Dienstag, 3. Oktober 2017

Peenemünde: 75 Jahre Raumfahrt?

Modell der A4 (V2) in Peenemünde auf Usedom
Peenemünde. (SAS) Am 3. Oktober 1942 stieg erstmals eine Rakete mit einer Geschwindigkeit von Mach 5 (4.824 km/h) bis zu einer Höhe von 84 Kilometern in den Himmel über der pommerschen Küste, um sich dann wieder der Erde zuzuwenden. Mit diesem Ereignis galt der Grenzbereich zum Weltraum als durchstoßen.

Technisch zweifellos eine Meisterleistung, doch ist die Einordnung bis heute umstritten. Denn die A4, jene ballistische Großrakete, die unter Leitung von Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde entstand, wurde unter der Bezeichnung V2 eben auch als militärische Fernwaffe gegen London und Antwerpen eingesetzt. 
 
Und so verwundert es nicht, dass schon am 3. Oktober 1992 die Feierlichkeiten auf Usedom, die die Bundesregierung mit Unterstützung der heimischen Industrie unter dem Motto "50 Jahre Raumfahrt - Erbe, Verpflichtung, Perspektive" begehen wollte, abgesagt wurden. Zweifellos zeigt dies aber auch, wie schwierig der Umgang mit Großprojekten des Nationalsozialismus - der "Stadt X", dem geplanten KdF-Seebad "Rügen" oder dem Hydrierwerk in Pölitz - und ihre bis heute vorhandene Wirkung auf die Orte ihrer Umsetzung ist.
 
Dabei liegen im Falle von Peenemünde die technische Begeisterung für die Raketentechnik und die Schaffung einer den Tod bringenden Waffe eng beieinander. Diesem Thema widmete sich auch das Buch "Raumfahrt - Traum und Wirklichkeit" in dem Kapitel "Hitlers Wunderwaffen" zur DDR-Zeit ausführlich. Es setzte sich auch mit der These auseinander, Wernher von Braun sei der "unpolitische Weltraumforscher" gewesen.
 
Blick in das Buch "Weltraum - Traum und Wirklichkeit" (S. 116) zum Aufbau der A4
Neben der ideologischen Reflexion in dem Beitrag des Autors Horst Körner, wird auch die Meinung des Schweizer Wissenschaftlers Alfred Stettbacher aufgegriffen. Während für Forschungsraketen kein Pfennig übrig gewesen wäre, sollen für die "Wunderwaffe V2" zwei Milliarden Mark ausgegeben worden sein. Dies sei "neben der Atombombe ein Beweis mehr für die paradoxe Tatsache, wie unbedenklich der Mensch für den Krieg Opfer zu bringen bereit ist, die er im Frieden als irrsinnig und unmöglich verweigerte".
 
Heute geht man - neben den geschätzten 16.000 bis 20.000 Häftlingen - von 8.000 zivilen Kriegsopfern in Folge der Wirkung der Rakete als Vergeltungswaffe aus. Bis zum Kriegsende entwickelte man diese sogar zu einer Interkontinentalrakete - der Aggregat 9/10 - weiter. Wernher von Braun machte nach 1945 als "Rocket Man" - gemeinsam mit einem Teil der deutschen Wissenschaftler - in den Vereinigten Staaten Karriere. Als sein größter Erfolg gilt die bemannte Mondlandung 1969.