Samstag, 12. August 2017

Schon gelesen? (16): Hiddensee, wie es war...

Der Titel des Buches stimmt bereits auf die Vergangenheit ein
Irgendwann muss es Andreas Arendt - dem Herausgeber des Buches "Hiddensee - Bilder und Texte von damals" - in die Hände gefallen sein: "Hiddensee. Ein Heimatbuch". Verlegt wurde es einst durch die Stettiner Buchhandlung von Leon Saunier im Jahre 1924. Als Buchhändler auf Hiddensee
tätig, kann man hier unterstellen, dass Arendt um die Nachfrage solcher Schriften wusste. Also  griff er auf ein erfolgreiches Konzept zurück, welches sich bis heute in verschiedensten Branchen bewährt hat: Dinge neu zusammenzustellen, um ihnen neues Leben einzuhauchen. Auch "Hiddensee - Bilder und Texte von damals" ist so entstanden - Auszüge aus dem vorgenannten Buch des Jahres 1924, bildlich versetzt mit alten Postkartenansichten (die einige Male wegen ihrer Auflösung hätten kleiner ausfallen dürfen). Verlegt wurde das neue Buch dann im Demmler-Verlag.
 
Begonnen wird dabei mit einer Liebeserklärung des Berliners Arved Jürgensohn an das "söte Länneken". Detailgenau weiß er aus der Zeit vor seinem Eintreffen auf Rügens Schwesterinsel zu berichten, was selbst Einheimischen heute nicht mehr bekannt ist. Er erklärt u.a. die Kahlheit der Insel - nutzt dazu auch die historisch bekannten Bezüge - und weiß von der übertriebenen Aufregung zu berichten, die uns auch heute nicht unbekannt zu sein scheint: Zeitungsberichte mit Schlagzeilen wie "Eine untergehende Insel". Damals hatte man beispielsweise ausgerechnet, dass die Insel jährlich um anderthalb Meter abbröckelt, was zu dem Schluss führte, dass sie in 800 Jahren schon verschwunden sein könnte. Immerhin veranlassten Geologen den Bauherrn der Lietzenburg sogar dazu, diese weiter landeinwärts zu bauen. Thematisiert wird daneben aber auch der Tourismus und Befürchtungen, dass einst nicht nur eine Straße sondern sogar eine Eisenbahn den Norden und Süden der Insel verbinden könnte. Geschlossen wird der Beitrag mit einer Hoffnung: "Der wachsende Sinn für Natur- und Heimatschutz wird uns hoffentlich vor den schlimmsten Dingen, vor erdrückenden Hotelkasernen, vor geschmacklosen Protzenvillen und vor Verschandelung der Natur und der ganzen Gegend glücklich bewahren!
 
Zu den weiteren Autoren zählt auch Prof. Dr. Alfred Hass. Der Rüganer, der sich wie kein Zweiter so tiefgreifend mit seiner Heimat beschäftigte und durch seine Forschungen viel Wissen über die pommersche Küste mit seinen vorgelagerten Inseln in die Neuzeit zu retten vermochte, ist zweifellos ein Gewinn für jede Publikation. Hier widmet er sich der Heimatgeschichte Hiddensees. Die ist reich an spannenden Geschichten, wie vom der Tod des norwegischen Königs Olaf Tryggwason, dem Hiddenseer Goldschmuck oder dem Kloster. Er endet mit seiner Darstellung der Geschichte im Jahre 1911 prophetisch, indem er feststellt: "Auf den weiteren Ausbau des Bade- und Fremdenverkehrs beruht die Zukunft der Insulaner!"
 
Ein weiteres Kapitel ist den Volkssagen auf der Insel Hiddensee gewidmet. Hans Findeisen hat einige der bekannten Überlieferungen zusammengestellt. Diese berühren u.a. die Entstehung der Insel, die Klosterschätze oder die Unterirdischen. Kundige wissen, dass es sich bei Letzteren um jene Zwerge handelt, die auch auf Rügen unter der Erde leben sollen.    
 
Den Abschluss des Reigens, der aus vier Autoren besteht, bildet eine Erzählung von Erich Sielaff. "Das Wunder des heiligen Nikolaus" weiß von der Macht der weißen Mönche auf Hiddensee zu berichten. Ein Wunder, dass dem Schutzheiligen von Nikolaikampen zugeschrieben wurde, verunsichert und beeindruckt dabei die Hiddenseer tief...
 
Blick auf die Abbildungen - links u.a. das "Hexenhaus", das älteste Haus von Hiddensee
Das Buch ist sicher für alle, die sich zu diesem Eiland hingezogen fühlen ein Gewinn im Bücherregal. Zehn Jahre nach seinem Erscheinen ist Hiddensee Bilder und Texte von damals es allerdings nur noch neuwertig über eine Ilmenauer Verlagsgruppe oder im gebrauchten Zustand über einen Onlineversandhändler zu erhalten. Lesenswert ist es allemal. Dem Herausgeber muss man dafür danken, dass er sich die Mühe machte, diese Texte wieder für uns aufzubereiten, da viele Leser heute die altdeutsche Frakturschrift des Originals nicht mehr lesen können. Zudem sind viele der Postkarten eine schöne Unterbrechung für den Lesenden.