Sonntag, 15. Oktober 2017

Offene Fragen zum Segelsportboothafen in Prora

Binzer Bürger und Rüganer bei der Vorstellung des Projektes Segelsporthafen Prora
Ein Gastbeitrag von Wolfgang Buchester
 
Binz braucht eine Marina und der Binzer Bürgermeister weiß auch schon, dass die Mehrheit der Binzer dies auch wünscht.
Massiv unterstützt wird dieses Vorhaben, das ursprünglich weit hinten auf der Prioritätenliste  Binzer Bauvorhaben der Gemeindevertretung zu finden war, immerhin durch das Schweriner Wirtschaftsministerium mit 78.540 € für die Machbarkeitsstudie und in Aussicht gestellt wird bei Umsetzung des Projektes eine Förderung von 90% .
Was ist geplant?  Ein Sportboothafen, innenliegend, also auf dem Festplatz  der 1935/36 geplanten  KdF-Anlage, zwischen den heutigen Blöcken drei und vier.

 
 
Soweit, so gut? Folgende Fragen sind bis dato nicht beantwortet:
 
1. Das Gelände befindet sich nicht im Eigentum der Gemeinde Binz, somit wäre eine 
    Förderung des Projektes nicht möglich, da nur die Gemeinde diese Fördermittel erhalten
    könnte. Wie wird dieser gordische Knoten zerschlagen?
2. Es ist beabsichtigt, die notwendigen Bauten, also Winterlager, gastronomische Einrich-
    tungen, Funktionsgebäude, Einzelhandelseinrichtungen und Wohnungen, also doch eher
    wirtschaftlich rentabel laufende Einrichtungen, in die Hände von Vertretern  der privaten
    Wirtschaft zu legen. Wer betreibt den Sportboothafen, bei dem die Rentabilität nicht
    gesichert ist?
3. Woher nehmen die Macher der Studie und die Befürworter dieses Hafens die Kenntnis,
    dass sich ein solcher Hafen wirtschaftlich rentabel dort betreiben ließe?
4. In der Studie wird auf Anforderungen des Naturschutzes verwiesen. Die Kaianlage und
    angrenzende Flächen liegen im Landschaftschutzgebiet Ostrügen. "Diese Flächen werden
    gleichfalls als Biotope/Geotope  nach § 20 Naturschutzausführungsgesetz  geschützt.  Im
    Bereich dieser großflächigen Küstendüne ... finden sich Vorkommen einer geschützten
    Fauna, auch von europäischer Bedeutung. Waldfläche nach § 2 Landeswaldgesetz M-V ist
    der gesamte Bereich zwischen den Blöcken 3 und 4 und nahezu die gesamte  seeseitige
    Fläche einschließlich der Kaianlage. Dabei steht Wald im Küstenbereich innerhalb einer
    Linie von 300m zum Ufer unter einem besonderen Schutz. Gleichfalls liegt die Freifläche
    innerhalb des 150m Küsten- und Gewässerschutzstreifens. Innerhalb dieser ist die Errich-
    tung baulicher Anlagen unzulässig bzw. nur ausnahmsweise zulässig ...  ." Sind für den
    Sportboothafen alle Ausnahmegenehmigungen eingegangen, bzw. haben die Instanzen
    schon "grünes Licht" gegeben? Ist die Kaimauer nicht ein Baudenkmal?
5. Welche spezifischen Untersuchungen wurden im Zusammenhang mit der Erstellung dieser
    Studie vor Ort getätigt? Die Aussagen von Frau Prof. Dr. Koppe bezüglich des
    Sedimenttransportes, der an der Stelle des geplanten Sportboothafenbaus "ausgeglichen"
    sei, beziehen sich auf keine neuen Gutachten . Hat sich die "Sedimentexpertin" der
    Mühe unterzogen, aktuelle Daten vor Ort zu erstellen? Sind seit 2007 nicht in der Bucht
    weitere Bauten entstanden, die hierauf Einfluss nehmen?

Eine Hinwendung auf das vorgestellte Projekt birgt weitere interessante Details in sich. In der Studie, im Bild  oben,  leider vernachlässigt, wird auf die Notwendigkeit verwiesen, zum Schutze der Einfahrt zum Sportboothafen zwei Molen zu errichten, übrigens nicht förderfähig! Segelsportboote benötigen eine Wassertiefe von mindestens drei bis vier Meter.
 
Wie Untersuchungen, am 07.10.2017 bei einem Wasserstand von 30cm über normal vorgenommen, belegen, wird diese Wassertiefe, 3m, in 274,92m seewärts von der Kaikante erzielt. Bei einer Wassertiefe von 4m beträgt die Entfernung Kaikante - Messpunkt 396,88m.

 
Die Messungen erfolgten durch Wolfgang Frank, "Fundgrube Prora"
In das Baudenkmal soll eine Öffnung von 20m eingearbeitet werden.
 
Bild: Wolfgang Frank, "Fundgrube Prora"
Um ein Versanden der Fahrrinne des Segelsportboothafens zu verhindern, ist folglich die
Errichtung von zwei Molen notwendig, mindestens in der Länge, bis die 4m Wassertiefe
erreicht wird.
 
Bild: Wolfgang Frank, "Fundgrube Prora"
 Diese Aufnahme entstand 396,88 m seewärts von der Kaimauer entfernt. Bis zu diesem Punkt wären die Molen dann zu errichten (rot).
 
Da auch für Fischerboote zwei Liegeplätze und für Fahrgastschiffe ein Liegeplatz vorgehalten werden sollen, stellt sich die Frage, reicht da die Wassertiefe der Einfahrt von 3,50m aus?
 
Will man im zukünftigen Hafen auf das Anlegen von Großseglern verzichten?
 
Sie benötigen aber wenigstens eine Wassertiefe von 5m. In Mecklenburg Vorpommern werden gegenwärtig rd. 350 Segelsportboothäfen betrieben. Binz befindet sich nicht in einer "Vorreiterposition". 
 
In unmittelbarer Nähe zu Prora befindet sich der Hafen in Sassnitz mit 120 Liegeplätzen.
2016 legten dort  ≈ 5.300 Segler an, darunter ≈ 60 Großsegler.
 
Bei einer Segelsaison vom 01. Mai bis zum 30.September, also für 153 Tage im Jahr lagen in Sassnitz etwa 35 Segler/Tag im Hafen. Bei 120 Liegeplätzen waren dies rd. 29 % Auslastung.
 
Warum wird diesem Hafen ein weiterer, größerer Hafen "vor die Nase gesetzt"?
 
Dieser Hafen, kommunal betrieben, wurde ebenfalls mit Fördermitteln, also Steuergeldern, errichtet. Warum vernichtet das Wirtschaftsministerium Steuermittel in Sassnitz, indem es mit Steuermitteln großzügig, mit 90 %, den Hafenbau in Prora hauptfinanziert?
 
Ist das Ministerium nicht angehalten sorgsam und vorausschauend mit Steuermitteln umzugehen?
 
Mit dem saloppen Spruch "Wettbewerb fördert das Geschäft" dürfte man bei einer gesunden Weitsicht zu kurz "springen". Zumal im Sassnitzer Hafen eine Tankstelle vorhanden ist, die in Prora fehlen wird. Und  welcher Skipper wird, wenn er Kraftstoff benötigt, von Prora zum Tanken nach Sassnitz segeln, um dort zu tanken und sich dann wieder zurück nach Prora begeben?
In Prora sind auch noch höhere Liegekosten zu zahlen! Zudem verweilen die Segler mehrheitlich nur eine Nacht im Hafen. Hinzu kommt die submaximale Anbindung einer Marina in Prora an das Verkehrsnetz. Die Kosten für einen Platz in einer Liegebox belaufen sich in Sassnitz auf 25 €. Darin enthalten sind:
 
- die Nutzung von 5 kw/h Elektroenergie
- Kurtaxe für zwei Personen
- Nutzung der Sanitäreinrichtung
- Zuladung von Trinkwasser und
- Müllentsorgung
 
Und in Prora?
 
Die Angaben hierzu sind dürftig. Die Liegegebühr soll sich auf  Ø 24,20 € belaufen, für ein Boot mit einer Länge von 11m. Also 2,20 € je lfd. Meter des Bootes. Größere Boote als 11 m lang bezahlen mehr. Hinzu kämen 1 € für Duschen.
 
Für eine Person oder für eine Crew?
 
Angaben zur Kurtaxe etc. unterlies die Studie, sie werden aber anfallen! Somit werden die Sassnitzer Preise überboten werden.
 
Wie hoch wird die Kurtaxe in Prora ausfallen, pro Person?
 
Und Sassnitz wird zu dem Segelsportboothafen in Prora garantiert eine Antwort finden! Aber wir wollen, wie durch die Politik ständig propagiert wird, "die Insel gesamt voranbringen". Hinsichtlich einer kritischen Bewertung zu Entwicklungen in der Nachbarstadt Sassnitz formulierte der Binzer Bürgermeister, lt. OZ im Jahre 2016:"Wenn wir dann von Container- und Frachtschiffen reden, darf sich das nicht nachteilig auf die Nachbargemeinden auswirken".
 
Und bei der Entwicklung von Segelsportboothäfen gilt dies nicht?
 
Wie und in welche Richtung entwickelt sich der Segelsport?
 
Die Anzahl der Anlegungen in Sassnitz sind nicht signifikant steigend. Für Prora prognostiziert die Studie eine voraussichtliche Belegung von 10.000 Seglern pro Jahr. Eine Zahl, die in Sassnitz zu keiner Zeit erreicht wurde! Jeden Tag im Jahr, also 365, müssten in Prora über 27 Segelschiffe im Hafen liegen, auch am 31.12.
 
Wie positioniert sich die Jugend zum Segelsport?
 
Geht nicht die Entwicklung dahin, dass junge segelwillige Menschen sich für eine Zeitspanne x ein Segelboot mieten, dann ihren Törn unternehmen und anschließend das Boot wieder an den Vermieter übergeben. Die Segler haben ihre Freude, bezahlen, die Wartung übernehmen die Eigentümer.´Eine weitere besorgniserregende Entwicklung liegt in der fortschreitenden Versteinerung des Strandes in Mukran beginnend und sich Richtung Prora ausdehnend.
 
Steine am Strand von Prora (Bild: Wolfgang Buchester) 
Steine am Strand in Prora. Die Ursachen für das Fortschreiten der Versteinerungen sind vielfältig. Eine Ursache liegt in der Errichtung von Bauten in der Prorer Wiek, die im Verlaufe der Jahrzehnte negativ auf die Strömungsverhältnisse wirkten. Schneider resümiert, "Der Strand sei ein großes Kapital von Rügen ...".
 
Ist aber der Bau des Hafens mit seinen Molen geeignet, dieses "Kapital" zu schützen?
 
Es stellt sich die Frage:
 
Welche Gründe sprechen für den Bau des Segelsportboothafens in Prora?
 
Befürworter dieser Anlage argumentieren mit der Notwendigkeit, Visionen in Angriff zu nehmen, denn wenn unsere Vorfahren diesen Mut nicht aufgebracht hätten, würde es Binz nicht geben. Hier sei angemerkt: Erschließen Sie sich die Chronik des Ostseebades Binz ganz, denn dann könnten Sie, bei gutem Willen erkennen, dass diese Visionen "unserer Väter" in sehr engem Zusammenhang mit unserer Umwelt gesehen wurden.
 
Der erste Bürgermeister des Ostseebades Binz, Oberst a. D. Seelmann benannte in "Die Schönheiten Rügens", dem sogenannten "Roten Rügenführer",   die Gründe für unsere Attraktivität: "Wald und See vereint bilden den Hauptvorzug der Rügenbäder" Wir werden die Entwicklung dieses Vorhabens weiter beobachten, wenn man es dann zulässt.
 
Nicht unerwähnt bleiben soll: Die Machbarkeitsstudie ist gegenwärtig, 13.10.2017, noch nicht im Netz einsehbar, vorgestellt aber wurde sie schon am 26.September 2017. Auch liegt sie  nicht in der Gemeindeverwaltung des Ostseebades Binz öffentlich aus.
 
Transparenz sieht anders aus! Oder sollen die Nichthurraschreier außen vor bleiben?
 
Am 01. November 2017 wird Frau Prof. Dr. Koppe detailliert Auskunft zum Sedimenttransport in der Prorer Wiek geben. Veranstaltungsort wird das Haus des Gastes sein. Hoffentlich ist es in dieser Veranstaltung dann möglich, Fragen an die Referentin zu stellen!