Samstag, 2. September 2017

Schon gelesen? (17): Vom Mut zu widerstehen

Mit dem Buch "Geisteskinder" legte die Autorin von der Insel ein Spiegel-Bestseller vor
Wer glaubte, alles über den 20. Juli 1944 und die wohl größte Verschwörung gegen Hitler gewusst zu haben, wird durch Valerie Riedesels Buch "Geisteskinder" eines Besseren belehrt. Der Irrglaube, soviel ist schnell klar, hat viel damit zu tun, dass der Fokus bisheriger Betrachtungen immer wieder auf das Hitler-Attentat in der sogenannten Wolfsschanze, nahe dem ostpreußischen Rastenburg, und auf das Geschehen in der damalige Reichshauptstadt Berlin gelegt wurde. 

Im nun vorliegenden Buch wird abseits der mehrfach verfilmten Vorgänge um Stauffenberg  vor allem auf Paris und damit auf das Wirken von Cäsar von Hofacker, einem Verwandten Stauffenbergs Bezug genommen. Zudem widmet sich das Buch einem bisher weitgehend ausgeblendetem Thema: Dem Leiden der Familien der Verschwörer. Valerie Riedesel, die heute auf Rügen lebende Autorin, kann dabei auf viele familiäre Quellen zurückgreifen und fügt so die verschiedenen Puzzle-Stücke zu einem klaren Bild von Sippenhaft in einem totalitären Staat zusammen.

Als Enkelin Cäsars von Hofackers fühlt sie sich zweifellos auf besondere Art und Weise mit dem Geschehen verbunden und nutzt das Buch auch zur Aufarbeitung der Geschichte ihrer Familie. Sicherheit in ihren Beschreibungen geben ihr dabei vor allem die Erlebnisberichte und Tagebucheintragungen, die mit eigenen Recherchen abgeglichen oder ergänzt wurden.

Entstanden ist so eine streckenweise erschütternde Reflektion: Denn die Familien der Verschwörer wurden nicht nur aus ihrem Lebenskreis herausgerissen und nicht nur der materiellen Güter sondern auch ihres eigenen Namens beraubt. Die Kindern trifft dabei vor allem die Willkür des totalitären Staates  - in Gefängnissen, Konzentrationslagern oder Kinderheimen. Dabei lässt sich bis heute schwer beurteilen, wie weit der Verlust von Mann oder Vater, der Schock über Erlebtes und die Trennung von Kind oder Eltern Spuren in den Familien hinterlassen hat. Der Einsatz für ein besseres Deutschland und das dafür eingegangene Risiko überstieg aber mit Sicherheit auch die Vorstellungskraft der Verschwörer. Das in der Folge geschehene Unrecht konnte - vielen Beteuerungen zum Trotz - bis heute nicht ausgeräumt oder geheilt werden.

Das Buch enthält jedoch neben einer bildhaften Darstellung der Ereignisse auch einige Überraschungen: Wer bisher meinte es gäbe zwischen NS-Regime und Widerstand einen Unterschied, wie weiß zu schwarz, wird auch hier durch viele unerwartete Grautöne irritiert. So duldete beispielsweise der Reichführer SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, wissentlich die Opposition zu Hitler, suchte zeitweise auch über Dritte sogar Kontakte zum deutschen Widerstand zu knüpfen - um für eine Zeit nach Hitler vorbereitet zu sein - und verwischte dann - nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler - alle möglichen Spuren; verfolgte umso erbarmungsloser mit den Mitteln des Unrechtsstaates die gescheiterten Verschwörer. 

Doch zurück zum Faustpfand Himmlers, die Sippenhäftlinge: Hier bedient sich die Autorin Valerie Riedesel einer parallelen Montage der Ereignisse. Dies ist zweifellos ein geschickter Zug, da sich die drei jüngeren Kinder in einem NS-Kinderheim befinden, die älteren Kinder Cäsar von Hofackers in das KZ Stutthof, 33 Kilometer nördlich von Danzig, verbracht wurden. Letztere werden im Zuge des Näherrückens der Roten Armee zu Zeitzeugen. Beschrieben wird so u.a. die Flucht vor dem vorrückenden militärischen Gegner im Osten. Sie erstreckt sich über Danzig und den pommerschen Landrücken - Lauenburg, Stolp, Stargard und Stettin - bis  nach Buchenwald. Damit - soviel sei bereits vorweg genommen -ist die Odyssee jedoch noch längst nicht beendet...
 

Wer sich mit der Geschichte der eigenen Familie beschäftigt, trifft bisweilen auf einige Überraschungen. Wie viele unserer Eltern und Großeltern hat auch die Familie Cäsar von Hofackers nicht viel Aufheben um das Erlebte gemacht. Wenn sie es später niederschrieben, war es sicher - wie in vielen Familien - ein Stück versuchter Vergangenheitsbewältigung. Dass Valerie Riedesel die Geschichte des Widerstands und der Folgen für die damit bis heute verbundenen Familien letztlich in dieser Form einem breiten Publikum zugänglich machte, verdient Anerkennung. Es sollte aber auch zugleich eine Mahnung sein, was passiert wenn Menschen in ihrem eigenen Heimatland Grundrechte und Freiheiten abgesprochen werden. Sich dafür zu sensibilisieren und den Mut zu haben, diesen Entwicklungen zu widerstehen - all das lässt sich auf den 329 Seiten von "Geisteskinder" finden, wie auch die Kraft zum Glauben an eine Zukunft.

Das Interesse an dem Buch ist groß. Bereits Wochen nach der Publikation des Buches ist klar, dass die Autorin von der Insel einen Bestseller vorgelegt hat.