Dienstag, 17. Oktober 2017

Mythos Störtebeker (2): Die Rügenfestspiele

Rügenfestspiele: Lothar Krompholz (links) als Störtebeker (Foto aus dem Nachlass von KuBa / Archiv: J. Barthel)
Rügen. (SAS) Wieviel Menschen die Rügenfestspiele 1959 und 1960 sowie die in den 80er Jahren gesehen haben, ist unklar. Aber: Es sollen Hunderttausende gewesen sein. Auch bei der Anzahl der Mitwirkenden gibt es durchaus unterschiedliche Angaben. Während die einen von etwa 1.000 sprechen, winken die anderen ab und meinen, es wären weitaus mehr gewesen. Das auch viele Rüganer dabei waren, versteht sich von selbst. Einige von Ihnen wissen davon noch zu berichten...

Im Sinne des Sozialismus hatte man sich zur Aufgabe gemacht, nationale Volksschauspiele und Volksopern zu schaffen, in denen die "bedeutenden Gegenstände unserer Geschichte aus unserer Sicht neue Gestalt gewinnen." So wurden schon 1959 die Festspiele durch die DDR interpretiert. Die Bezirksleitung Rostock der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) trug sich dabei seit 1958 mit dem Ziel alljährlich wiederkehrende Rügenfestspiele durchzuführen. Störtebeker, der sich inzwischen zum Volkshelden gewandelt hatte und dessen Leben längst zum Mythos geworden war, der sich sogar über Jahrhunderte durch Sagen von Generation zu Generation überlieferte, schien dafür die geeignete Projektionsfläche zu sein.

Rügenfestspiele: Lothar Krompholz mittig als Störtebeker (Foto aus dem Nachlass von KuBa / Archiv: J. Barthel)
Die Entscheidung für Ralswiek, soll übrigens bei einem Treffen in Putbus gefallen sein. Der Standort galt als reizvoll für eine landschaftliche Einbettung - obgleich auch andere Spielorte, wie der am Strelasund, im Gespräch gewesen sein sollen. Die nun folgende Herrichtung des Festspielortes Ralswiek erstreckte sich jedoch über Monate. Beteiligt waren daran nicht nur kleine Handwerksbetriebe der Insel sondern auch die DEFA oder die Deutsche Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG).

Und auch die künstlerische Vorbereitung des Balladenstoffes bedurfte eines gewaltigen Vorlaufs, bei dem von Anfang an das Zusammenwirken zwischen Laien- und Berufskünstlern Konzept war.  So ist es - soviel sei an dieser Stelle angemerkt - bis heute geblieben.
Wer es genauer wissen möchte, dem sei gesagt, dass 1959 u.a. die Chöre vom Diesterweg-Institut Putbus, vom VEB Fischfang Saßnitz, vom VEG Güttin, von der Oberschule Bergen, der Gewerblichen Berufsschule Bergen, der Volkschor Sagard, der Volkschor Garz, der Chor der Gemeinde Ralswiek, Der DFD-Chor Lietzow, das Pionierensemble Binz, die Chöre der MTS-Bereiche Altenkirchen, Garz, Gademow, Gingst, Sagard, Samtens und Zirkow sowie Chöre der Theater Greifswald, Putbus und Stralsund dabei waren.
Außerdem auch Tanzgruppen der Insel - aus Bergen, Güttin, Putbus, Wiek, Zirkow, Binz, Sellin, Kluis, Göhren und Alt Reddevitz. Dazu die Tanzgruppen und Orchester von Greifswald, Stralsund und Putbus, Kleindarsteller von der ganzen Insel und eine Reitergruppe der Rügener Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Außerdem noch Soldaten der Land- und Seestreitkräfte.

Der erste Störtebeker war übrigens Lothar Krompholz und seine Trebele Erika Solbrig.

Plakat der Festspiele 1960 - aus dem Nachlass von KuBa (Archiv: J. Barthel) 
Die Ballade selbst beginnt im Jahre 1391 im Dorf Ruschvitz auf Rügen, wo es zum ersten Konflikt zwischen den Herrschenden und Klaus Störtebeker kommt. Ein nicht gehaltenes Wort lässt den Helden des Stücks dabei mit Trebele fliehen. Nach weiterer Enttäuschung über den Verrat der "Mächtigen und Großen" wird er zum Likedeeler - ein Feind der Reichen, ein Freund der Armen. Vergessen hat er die Seinen natürlich nicht. Er versorgt sie mit Waren und findet neue Gleichgesinnte, wie Magister Wigbold, der allgemeine Gleichheit und "den Himmel schon auf Erden" predigt. Doch schon rüstet sich der Feind gegen Klaus Störtebeker - es sind die Mächtigen Könige und Fürsten. Der Held der Ballade findet zwar seine Trebele in Schonen wieder und ihm wird anschließend sogar Zuflucht in Friesland gewährt, doch auch hier gibt es Verrat. So werden Trebele und ihr gemeinsamer Sohn nach Hamburg verschleppt und Klaus Störtebeker fällt mit seinem manövrierunfähigen Schiff der Übermacht der Feinde zum Opfer. Sein Leben endet 1401 auf dem Grasbrook von Hamburg. Doch das Volk bewegt die Geschehnisse in seinem Herzen und erzählt sie in Überlieferungen: Vom Leben Klaus Störtebekers und von den Likedeelern.

Warum gerade 1959 die Rügenfestspiele begannen? Die Festspielleitung beantwortete die Frage damals so, dass dies ein Geschenk an den 10. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gewesen wäre.

Die künstlerische Handschrift gaben den Festspielen dabei Kurt Barthel (KuBa) , der die Ballade geschrieben hatte, Günter Kochan, der für die Musik verantwortlich war und Hanns Anselm Perten, der die Regie führte - alle drei waren zu dieser Zeit übrigens bereits Nationalpreisträger.
 
Vor 50 Jahren starb der Autor Kurt Barthel (KuBa) - ein Nachruf in der "Neuen Zeit" v. 14.11.1967 (Archiv: J. Barthel)
Obgleich das Stück begeistert aufgenommen wurde, endeten die Rügenfestspiele zunächst bereits nach dem zweiten Jahr, dann zog wieder Ruhe in das kleine Dorf am Großen Jasmunder Bodden ein. Es bedurfte immerhin 20 Jahre um ein "Comeback für Störtebeker" zu realisieren. Vieles änderte sich dabei, wurde an die neuen Möglichkeiten und die Zeit angepasst. Auch das Logo der Rügenfestspiele folgte dem Zeitgeschmack. War es zunächst eine Kogge, die als Wiederkennung diente, wurde nun ein trotziger Störtebeker-Kopf zum Erkennungszeichen der Spiele, reduziert auf das Wesentliche und damit im Trend der Zeit.
 
1980: Werbematerial und neues Logo für die Rügenfestspiele
Nun übernahm das Volkstheater Rostock weite Teile der künstlerischen Umsetzung. So konnten durch diese Kultureinrichtung u.a. Schauspieler, Orchester und Chor gestellt werden. Diese erfuhren dann durch die Rüganer - vor allem bei den Chören - Unterstützung. Die Volkschöre der Insel kamen dabei aus Bergen, Garz, Saßnitz, Binz und Rambin. Außerdem wirkten auch der Veteranenchor aus Putbus, die Frauenchöre aus Gingst und Altenkirchen, der Chor der Erweiterten Oberschule (EOS) Bergen und - nicht zu vergessen! - das Likedeeler-Ensemble aus Binz mit. Dazu Reiter des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) der Kreise Rügen, Stralsund, Ribnitz-Damgarten und Rostock sowie natürlich viele unzählige Statisten, die als Kleindarsteller die Bühne bevölkerten.
 
Rügenfestspiele 1980: Diskussion (Foto: Klaus Ender)
Inhaltlich folgte die Aufführungen der 80er Jahre wieder der Ballade von KuBa von 1959/1960. Nur diesmal - schließlich waren 20 Jahre vergangen! - benötigte man auch einen neuen Helden. So wurde Störtebeker von Manfred Gorr und die Trebele an seiner Seite durch Petra Gorr verkörpert. Um es an dieser Stelle zu sagen: Es ist schier unmöglich alle Mitwirkenden der Rügenfestspiele zu nennen, deshalb sollen hier die genannten stellvertretend für das Bemühen aller Mitwirkenden an den Rügenfestspielen - auch hinter den Kulissen und in der Organisation - im Ganzen stehen.

Rügenfestspiele 1980: Aufstand (Foto: Klaus Ender)
Wer als Kind die Festspiele besuchte, mag es verstehen: Es gab eine hohe Ansteckungsgefahr beim "Störtebeker-Virus". Erleichtert wurde dies dabei durch den persönlichen Bezug. Schließlich setzte KuBa bei der Herkunft "seines" Klaus Störtebeker vollständig auf die Rügensche Überlieferung der Sagen und Geschichten, die durch Prof. Dr. Alfred Haas (s.a. Mythos Störtebeker (1): Die Legende) niedergeschrieben wurden. Als gebürtiger Rüganer aus dem kleinen Dorf Ruschvitz rannte er natürlich die Herzen der Menschen ein, zumal er versprach, es den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. Und das Buch "Die Vitalienbrüder" von Willi Bredel dürfte wohl sein Übriges getan haben - auch wenn man die Vitalienbrüder auf Rügen selbstverständlich als Likedeeler - was soviel wie "Gleichteiler" heißt - bezeichnet.


Rügenfestspiele 1980: Koggen (Foto: Klaus Ender)
Und  so war es 1993 - als die Störtebeker-Festspiele durch Intendant Peter Hick und seine Mitstreiter aus der Taufe gehoben wurden und an gleichem Ort das historische Erbe rund um die Geschichte des Klaus Störtebeker wieder aufnahmen - für all jene, die nun zwischenzeitlich erwachsen geworden waren, eigentlich nur folgerichtig, dass auch diese Geschichte weitererzählt wird...

Weitere Informationen zu den Störtebeker Festspielen
 
Wir danken für die Fotos aus dem Nachlass von Kurt Barthel (KuBa) - Archiv Jochen Barthel
und von dem Rügener Fotografen und Autor Klaus Ender