Montag, 16. Oktober 2017

"Meine Kamera ist ein Vermittler von Gefühlen..."

Streifzüge mit der Kamera über die Insel: Klaus Ender liebt die Natur
Wer kennt ihn nicht? Klaus Ender ist Rügener Fotograf und Autor. Gerne legt er auch den Finger in die Wunde, wenn er das Gefühl hat, dass wieder mal etwas auf der Insel schief läuft. So beispielsweise als es um das Abholzen von Bäumen auf der Halbinsel Jasmund oder bei Schmacht ging. Dafür erhält er nicht nur Beifall. Wir sprachen mit ihm über die Insel, die Presse- und Meinungsfreiheit und über sein Leben.

Herr Ender, Sie hatten ein bewegtes Leben, sind ein erfolgreicher Fotograf und Autor, haben die Welt gesehen... Was brachte sie ausgerechnet auf die Insel Rügen zurück?
Klaus Ender: Man sagt, dass selbst Straftäter an den Ort zurück kehren, an denen sie "tätig" waren. Meine "Taten", die Schönheit von Landschaften und Frauen mit der Kamera festzuhalten, hatten mich zur Insel Rügen geführt und den Wunsch erfüllt, als freiberuflicher Fotograf tätig zu werden. Nach 6 Jahren leidenschaftlicher Amateur - Fotografie, (in der ich auch schon für DAS MAGAZIN arbeitete) begann im Mai 1966 in Binz meine Karriere. Da ich schwerem politischen Druck ausgesetzt war, verließ ich mit einem weinenden Auge die Insel, die für mich mein "Zuhause" geworden war. Und wenn ein neuer Mai anstand, überfiel mich in der Ferne eine regelrechte Sehnsucht, die ich mit Heimweh umschrieb. Das war jedes Jahr so, aber erst die "Wende" gab mir die Möglichkeit, zurück nach Rügen zu kommen.
Nun lehnen sich andere in ihrem Alter zurück. Sie jedoch pflegen einen gewissen "Unruhestand"? Warum? Welchen Grund gibt es für Sie?
Klaus Ender: Wer ein Hobby mit Leidenschaft ausübt, der kann damit nicht aufhören. Meine Kamera ist ein Vermittler von Gefühlen, die ich ausdrücken muss. Die Faszination, die die Akt & Landschaftsfotografie in mir auslöst, muss ich einfach in Bilder umsetzen. Früher verband ich meine Fotografie mit Musik - und führte Ton-Dia-Überblendschauen aus - und als ich 2003 die Diagnose Parkinson erhielt, wurde mir das derart begrenzte menschliche Leben erst richtig bewusst. Ich überdachte mein Leben und suchte nach anderen Talenten, mit denen ich mein Leben - und das anderer Menschen bereichern könnte. Es kam nur das Schreiben und Dichten in Frage, das ich schon in der 7. Klasse ausübte - mir aber vermiest wurde, weil man von mir "sozialistische Themen" forderte. Mein 1. Buch (noch in der DDR geschrieben), hatte in 5 Auflagen 95.000 Exemplare erreicht, was mich in meiner Neu-Orientierung bestärkte. Heute blicke ich auf 150 Bücher - von denen ich auch 18 geschrieben habe - zurück und weiß, dass die Entscheidung richtig war
Ihre Kritik drücken Sie auch in Texten und Bildern aus. Allerdings fragt man sich, warum die von ihnen angesprochenen Themen zwar in den neuen Medien die Menschen bewegen, aber in keiner Tageszeitung ihren Niederschlag finden, oder?
Klaus Ender: Tageszeitungen sind für meine Publikationen nicht der beste Ansprechpartner. So wie ein gutes Gemälde Zeit zum verinnerlichten Betrachten verlangt, sollte Besinnlichkeit oder Muße die Basis für Literatur und Poesie-Lesungen sein. Meine Kritik ist begrenzt auf den Umgang mit der Natur, für die ich mich "mit" verantwortlich fühle. Die christlichen Worte: "Mach dir die Natur untertan," sind typisch menschlich - aber nicht göttlich". Sie müssten heißen: "Lebe in Achtung mit der Natur !" Die Medien, die für den ehemaligen DDR-Bürger in Frage kommen, sind inzwischen "angepasst" und das Interesse an sehr kritischen Themen ist nicht gerade sehr groß. Unter ihren Lesern sind auch Windkraft-Unternehmen, Kiesgruben-Nutzende, Waldbesitzer, Groß-Mastanlagen-Betreiber, Politiker, Immobilien-Makler, u.v.a. die in diesen Zeitungen die Werbeeinnahmen erbringen, so dass sie diese nicht "verprellen" können. Zudem kommen in etlichen Redaktionen die (wieder) zu Wort, denen Worte des Widerstandes nicht über die Zunge kommen. Sie waren früher bemüht, "die Partei hat immer recht" zu sagen - und so stimmt ihr Credo für jede beliebige Partei, der sie beigetreten oder gewogen sind. Von dort ist also nichts zu erwarten.
Die etablierten Medien werden heute u.a. als "Lügenpresse" bezeichnet, den neuen Medien wirft man häufig vor, "Fakenews" zu verbreiten. Wie steht es denn - aus Ihrer Sicht - um die Presse- und Meinungsfreiheit in unserem Land? Gibt es Anlass zur Sorge?
Klaus Ender: Ja, ich bin sehr besorgt - und das hat Gründe. Wahrheiten sind nicht nur unangenehm - sie sind unakzeptabel - für die von uns "Gewählten." Spätestens bei der 1. Demo werden die Protestler in die linke oder rechte Ecke gestellt - und die Medien schlagen mit aller Macht zu. Sie sind gewohnt, dass die "schlechte Botschaft" viel besser verkauft wird, als die Gute - daher wird das wenige Gute noch schlechter gemacht, als es ist. Die Achtung vor dem Menschen oder der Wahrheit sind unterentwickelt.
Als prägnantes Beispiel, wie die Macht von Politikern mißbraucht wird und der "Normalbürger" gefährdet ist, zeigt die Akkreditierung der Journaisten des G-20 -Gipfels. Es wurde entdeckt, dass Daten über unbescholtene Journalisten gesammelt - und genutzt wurden. Sie wurden akkreditiert und die Presse berichtete darüber nur das Notwendigste... Ein Gerüst von Halbwahrheiten, Lügen, Verdrehungen, Erfindungen und Vorverurteilungen wird genutzt, um zu profittieren. Ganz plötzlich sind wir wieder die "graue Mäuse aus der Zone". - Ist die Zahl der Protestler nicht mehr zu übersehen, lenkt die Politik zu Gesprächen ein. Man ist ja schließlich Demokrat! "Wehret den Anfängen" sage ich nur,- die nächsten sind wir!
Nun haben wir anfangs über ihr bewegtes Leben gesprochen. Sie selbst haben darüber sogar ein Buch - "Die nackten Tatsachen des Klaus Ender" - geschrieben. Wer es liest, meint, da würde ein Film im Kopf ablaufen...
Klaus Ender: Meine Autobiographie hat viele Menschen erschüttert und ist - durch die vielen Geschehnisse in meinem Leben - und in dieser Welt eigentlich nur eine Bestandsaufnahme bis zu meinem 60. Geburtstag. Jetzt stehe ich - genau 18 Monate vor meinem 80 . Geburtstag - und eine Zweitauflage wäre längst überfällig.
Klaus Ender & Hansgeorg Stengel im Wintergarten bei der Bildauswahl zum gemeinsamen Buch "AKT MIT TAKT"
Woran scheitert denn die Umsetzung? Jemand der sein Leben - wie Sie - Revue passieren lässt - der die Flucht von der Warthe vor der Roten Armee erlebte, seinen Traum ausgerechnet in der DDR zum Beruf machte, international damit bereits damals hohe Anerkennung fand, der dann - noch zu DDR-Zeiten - nach Österreich ausreiste, dann noch einmal von vorn begann und letztlich nach dem Mauerfall nach Rügen zurückkehrte... Das ist doch ein Stoff, der auf ein breites Publikum treffen würde, oder?
Dieses Buch hatte hunderte Zuschriften erhalten, wurde als "Deutsche Geschichte" bewertet und als Buch, "dass an jede Schule gehört" bezeichnet. Es war in 3 Wochen vergriffen und wurde neu aufgelegt. Es beflügelte mehrere Regisseure, sich für eine Verfilmung einzusetzen. Ihr Ersuchen wurde ohne Begründung abgeschmettert. Profilierten Fachleuten wurde der Elan - und der Glaube an die Demokratie genommen, als ersichtlich wurde, wie man Demokratie in MV versteht - und umsetzt.Seit meiner Rückkehr aus Österreich (1996), versuchte ich Bücher im Nordmagazin o.ä. vorzustellen. Vergeblich!
Seitdem ich die www.sorgenkind-ruegen.de im Netz habe, in der ich Ross & Reiter nenne, habe ich unter der Isolation zu leiden. Der Schadensfreude vorbeugend sage ich allerdings: "Ich kämpfe - leide aber nicht."
Mein Fazit: Die 27 Jahre der Deutsche Einheit ist vielen Menschen vergällt worden zu feiern. Aus einer großartigen Sache wurde ein Netz von politischem Gehorsam, undemokratischem Verhalten, Ausgrenzen und Alt & Neu- Parteigängern gewebt. Ich bin parteilos, war nie in einer Partei, bin durch den 2. Weltkrieg gesundheitlich schwer geschädigt, bin Flüchtlingsskind und von der DDR als "persona non grata" gezeichnet, bin nicht vorbestraft und habe nie einen Pfennig Unterstützung vom deutschen Staat erhalten und auch nicht darum ersucht. Ich bin nur ein schwer kranker Mann, der als Autodidakt seinen Weg machte. 18 Monate vor meinem 80. Geburtstag fordere ich nur den Paragraphen 1 der deutschen Verfassung für mich ein. "Die Würde des Menschen ist unantastbar." In der DDR hatte man in den 70er Jahren meinen Wert erkannt und das Fernsehen der DDR drehte den Film "Ein Mann der Bilder fühlt". Er wurde nach meiner Österreich-Übersiedlung zerstört!
Meine Ausstellung AKT & ; Landschaft war die 1. und beliebteste DDR-Ausstellung. 1979 wurde sie zum "Leistungsvergleich" der DDR - Fotografen. Ich wurde mit der Ehrennadel für Fotografie in Bronze, Silber und Gold geehrt und 1979 mit dem internationalen Ehrentitel ARTISTE (AFIAP) ausgezeichnet... Für die BRD steht für mich die Aussage der Zeitschrift "LEICA-international", Heft 1/2003 die im Begleittext schrieb: " Klaus Ender widmete der Ostsee bei Rügen eine fotografische Verbeugung...als wäre die Landschaft ein Spiegel, des eigenen Inneren oder als veränderte die Seele ihre Farbe, wenn man sich seinen Bildern aussetzt. Tatsächlich wird der Atem langsamer und tiefer, spürbare Ruhe kehrt ein beim Betrachten der Naturaufnahmen von Klaus Ender. Mit diesem Schlusssatz möchte ich dieses Interview eigentlich abschließen, aber ich erinnerte mich an meine Situation, als unsere Internetseite "Sorgenkind" eingerichtet wurde. Ich wusste nicht, wie sie "ankommen" würde und sagte dann als mein Vermächtnis, dass ich Bäume sehr liebe - und dass im dem Falle, dass mir ein Baum auf den Kopf fällt, ich diesen nicht hasse. In diesem Moment kam meine Frau herein und las mir aus Facebooks Zuschriften zu meinem letzten Beitrag über Schmacht vor, dass sie den Eindruck hat, dass sich nur Klaus Ender für die Bäume einsetzt. Die anderen Leser kritisierten das auch - aber dann war es das auch. Dazu muss ich noch ein Wort sagen: Als unsere Sorgenkind auch dem Rat der Stadt Bergen und der "Unteren Naturschutz-Behörde aufstieß, fragte eine der zuständigen Beamtinnen, wer Klaus Ender sei. Noch nie von ihm gehört - und nun solch eine Kritik von ihm.... Eine Naturschutz-Behörde - die noch nie von diesem Kritiker hörte - obwohl ihr die Medien zur Verfügung standen, in denen ich kritische Beiträge schrieb - stelle ich der Leserin von Faceboock gegenüber. So unterschiedlich können Interessen sein. Ich danke der Sassnitzer Redaktion dafür, dass ich dieses Interview machen durfte, denn die offiziellen demokratischen Zeitungen winkten dankend ab.
Dann, hoffen wir, dass es - gerade wegen der Kritik von Klaus Ender - noch einen Anlauf für den Film gibt und bedanken uns für das Interview.
Klaus Ender mit seinen Fotos als Galerie im öffentlichen Raum
Auf unserer Seite ist Klaus Ender vor allem präsent durch seine Reihe "Geist der Zeit"
Wir danken für die Unterstützung bei der Bereitstellung der Fotos.