Freitag, 1. September 2017

Die Silhouette als Vexierbild

Ein Beitrag von Klaus Ender
Es war das Jahr 1957, als ich 18 Jahre alt  – und volljährig wurde. Mädchen hatten für mich bisher keine große Rolle gespielt und das Wort Sex gehörte nicht zu meinem Sprachschatz. Wenn ich nun – volljährig – doch zu den Erwachsenen gehören wollte, dann kaufte ich mir für eine DDR-Mark die Zeitschrift DAS MAGAZIN. Sie veröffentlichte als einzige Zeitschrift ein monatliches Aktbild, (im  Volksmund als DDR-Nackedei bekannt) das ästhetisch, natürlich und schön war. Es prägte mich – wie auch tausend andere – und wurde zum Synonym für eine saubere Aktfotografie.

Ich hatte mich inzwischen in das Genre Fotografie verliebt, steckte jeden Pfennig in die Fotoausrüstung – und zog zur Insel Rügen -  in der Hoffnung, mein Hobby zum Beruf machen zu können...
Als ich 1963 mit dem FKK-Strand in Berührung kam, geschah das  in solch natürlicher und selbstverständlicher Art & Weise, wie ich sie jedem Jugendlichen der heutigen Zeit wünschte wenn es  um  seine sexuelle Aufklärung ging. Ich fand dort meine Modelle,  die natürlich - natürlich waren, so wie man sie auch im Magazin vorfand. Ich fotografierte sie – und die Bilder gingen zur Begutachtung durch jede Strandburg, wo die fotografierten Mädchen (und oft) auch ihre Eltern zu sachkundigen Juroren wurden. Die Begeisterung über meine Fotos, - die mir durchweg gezeigt wurde – endete damit, dass man mir eine große Zukunft als Aktfotograf prophezeit wurde.

1964 sandte ich erstmals Bilder an DAS MAGAZIN  und 1965 schrieb man mir, dass meine Ausdauer belohnt würde, und drei Bilder käuflich erworben würde…n. Im November erschien mein 1. Aktbild – und da mein Model Sassnitzerin war – und ich derzeit auch – kochte die Gerüchteküche über.
Die beiden anderen Fotos erschienen unmittelbar hintereinander, so dass ich Weihnachten einen „ DDR-Rekord“ feiern konnte, DAS MAGAZIN hatte in einem Heft erwähnt, dass einmal ein Amateurfoto veröffentlicht wurde – und Klaus Ender nun drei….
Die Sendungen an weitere Zeitschriften waren nicht so erfolgreich – weil man besorgt war, dass zuviel „junges Fleisch“ auf einmal die Sitten verderben könnte. Ich begann nun noch behutsamer, das Genre Akt zu bearbeiten um den Vorwurf zu entkräften. Ich fotografierte Silhouetten, grafische Konturen, Sondertechniken und ín Low key, das sind Umrisse von Linien, die vom Gegenlicht gezeichnet wurden, wobei den Körper selbst, kein Licht traf.
Es waren Bilder, die das Feminine anrissen, aber die Intimstellen ohne Zeichnung zeigten. Meine Mühe zahlte sich aus – und innerhalb der nächsten 2 Jahre gab es keine Zeitschrift mehr, die das Aktbild nicht haben wollte. Ob es Deine Gesundheit, Schlagermagazin, FOTOKINOmagazin, FOTOGRAFIE, Eulenspiegel, FÜR DICH, NBI, TRIBÜNE ferienmagazin  oder die ARMEERUNDSCHAU war, ich publizierte überall.

Der hartnäckigste Verlag war die Armeerundschau, die verhindern wollte, dass ihre Soldaten ihre Spinde voller Nackedeis haben. Doch auch sie entschieden sich verspätet, Aktbilder zu zeigen.
Mehr zur Reihe "Enders Insel":
1.) "3 Fragen an Klaus Ender" vom 1.08.2017 / 2.) "Die Silhouette als Vexierbild" vom 1.09.2017 / 3.) "Der saubere Akt" vom 1.10.2017 / 4.) "Revolution in der Dunkelkammer" vom 1.11.2017 / 5.) "Vom Tschüß bis Grüß Gott" vom 1.12.2017
Fotos und Text: Klaus Ender (Weitere Informationen)