich einst führende Vertreter der Wehrmacht regelmäßig getroffen haben. Zu denen, die sich im Widerstand gegen das Regime befanden, zählen unter anderem Gäste wie Generaloberst Kurt von Hammerstein, General Erwin von Witzleben, Generaloberst Friedrich Fromm, Oberst Wilhelm Staehle oder Generaloberst Ludwig Beck. Zeitzeugen benannten sogar Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Nur über genaue Daten zu ihren Besuchen legt sich derzeit noch ein Schleier der Vergangenheit. Streu selbst bot sich dabei aus verschiedensten Gründen an: Einerseits durch eine alte Kameradschaft zwischen Volckmann und Fromm - sie dienten im gleichen Regiment - andererseits weil sich eine gemeinsame Jagd sehr gut zum Austausch von Informationen eignete ohne das von außen Verdacht geschöpft werden konnte.
 
Das Jagdschloss Granitz: Hier waren die Verschwörer des 20. Juli 1944 zu Gast
Auch im Süden der Insel traf man sich übrigens zur Jagd und zum Gedankenaustausch: So bei Malte Ludolph von Veltheim, Herr zu Putbus (1898-1945). Neben Fromm fallen auch hier weitere bereits bekannte Namen: Generaloberst Ludwig Beck und Generaloberst Kurt von Hammerstein-Equord. Übernachten taten die drei Offiziere übrigens im Jagdschloß Granitz. Wie weit jedoch die Einbeziehung von Volckmann, von zu Putbus oder anderen Rüganern ging, ist bis heute weitgehend unbekannt und lässt sich - bedingt durch das Wesen einer Verschwörungen - schwerlich feststellen.
Jedoch läßt sich zweifellos sagen, dass mit Ludwig Beck einer der entscheidenden Köpfe des Widerstandes, mehrfach auf der Insel weilte. Über ihn soll Adolf Hitler zu einem Minister sogar geäußert haben: „Der Mann wäre imstande, etwas zu unternehmen." Das er mit seiner Einschätzung richtig lag, zeichnete sich jedoch bereits weit vor dem 20. Juli 1944 ab. Beck, der als Chef des Generalsstabes, auf eigenen Wunsch am 1. November 1938 ausschied (und damit seiner Enthebung zuvor kam), war bereits Teil der sogenannten Septemberverschwörung.
 
Auf den Spuren der Vergangenheit im Jagdschloss Granitz
Während Volckmann den Krieg überleben sollte und 1945 sogar als Opfer des Faschismus anerkannt wurde, verhaftete man den Rittmeister zu Putbus bereits am Tage (22. Juli 1944) nach dem mißglückten Hitler-Attentat. Damit war er einer der ersten Opfer einer Verhaftungswelle, die hunderte Menschen in Deutschland betraf. Über Stralsund und Greifswald kam er zunächst in das Zentralgefängnis Stettin. Später soll er als "Schutzhäftling von Putbus - Häftling 129476" in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht worden sein, wo er auf den Mitverschörer  Carl-Hans Graf von Hardenberg traf (gegen den bereits die Todesstrafe beantragt war). Die Umstände des Todes von zu Putbus am 10. Februar 1945 sind bis heute umstritten und waren u.a. Gegenstand eines Rechtsstreits um die Rückübertragung von Gütern auf der Insel Rügen in den 90er Jahren.