Montag, 3. Juli 2017

Von der Waldschenke zum "Mensch Otto Laden" ...

Ein Glosse als Gastbeitrag von Klaus Ender

Es gibt ja seit der Wende so manch kuriosen Millionbau, aber dieser Parterre - überdachte Schuppen mit seinen Riesen-Klos an der Vorderseite und sein "auf wenige Besucher" minimiertes Häppchen-Buffet gehört doch wohl nicht dazu....
Man schaut sich "gezwungenermaßen" nochmal um in der Hoffnung, etwas übersehen zu haben, aber bei aller Liebe zur Insel Rügen, fiel keinem der 6 Urlauber, die am Dienstag d. 27. 6. 2017 von 12 bis 13 Uhr anwesend waren, etwas Positives auf. Dann wagte ein Ehepaar eine Frage an die Dame vom Buffet zu richten: "Wissen Sie, ob es vom Wissower Klinken noch einen Abstieg zum Strand gibt?"
Die Buffet-Dame schaute irritiert auf und sagte: "Wissen Sie - ich arbeite hier und gehe nicht spazieren, wie soll ich das wissen...
Am Klinken traf ich das ältere Paar wieder und beide resümierten: "Soviel Desinteresse ist ja kaum zum aushalten; sie arbeitet in einem Informationszentrum und kennt sich nicht aus!" Das Kopf schütteln wurde in der Gruppe, die noch wandern wollte, zum allgemeinen Echo. Ein älterer Herr sagte sich fragend: "Und dafür war die Merkel hier???
Ich fragte mich, als ich noch 3 Fotos machte (mehr ist der Bau nicht wert), ob man in MV so unkritisch geworden ist, dass man alles bejubelt. Wer dort rein geht, geht schnell wieder raus, weil man seinen Urlaub wirklich besser nutzen möchte. Doch draußen ist's nicht besser...
Man fragt sich auch - wenn schon kein einziges Auto zur Waldhalle fahren darf, warum ein so öder und übergroßer Platz angelegt wurde. Sollte da noch etwas wachsen, fragt man sich, wer soll das pflegen? Aus Erfahrung wissen wir, wieviel nachgepflanzte Allee-Bäumchen vertrocknet sind, weil sie niemand mit Wasser versorgte. Sollte das hier anders werden?

Die urige und beliebte Gaststätte Waldhalle in der Stubnitz gibt es nicht mehr. Diesen Satz hört man oft, wenn ehemalige DDR-Bürger nach Jahren wieder in der Stubnitz wandern möchten. Es war so schön, auf den 8 Kilometern von Sassnitz, den Strand lang bis zum Königsstuhl zu laufen - und nachmittags, oben entlang zurück, um dann fast auf der Hälfte des Weges gemütlich in der Waldhalle Kaffee zu trinken sagte ein Thüringer.
So etwas hier hin zu setzen, meinte ein Anhaltiner - und schüttelte den Kopf. Ja, sagte ich, wenn die Investoren und Politiker den "Leuten auf's Maul schauen" würden, dann gäbe es solche ideenlosen Bauwerke nicht. Die Front des Hauses zeigt oben altes, norddeutsches Fachwerk - und unten die Nüchternheit einer mißlungenen "Bauhaus-Kopie". Immerhin ist zurecht das OBEN an Substanz nach oben gekommen und das unter der Gürtellinie (in einem romantischen Buchenwald liegend), dieses banale Beton-grau, das schon in Großstädten zum Unbeliebtesten an Wohnkultur gehört. Aber vielleicht gelingt es einem Ossi, ein paar Tausend Euros locker zu machen und in Hamburg - am Fuße der Elbphilharmonie solch einen Zwitterbau hinzusetzen. Das wäre in einem Punkt gerecht, weil sich Waldhalle und Hamburg in einer schönen Gegend befinden, der viele Touristen anlockt.
Der Universalbau, der die historische Gaststätte Waldhalle ablöst, ist ein Millionen verschlingender Zweckbau, der seinen Zweck nicht erfüllt. Man wird ihn weder brauchen, noch stark nutzen, noch weiter empfehlen. Das Nationalpark-Zentrum Königsstuhl hätte allemal ausgereicht, sich zu informieren. Den Erbauern dieses "Waldhalle-Kaffee-Ersatzbaues" fiel nichts Vernünftiges ein - und die Bauherren-Ver(sch)wender schlossen sich gleich an.
Wenn man alles, was sich für Urlauber und Einheimische in der Stubnitz verschlechtert, zusammen zählt, dann dürfte sich für viele Menschen die Sehnsucht nach Rügen - mangels "Natur-Erlebnis" - erheblich mindern.
Da sind weite Uferabschnitte (oben) mit Verbotsschildern flankiert, viele Hochuferabschitte wurden zurück verlegt, so dass etliche Aussichtspunkte wegfallen und durch langweiligere Abschitte ersetzt werden. Es sind nicht mehr alle Abstiege nutzbar, da sie nicht mehr repariert, sondern verboten werden.
Die Gemeinden sind so klamm, dass sie über Jahre hinweg kein Geld aufbringen können, um den Hochsitz am Nonnensee oder den Grümbke Turm zu renovieren - und die (schon immer) abgestürzten Treppen im Nationalpark werden z.T. auch nicht mehr ersetzt. Vielleicht trösten sich die nun allseitig informierten Besucher damit, dass sie nicht mehr jede Treppe besteigen können, dass dafür aber die Kurtaxe steigt.
Das zusätzlich erworbene Geld kann dann wieder in unsinnge Projekte fließen. Vielleicht finden wir noch andere "Ottos", die das mitfinanzieren. Apropos Otto - Ob das auch für Sassnitzer gilt, dass man ein paar Tausender rüber schiebt und in Hamburg oder München ein Ausflugslokal, einen Biergarten, eine S-Bahnstation oder Straßennamen bekommt? Wenn das Schule macht, sehe ich schwarz.
Wenn Otto erkennt, dass hier im Osten (für Geld) alles möglich ist, dann verdrängt er Toyota und schreibt: "Alles ist möglich - OTTO!" Und sollten auch wir Rüganer im goldenen Westen unsere Käuflichkeit demonstrieren dürfen, dann hätte unsere Firma eine noch größere Chance, weil wir unseren Namen nicht zusätzlich kaufen und anbringen müssten - sondern ihn nur "fett" machen. Wir würden dann alle ran kriegen, die ihr Amt mit unserem Namen mißbrauchen: Vorsitzender - Beisitzender - Kalender - Vierzehnender - Regierender.
Die Otto-Frage möchte ich lieber mit Humor beenden und rufe: "Mein Gott - Walter!"
Die Plakat-Wut der Informationszentren ist ungebrochen und uns Ostdeutsche erinnert die Polemik daran, dass man uns zu "besseren" (sozialistischen) Menschen erziehen wollte. Das ging "daneben" und ich glaube auch nicht, dass durch diese bunte Pappe die Liebe zur Natur wächst. Man kann diese Manie auch überziehen und die Besucher damit anöden.
Das was Natur ist, machen sie kaputt - und das, was weder den Menschen noch den Tiere, noch der Vegetation dient, wird mit Millionen finanziert. Dieses neue Unesco-Weltterbeforum ist erstaunlicherweise "gratis" zu besuchen. Darüber wundert man sich nicht, denn es gibt keinen Grund, dafür Eintritt zu verlangen. In allen Gesprächen mit den Besuchern, wurde tief bedauert, dass es die alte Waldhalle nicht mehr gibt. Rügen hat wieder mal ein Stück Historie und Lebensqualität verloren.

Die Gaststätte Waldhalle entfällt - und wird durch ein Mini Buffet ersetzt. Der Buchenwald verlor Hunderte (oder Tausende) herrliche, alte Buchen, die wegen Gefährdung der Wege abgeholzt wurden - und der Wanderer, der diese Barbarei sieht - ist gleich zweimal entsetzt. Erstens durch den Verlust der Buchen - und dann - wenn er die Wege wegen eines Pilzes oder einem seltenen Schmetterling nachlaufend, verlässt - wegen der total überzogenen Strafen, die ihn erwarten.
Wenn eines Tages nichts mehr in punkto Tourismus läuft, weil es besser erhaltenere Regionen gibt und die Werbung mit über 200 Meter hohen Windrädern nicht zieht - sondern abschreckt - dann wird vielleicht die Waldhalle (für Millionen Euro) rekonstruiert und die wenigen Besucher zum "Abend am Kamin" empfangen, wo ein sachkundiger, 1oo Jahre zählender Ranger die hundertjährigen Buchen vertritt, die ca. 2030 auch noch fielen.
Gegen Mitternacht steigt weißer Rauch aus dem Kamin der Waldhalle auf und in einer Schweigeminute gedenkt man aller Opfer, die bei schönstem Wetter durch Buchen erschlagen wurden. Das ist ja nun vorbei, denn bei Schlechtwetter läuft kaum jemand im Wald - und inzwischen hat (fast) jede Verwaltung erkannt, dass ein Schild - das den Text trägt "BETRETEN AUF EIGENE GEFAHR" viel besser ankommt als Verbote.
Das Ehepaar vor mir kam die letzten 20 Jahre gern nach Rügen, aber bei den Anblick dieses Ersatzes meinte die Gattin: "Da vergeht einem die Lust zu wandern!" Überhaupt: Ich frage mich seit Wochen, warum ich in 50 Jahren noch nie so wenig Urlauber an der Kreideküste sah, wie derzeit. Zeigen die Schreckensmeldungen über Kreideabbrüche und "Notfällungen" der alten Buchen, die die Menschheit so bedrohten, Wirkung? Wenn ja, dann muss schnellstens eine Umfrage unter den Urlaubern gemacht werden, ob man Nationalparks noch braucht.
Bei Verneinung kann dann der gesamte Buchenwald gerodet werden. Wenn dann im Kamin das Feuer mit rügener Buchen knistert, die Bilder von C. D. Friedrich im Geiste aufsteigen, dann kommt man nicht umhin, zu sinnieren: "Ach muss das eine schöne Zeit gewesen sein, als die Buchen noch höher als die heutigen Windräder waren." Wir müssten mal wieder ein UNESCO-Welterbe-Forum aufsuchen, da sollen sie noch so herrliche Naturerlebnisse auf 3 D haben... Es ist so herrlich zu sehen, was wirkliche Natur ist."
Nun hoffe ich, dass diese Glosse keine Majestätsbeleidigung ist (die Majestäten gelten zwar als ausgestorben), aber sie regieren noch so.
Mit untertänigstem Vergnügen! 

Klaus Ender, der bekannte Fotograf und Buchautor hat auch alle Fotos (Copyright: Klaus Ender) für diesen Beitrag bereitgestellt. Als "Alt-Sassnitzer", der selbst in der Stadt lebte und wohnte bewegt ihn immer noch das Geschehen in Sassnitz und auf Jasmund. 

Weiterführende Links weiteren Gastbeiträgen: 
Der we(h)r(t)lose Nationalpark (11.07.2017)

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Zu unseren Gastautoren zählen u.a.:
Klaus Ender, Holger Friedrich, Siegbert Geitz, Frieder Jelen, Dirk Liedtke, Kurt und Susanne Monz, Judith Schwarz, Herbert Trilk, Maik Zilian