Samstag, 14. Oktober 2017

Mythos Störtebeker (1): Die Legende


Rügen. (SAS) Vieles ist bereits erzählt und geschrieben worden -  über den Seeräuber und Piratenhauptmann Klaus Störtebeker. Heute ranken sich unzählige Legenden um seine Person und sein Leben. Und doch ist uns auch weiterhin vieles von ihm unbekannt. Grund genug sich im ersten Teil der Reihe "Mythos Störtebeker" zunächst dem Überlieferten auf der Insel Rügen und damit den Niederschriften des Rüganers Prof. Dr. Alfred Hass zuzuwenden. Er sammelte im letzten Jahrhundert die Berichte und Erzählungen der Einheimischen über den pommerschen Haudegen...

Die Herkunft und die Verstecke der Seeräuber
 
Von Alfred Haas
 
Vor vielen Jahren hatten die Bewohner Rügens von den Einfällen und Brandschatzungen einer gefährlichen Seeräuberbande zu leiden, deren Anführer Klaus Störtebeker und Gödeke Michel hießen. Störtebeker soll von der Halbinsel Jasmund stammen und eines Bauern Sohn aus Ruschvitz sein; auf diesem Hof soll er als Knecht gedient haben und später von dort entlaufen sein. Im Jahr 1840 fanden Arbeiter von Ruschvitz beim Umackern einer wüsten Stelle den Grundbau eines Hauses und erzählten damals, sie hätten immer gehört, dass Störtebekers Eltern an dieser Stelle gewohnt hätten. Störtebeker soll von gewaltigem Körperbau und übermenschlicher Kraft gewesen sein, so dass er eiserne Ketten sprengen und ein Hufeisen auseinanderreißen konnte; dazu war er der Liebe nicht abhold und ein gewaltiger Trinker. Sein Genosse war Michael Gödeke, oder umgekehrt, Götke Micheel, auch kurzweg Gömichel, wie der Volksmund ihn gewöhnlich nennt; er soll aus dem Dorf Michaelsdorf nahe Barth gebürtig gewesen sein und eigentlich Gottfried Borgwardt geheißen haben; später soll er den väterlichen Namen mit dem seines Geburtsortes vertauscht haben.
Überall an der Küste hatten die kühnen Seeräuber ihre Schlupfwinkel, in welchen sie ihre Beute aufspeicherten. Denn ganz unermesslich waren die Schätze, welche sie auf ihren mannigfachen Zügen zusammengeraubt hatten. Zu Stubbenkammer in der Nähe der beiden Kreidepfeiler, welche in der halben Höhe des Abhangs hervorragen, soll sich eine Höhle befunden haben. Es wird auch wohl erzählt, dass ein Teil seiner Schätze bei Stubbenkammer im Meer verborgen liege.
In die Höhle hatte Störtebeker einst eine schöne Jungfrau gesperrt, die er in einem fernen Land geraubt hatte; er hatte ihr den Auftrag gegeben, die Schätze zu bewachen und die Höhle nicht eher zu verlassen, als bis er zurückgekehrt sein würde. Unmittelbar darauf aber büßte Störtebeker seine zahlreichen Räubereien mit dem Leben, da er infolgedessen nicht zurückgekehrt ist, sitzt die Jungfrau bis auf den heutigen Tag dort unten bei ihren Schätzen. Nur bisweilen kommt um die Mitternachtsstunde das gespenstische Schiff Störtebekers zum Strand, und die Schattenbilder der ehemaligen Seeräuber steigen in die Höhle hinab, um die dort aufgespeicherten Reichtümer nachzuzählen. Die Jungfrau aber wartet Tag zu Tag, dass jemand komme, um sie zu erlösen.
Auch in der Nähe der Golchaquelle, welche hoch oben am Felsen von Stubbenkammer entspringt, soll sich eine Höhle der Seeräuber befunden haben, in welche dieselben direkt von der See aus hineinfahren konnten, obgleich ihr Eingang oben am Felsen lag. Ebenso soll Störtebeker auch in der Herthaburg eine Niederlage und einen Schlupfwinkel gehabt haben; auch hier soll er von der See aus zu Schiff aus- und eingefahren sein. Zur Erklärung dafür, wie die Schiffe der Seeräuber an diese hoch oben am Ufer gelegenen Punkte haben gelangen können, wird angeführt, dass das Wasser der Ostsee früher viel höher gestanden habe als jetzt und so das Einlaufen der Schiffe möglich gemacht habe.
Ferner wird der bei der Oberförsterei Werder auf Jasmund gelegene, sogenannte „Schlosswall" als Aufenthaltsort Störtebekers und seiner Genossen angegeben. Die Südostseite dieses Walles soll vordem von einem See bespült worden sein, welcher durch einen Wasserlauf mit dem Meer in Verbindung stand, und die zwischen Bläse und Hengst gelegene Schlucht, durch welche der Wasserlauf sich hindurchwand, heißt noch jetzt die Piratenschlucht. So konnten die Seeräuber also auch hier direkt vom Meer aus in ihre Schlupfwinkel hineinfahren.
Auch zu Ralswiek, wo sich seit den ältesten Zeiten eine Hafenanlage befand, soll Störtebeker gehaust haben. – Sodann wird auch der Benzer Burgwall für einen Schlupfwinkel Störtebekers ausgegeben. An dem Nordrand dieses Walles befindet sich noch heutigen Tages eine Vertiefung, und durch dieselbe soll ein Wasserlauf, der mit der nahegelegenen Neuendorfer Wiek in Verbindung stand, in das Innere des Walles geführt haben. – An der nordwestlichen Steilküste der Insel Hiddensee liegt eine Höhle, in der der Seeräuber lange Jahre gehaust haben soll; sie heißt die Störtebekerhöhle.
An der Westküste Rügens soll Störtebeker zu Ralow, wo die Rauhburg der Seeräuberischen Ralunken lag, sein Unwesen getrieben haben. Mit den beiden Brüdern, welche auf dieser Burg hausten, soll er in Verbindung gestanden und gemeinschaftlich mit ihnen manches vorübersegelnde Handelsschiff weggekapert haben. – Auch auf dem landeinwärts von Ralow gelegenen Carower See soll Störtebeker heimisch gewesen sein; manche wollen sogar wissen, dass er in diesem See ertrunken sei.

Endlich soll Störtebeker nebst seinem Genossen Göd´micheel auch die Bullerhürn auf Wittow als Schlupfwinkel benutzt haben. Die Seeräuber besaßen hier eine Höhle, in welche sie ihre geraubten Schätze bargen. Leider hat man diese Höhle nach dem Untergang der Seeräuber nicht auffinden können; solange aber die Schätze, an denen viel unschuldiges Blut kleben soll, nicht aufgedeckt sind, haben die Seeräuber keine Ruhe im Grab und spuken und „bullern" unausgesetzt in der Meeresbucht herum.
 


Das Wirken der Piraten

Von Alfred Haas
 
Auf ihren Beutezügen richteten Störtebeker und Gödeke Michael ihre Angriffe vornehmlich gegen reiche Leute; den Armen aber taten sie nie etwas Böses, ja, sie unterstützten dieselben wohl gar mit Geld und gaben dann reichliche Gaben. Eines Tages ging Störtebeker durch ein rügensches Dorf, da sah er vor der Haustür eine Frau sitzen, die ein Paar Beinkleider flicken wollte. Es fehlte ihr aber ein Stück Zeug dazu. Da warf ihr Störtebeker einen Lappen Tuch hin, und als die Frau denselben umwendete, klebten an der Rückseite lauter blanke Goldstücke. –
In Hagen auf Jasmund saß einst ein Mannn vor der Haustür und weinte; er sollte aus dem Haus ausziehen, weil er die rückständige Miete nicht bezahlen konnte. Da kam Störtebeker durch das Dorf; er sah den alten Mann und fragte ihn, was ihm fehle. Und als er die Not des Mannes vernommen hatte, gab er ihm soviel Geld, dass er auf mehrere Jahre hinaus die Miete für die Wohnung bezahlen konnte.

In ähnlicher Weise hat er einst einer Frau in Bobbin geholfen. Sie war eine arme Witwe und sollte, da sie die Wohnungsmiete nicht bezahlen konnte, das haus räumen. Da soll ihr Störtebeker so viel Geld gegeben haben, dass sie nie wieder in Not kam. Das betreffende Haus ist noch jetzt in Bobbin vorhanden.
 
 
Wie die Seeräuber zu Tode gekommen sein sollen
 
Von Alfred Haas
 
Lange Zeit hindurch hausten die von jedermann gefürchteten Seeräuber ungestört in den Rügenschen Gewässern. Endlich aber gelang es den Rügianern doch, ihrer habhaft zu werden. Störtebeker sowohl, wie sein Genosse Michael Gödeke wurden gefesselt eingebracht und zum Tode verurteilt. Sie suchten zwar den Verderbern zu entgehen und versprachen, sie mit einer goldenen Kette zu lösen, welche ringsum die Mauern der Stadt Hamburg herumreiche. Aber die Leute in Rügen ließen sich durch solche Versprechungen nicht blenden; sie waren froh, ihre Plagegeister in ihre Gewalt bekommen zu haben, und das Urteil wurde an ihnen vom Henker vollzogen. Noch heute zeigt man die Stelle, wo die beiden Räuber getötet und ihre Leichname eingescharrt wurden; es ist das eine kleine Lichtung, welche inmitten der Stubnitz gelegen ist.
Die Schiffe der Seeräuber wurden auf Abbruch verkauft, und dabei erstand sich ein armer Tagelöhner die Mastbäume, um sie als Brennholz in seinem Haushalt zu verwenden. Wie er’s sich nun daran machte, die Masten in Stücke zu sägen, siehe, da fielen statt der Sägespäne kleine, blanke Körnchen zur Erde. Er schaute näher zu, und da ergab es sich, dass sämtliche Mastbäume inwendig hohl und die Höhlungen mit lauterem Gold, aus welchem Störtebeker die Kette hatte anfertigen wollen, aie er als Lösegeld in Aussicht gestellt hatte. Der arme Tagelöhner aber wurde durch die gefundenen Schätze ein steinreicher Mann, dass er genug hatte sein Lebenlang.
Wenn in der eben aufgeführten Sage die von Störtebeker versprochene Kette bereits auf Hamburg hinweis, so tritt diese Beziehung noch deutlicher hervor in einer anderen, ebenfalls auf Rügen heimischen Sage.
Als einmal die Seeräuberflotte, so erzählt man sich, auf offener See vor Anker lag, näherten sich ihr die rügenschen Fischer in der Dunkelheit, ohne von jenen bemerkt zu werden. Da die Rügenschen zu schwach waren, um die Seeräuber zu überwältigen, so verkeilten sie die Steuer der feindlichen Schiffe, so dass sie dieselben am anderen Tag bei der auffrischenden Briese nicht gebrauchen konnten. Der Wind trieb die Schiffe vielmehr in der Richtung hin, welche das unbewegliche Steuer angab. Auf diese Weise kamen die Seeräuber direkt nach Hamburg, wo sie dann gefangen genommen wurden.
Über die Gefangennahme Störtebekers durch die Hamburger gibt es noch eine andere Sage, welche sich freilich mit dem schon angeführten Teil deckt. Diese Sage lautet folgendermaßen:
Die beiden Seeleute Klaus Störtebeker und Göte Michaal lagen eines Tages mit ihrem Schiff in der Nähe von Hamburg. Ringsumher war kein anderes Schiff zu sehen, nur ein kleines Fischerboot lag in einiger Entfernung. Die Räuber ließen es jedoch unbeobachtet: sie meinten, da wäre doch nichts zu holen, und dass das kleine Boot ihnen Schaden bringen könne, daran dachten sie nicht im entferntesten. Der Fischer aber, der im Boot saß und die Seeräuber wohl kannte, gab genau acht auf alles.
Als es nun gegen Mittag sehr heiß wurde und die Räuber allmählich einschliefen, kam der Fischer herbei und goß die Angeln des Steuerruders mit Blei aus, so dass sie unbeweglich waren. Dann segelte er schnell nach Hamburg, rief Leute herbei , bemannte einige Schiffe und führte sie dahin, wo das Schiff der Seeräuber lag. Diese wollten schnell entfliehen, aber sie konnten nicht, da sie das Steuer nicht in ihrer Gewalt hatten. Deshalb mussten sie sich gefangen geben. Störtebeker und Michel Gödeke suchten nun ihr Leben loszukaufen, indem sie den Richtern große Schätze und eine goldene Kette anboten die dreimal um Hamburg reiche. Die Richter ließen sich aber auf solche Versprechungen nicht ein und verurteilten die Räuber zum Tode.
 
Über den Tod Störtebekers wird erzählt, dass dieser kühne, starke Mann, als ihm bereits der Kopf abgehauen war, noch eine ziemliche Strecke fortgelaufen sei, bis ihm ein Gehilfe des Scharfrichters einen Richtblock vor die Füße warf, über den der enthauptete Seeräuber stolperte und zu Fall kam. Eine andere Fassung der Sage fügt noch hinzu: Als Störtebeker geköpft werden sollte, standen seine mitgefangenen Spießgesellen in einer langen Reihe neben dem Richtblock. Da sprach der Richter zu Störtebeker, wenn er, nachdem ihm der Kopf abgehauen sei, noch umherlaufen könne, so sollten alle diejenigen seiner Gefährten, an welchen er vorbeilaufen würde, frei sein. Darauf lief Störtebeker, als er seinen Kopf bereits verloren hatte, ein ganzes Stück an der Reihe seiner Gefährten entlang, bis er endlich zusammenbrach.
 

 Die Schatzsuche
 
Von Alfred Haas

Nachdem die Hamburger die gefangenen Seeräuber enthauptet hatten, schickten sie eien Kommission nach Rügen zur Auffindung der von Störtebeker und Michel Gödeke geraubten und auf der Insel vergrabenen Schätze. Ein Bauer aus Sassnitz, der den Seeräubern gedient hatte, verriet den Hamburgern die betreffenden Stelle. Sie lag in dem Winkel, welchen der Prißnitzer und der Kühlenbach in der Stubnitz bilden. Und in der Tat soll hier ein Teil des Geraubten wieder zu Tage getreten sein. Auch in dem Benzer Burgwall sollen noch große Schätze verborgen sein die die Seeräuber hier einst vergraben haben; besonders erzählt man dies von jener großen goldenen Kette, die dreimal um die Mauern der Stadt Hamburg reiche. Die Kunde hiervon muss auch anderswo verbreitet sein. Denn vor vielen Jahren kam ein Jude ins Land, der bot Herrn von Barnekow auf Teschvitz, dem Besitzer des Burgwalls, eine große Summe Geldes an, wenn er ihm erlauben wollte, den Wall abzutragen und die darin befindlichen Schätze aufzusuchen, doch hat er die Erlaubnis dazu nicht erhalten.
 
So hat sich auf Rügen ein reicher Kranz von Sagen um die Gestalt der ehemaligen Seeräuber gebildet, und die Erinnerung an ihre Taten hat sich bis auf den heutigen Tag lebendig erhalten. Die Worte „Störtebeker kommt! Dienten noch bis vor kurzem als Schreckruf für störrische und weinende Kinder.
 
Von dem alten Störtebekerlied aber, welches noch am Anfang des 19. Jahrhunderts auf Rügen bekannt war, findet sich jetzt im Volksmund keine Kunde mehr. Der erste Vers des Liedes lautete im plattdeutschen Text:
 
„Störtebeker un Gödeke Micheel,
De roveden beide to ieken Deel
To Water un nich to Lande,