Montag, 21. August 2017

21.08.2007: Müther - Abschied von einer Legende

 
Ein Beitrag von Torsten Seegert
 
Wie erinnert man an einen bedeutenden Rüganer? Und wie wird man Ulrich Müther auch 10 Jahre nach seinem Ableben noch gerecht? In meinen Unterlagen fand ich einen Beitrag aus dem Jahre 2007, den ich damals an die Zeitschrift "Pommern", eine Publikation für Kultur und Geschichte, sandte:

Als Segler kannte Ulrich Müther sowohl Flaute, als auch Sturm. Nun trat der „Landbaumeister von Rügen“ am 21. August 2007 seine letzte Reise an. Hunderte gaben ihm dazu am Samstag, den 25. August 2007 auf dem Binzer Friedhof das letzte Geleit.
 
Binz. Wer über ihn schreibt, hat es nicht leicht, denn es gibt die Ehrfurcht vor seinem Lebenswerk, das Klischee und die Person Ulrich Müther. Rundherum reihen sich Geschichten , Episoden und Anekdoten. Manche sind persönlich verklärt, andere von trockenem Humor. Die Eleganz seiner Bauten: Bestechend schön. Die Faszination: Wie der Binzer mit seinen „pommerschen Bauernsöhne“ und „russischem Kanickeldraht“ in den letzten 40 Jahren Ost und West verzauberte.
 
Inselparadies Baabe: Dokumentation der Bewehrungsarbeiten zum Dach von Harro Schack
Entstanden sind dabei über 50 Hyparschalen. Noch heute überspannen sie Großgaststätten, Schwimmbäder, Planetarien, Kirchen oder Moscheen. Ulrich Müther wurde durch sie zur Legende und zur frühzeitigen Devisenquelle der DDR. - Dem parteilosen „Aushängeschild“ für die Nachkriegs-Moderne machte es der Sozialismus nicht gerade leicht.

Nachdem Ulrich Müther das direkte Abitur und Studium versagt wurde, erlernte er den Beruf des Zimmermanns. Dann ging Ulrich Müther an die Ingenieurschule für Bauwesen in Alt-Strelitz. Hier begann er sein Studium zum Bauingenieur. Vier Jahre Praxis folgten im Kraftwerksbau in Berlin. Sein Fernstudium an der TU Dresden krönte Ulrich Müther 1963 mit einer Diplomarbeit, die gleichzeitig einen Meilenstein setzte: Müthers erste Hyparschale, die einen Mehrzwecksaal in Binz überspannte, war zugleich die Erste, die in der DDR gebaut wurde. Zu diesem Zeitpunkt war der begnadete Konstrukteur 29 Jahre alt und führte bereits seinen eigenen Betrieb. Die Baufirma, die 1922 durch den Vater Willy Müther gegründet wurde, steuerte Ulrich Müther dabei geschickt durch den Sozialismus: 1953 bei der „Aktion Rose“ enteignet, wird sie nach dem 17. Juni wieder zurück gegeben und firmiert 1960 zur PGH, dann 1972 zum VEB. 1990 entsteht aus ihr die Müther GmbH Spezialbetonbau. Bis 1999 sind bei ihr über 100 Mitarbeiter in Lohn und Brot.
 
Der Rettungsturm am Binzer Strand
Doch zurück zum Ingenieur Ulrich Müther. Fachlich steht der Schalenbauer in der Tradition von Franz Dirschinger. Zu seinen ersten großen Bauten zählen der „Teepott“ in Warnemünde, das „Cosmos“ in Rostock und die „Ostseeperle“ in Glowe auf der Insel Rügen. Es folgt eine Berufung in den Arbeitsausschuß Schalentragwerke der Kammer der Technik der DDR und die nun mögliche Mitarbeit in der IASS (International Association for Shell and Spatial Structures). Damit verbunden sind erste Veröffentlichungen im IASS-Bullentin Madrid und die Teilnahme an Vorträgen im In- und Ausland.

Die internationale Zusammenarbeit und die gesammelten Erfahrungen führen zur Weiterentwicklung des Betonspritzverfahrens: 1972 wird in Oberhof der erste Bau einer künstlich gekühlten Rennschlitten- und Bobbahnen möglich. Der Beton wird dabei direkt auf eine feinmaschige Drahtgewebe-Bewehrung aufgespritzt. Vorteil: Geometrisch schwierige Membranschalen können schalungslos hergestellt werden. Nach parallelen Bauvorhaben, wie dem „Ahornblatt“ in Berlin oder dem Ruderzentrum in Dresden, kam es nun auch zur Zusammenarbeit mit Jenoptik. So entstanden beispielsweise Planetarien in Tripolis, Wolfsburg, Kuweit und Helsinki.

Nachdem sein einziger Sohn Christian, der als Arzt an der Universität Greifswald tätig war, kurz nach dem Mauerfall verstarb, begann Ulrich Müther sich auch verstärkt sozial zu engagieren. Seit 1990 wird die „Christian-Müther-Gedächtnisfahrt“ mit bis zu 20 Traditionsseglern organisiert. Auf ihnen verleben jährlich etwa 200 Kinder erlebnisreiche Tage auf See. Seit 1995 gibt es die Christian-Müther-Stiftung „Segeln mit asthmakranken Kindern“.

1997 stellte Ulrich Müther seine Bauwerke im Rahmen der Ausstellung über Ingenieurkunst des 20. Jahrhunderts im Pariser Centre Pompidou aus. Das britische Design-Magazin „Wallpaper“ kürte ihn zur „Persönlichkeit ´99“. Mit Ulrich Müther ist einer der letzten großen Rüganer aus dieser Welt getreten. Sein persönliches Motto: „Pommersche Bauernsöhne arbeiten – und reden nicht viel.“ und die durch Fleiß und Kreativität erzielte Leistung haben Maßstäbe gesetzt.
 
Die Kurmuschel von Saßnitz
 
Weitere Pressestimmen:
 
„Der Baumeister ist tot, sein markanter Stil wird bleiben.“
(„Bild“, 24.08.2007)
 
„Müther war der Architekt der Ost-Moderne. Er setzte dem Plattenbau der DDR schwungvolle Konturen entgegen... Eines seiner bekanntesten Werke war das sogenannte Ahornblatt aus dem Jahr 1973, eine Gaststätte auf der Fischerinsel in Berlin, die vor Jahren abgerissen wurde: Erst das laute Bedauern der Architekturexperten und Denkmalschützer über diesen Verlust machten den Ostdeutschen auch im Westen bekannt.“
(Spiegel, 27.08.2007)


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Klaus Ender, Holger Friedrich, Siegbert Geitz, Frieder Jelen, Dirk Liedtke, Kurt und Susanne Monz, Judith Schwarz, Herbert Trilk, Maik Zilian