Dienstag, 26. September 2017

„Ehem. KdF-Bad“ oder „Koloss Prora“ ?

 
Ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Wolter zum Verkehrskonzept und zur Vermarktung
 
Wer von Sassnitz aus in Richtung Prora fährt, fragt sich vielleicht, welche Wirkung der sanierte Koloss auf Binz und Sassnitz haben wird. Derzeit wird das neue Verkehrskonzept diskutiert. Statt der "Objektstraße" wird es künftig vielleicht schon bald blumige Namen geben - schließlich sollen die "Produkte" verkauft werden. Bleibt dabei die "doppelte Geschichte" auf der Strecke?

Momentan wird das neue Verkehrsprojekt für Prora auf Rügen diskutiert. Hinsichtlich der Bezeichnung der Blöcke auf der Beschilderung fordern wir die Abänderung der irreführenden und falschen Bezeichnung "Ehem. KdF-Bad" in „Koloss Prora". Die jetzt verwendete und in der Vergangenheit bereits vielfach kritisierte Bezeichnung, die nach 1990 eingeführt wurde, negiert die „doppelte Geschichte" der Anlage.

Sie suggeriert ein früheres Seebad, das real nie in Betrieb ging und ist somit Geschichtsklitterung. Selbst das Dokumentationszentrum Prora, das ebenfalls die Planung der Anlage in den Vordergrund schiebt, verwendet die richtigere Bezeichnung „ehemals geplantes KdF-Bad."

Es geht hier nicht nur um einen Begriff, sondern um die Deutung der Anlage, die inzwischen nahezu aller Spuren ihrer tatsächlichen Nutzung beraubt ist, bei gleichzeitiger Umdeutung und weltweiter
Vermarktung   als   „Nazibau“,   „früheres   Nazi-Bad“,   “Hitler-Ressort“   etc.   Die   fast   ein   halbes Jahrhundert währende Aus-, Umbau- sowie Nutzungsgeschichte der Anlage, auf das Engste verknüpft mit dem Aufstieg und Niedergang des SED-Regimes, kommt so gut wie gar nicht mehr vor.

Hinsichtlich  der wissenschaftlichen  Bewertung der  Blöcke  hat  sich  in den  vergangenen  zehn Jahren, also  seit  der  letzten  Beschilderung,  einiges  getan. Eine  seitens  der  Landesregierung  herausgegebene, im  Druck  befindliche  Studie  „Auferstanden  aus  KdF-Ruinen. Der stalinistische  Kasernengroßbau Prora und seine heutige Rezeption“ (2017, www.denk-mal-prora.de) gliedert den Bau in eine erste und eine zweite Bauphase, der die jüngste dritte Phase folgt. In dieser aktuellen Phase wird die unmittelbar vorangegangene  Vergangenheit  wegsaniert.  Einzig  und  allein  die KdF-Bauphase  ist  es,  die  im Bewusstsein      präsent   gehalten   wird   –   aus   Gründen   der   Vermarktung,   Verdrängung oder nachträglichen Delegitimierung der DDR. 

Die Tatsache: Aus der geplanten KdF-Anlage wurde nach erheblichem Rückbau des Rohbautorsos um 1950, im Zeitalter des Stalinismus (!), eine Großkaserne geschaffen. Deren fast ein halbes Jahrhundert währende  Geschichte  wird  seit  zwei  Jahrzehnten   als  „Nazi-Seebad“  umgedeutet.  Hier  trägt die Kommune eine Verantwortung hinsichtlich der tatsächlichen Geschichte. Nicht nur jener, die zu DDR-Zeiten auf Rügen gelebt haben, sondern auch der Offiziere und Rekruten, die aus der gesamten DDR und sogar weiten Teilen der Welt nach Prora zur Ausbildung gezogen wurden.

Die  heutigen  „falschen  Fassaden“  suggerieren  falsche  Kontinuitäten.  Seit  Jahren  schon  steuert  eine  Kleinbahn  das  „KdF-Bad“  an.  An  einem  Nazi-Disneyland  sollte  keinem  gelegen  sein.  Auch  die  Vergabe   des   Seebad-Titels   sollte   daher davon abhängig gemacht werden, inwieweit   sich die Investoren  gegenüber  der  komplexen  Geschichte  des  Ortes  -  NS-Rohbau/Großkaserne  im  Kalten Krieg – verantwortungsbewusst zeigen.

Dem künftigen Seebad sind vermutlich auch die beliebigen blumigen Straßennamen geschuldet. So wird es die historische „Objektstraße" künftig nicht mehr geben. Dass es am zweitgrößten Standort früherer Waffenverweigerer (Merseburg) heute einen „Platz der Bausoldaten" gibt, in Wertschätzung deren Bedeutung für die Friedliche Revolution, sei angemerkt. Wenngleich solches auf Rügen vermutlich undenkbar ist, sollte vor Ort doch zumindest die Bezeichnung der Anlage als "Koloss Prora" denkbar sein. Dieser Name auf den Schildern würde nicht nur der komplexen Geschichte der Blöcke gerecht, vielmehr impliziert er mit seiner nicht wertenden Begrifflichkeit die Chance, allen drei Bauphasen und letztlich auch einem tatsächlichen Neuanfang des Ortes gerecht zu werden.

Seit zehn Jahren kämpft Dr. Stefan Wolter gegen die derzeitige Erinnerungskultur an, die - bis auf die Bemühungen des Prora-Zentrum e.V. - die Nutzungsgeschichte Proras  fast konsequent verschweigt bzw. herunterspielt. Dem stellt er die Nutzung des KdF-Bad-Torsos entgegen und machte - gerade auch in Bezug auf die Medienberichterstattung über Prora - seine ganz eigenen Beobachtungen.