Donnerstag, 5. Oktober 2017

Streifzüge durch Südrügen

Die Kirche von Swantow. Der Ort wurde 1982 Titel eines Werkes von Hanns Cibulka
Garz (SAS). Wer nicht der Hauptverkehrsader der Insel – der neuen F96 - folgt und stattdessen der alten Bäderstraße über Garz den Vorzug gibt, wird reich belohnt. Fernab der touristischen Betriebsamkeit der Seebäder, gibt sich die älteste Stadt der Insel mit ihren Einwohnern überaus gelassen.

Wer die bescheidenen Straßenzüge der Bürgerhäuser betrachtet, wird allerdings kaum erahnen, wie reich die Geschichte diesen Flecken Rügens gesegnet hat. Neben einem Burgwall der „urbs Karentia“, die sogar die Heiligtümer der wendischen Gottheiten Rugivit, Porivit und Perenut beheimatete, hat auch das erste Rügen-Museum hier sein Platz gefunden. Es erinnert nur unweit des Burgwalls an den größten Sohn der Insel - Ernst Moritz Arndt. Sein Geburtshaus ist im benachbarten Groß Schoritz zu finden und einen Ausflug mit dem Fahrrad wert. Überhaupt bietet sich das Umland von Garz dabei auch zur Erkundung mit dem Rad oder zu Fuß an. Dabei stößt man auf viele alte und zum Teil bereits wieder in altem Glanz erstrahlende Guts- und Herrenhäuser.
Einst als Rügen-Museum erdacht, findet sich hier das Gedenken an den größten Sohn der Insel, Ernst Moritz Arndt
Zum Erstaunen des unvorbereiteten Besucher findet sich hier aber nicht nur mit dem Burgwall das Gegenstück zu Arkona, sondern auch ein Bodenschatz, den viele derzeit nur auf Jasmund verorten. Nordwestlich von Garz lässt sich einer der bedeutendsten Kreidebrüche Rügens wiederentdecken. Einst wurde hier – wo ein See den einstigen Tagebau markiert – das „Weiße Gold“ der Insel durch die Stettiner Portland-Cementfabrik „Stern“ ab 1902 abgebaut. Die Kreide selbst transportierte man in der Spurweite 750 mm bis in die Nähe von Garz (Haltepunkt „Garz West“), wo diese durch die Rügener Kleinbahn (RüKB) übernommen und bis zum Hafen von Puddemin gebracht wurde, von wo aus sie nach Stettin verschifft worden war.

Überhaupt die Rügensche Kleinbahn. Auch wenn heute nur noch das letzte Ende – von Putbus nach Göhren – durch „dampfende Rösser“ befahren wird, auch hier hat die „Lütt Bahn“ mehr als nur Eisenbahn- und Verkehrsgeschichte geschrieben. Zum Beispiel Filmgeschichte: Zu den wohl heute noch bekanntesten DEFA-Filmen dürfte der Streifen „Heißer Sommer“ zählen. Doch die wenigsten dürften dabei erahnen, dass Szenen des Kassenschlagers im Sommer des Jahres 1967 ausgerechnet im Bereich Wendorf bei Garz entstanden   sind.  Auf   dem   Dach   des   Personenwagens   970-812   sangen   die   Ostpreußin Chris  Doerk („Stupsi“) und der Sachse Frank Schöbel („Kai“) damals ihr Lied „Woher willst Du wissen, wer ich bin?“
Das Gutshaus Groß Schoritz - einer der kulturellen Leuchttürme Südrügens und Sitz der Arndt-Gesellschaft
Nun sei aber im Zusammenhang mit dem Garzer Umland auch noch auf eine der wohl schönsten Kirchen der Gegend aufmerksam gemacht – Swantow. Doch nicht nur die ist etwas Besonderes in dem Ort. Nein, auch hier lohnt es sich etwas genauer hinzuschauen und auf den Spuren des sudetendeutschen Autors Hanns Cibulka zu wandeln. Sein „Swantow“ (1982) entstand mitten im Sommer. Das Werk übte Kritik an den Realitäten der DDR, erhielt dadurch Resonanz, bedeutete für seinen Autoren aber auch staatliche Repression.

Abschließend wollen wir noch einmal nach Garz zurückkehren. Hier, in der Nähe von Burgwall und Museum befindet sich noch eines der markantesten Gebäude der Stadt: Der Rothbarth Stift. Er ist als Altenheim errichtet worden und trägt den Namen eines Garzer Sohns, der in den Vereinigten Staaten sein Glück gemacht hat: Paul Rothbarth. Der Sohn des Besitzers vom „Hotel du Nord“ wanderte in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts mit seinem Freund Riefstahl nach Amerika aus und handelte in New York zunächst mit Apfelsinen. Später – um 1870 – errichtete er in Chikago eine Fabrik für Baumaterialien. Nach dem großen Brand war er mit dem Wiederaufbau der Stadt beschäftigt und machte auch mit Grundstücken ein kleines Vermögen. Der Stadt Garz vermachte er 35.000 Dollar und bestimmte u.a. den Bau eines Altersheimes – den Rothbarth-Stift.
DerRothbarth-Stift, möglich dank des Garzers Paul Rothbart, der sein Glück in Übersee suchte
Diese kleinen Entdeckungen im vielfach unbeachteten Hinterland geben vielleicht eine kleine Anregung sich auch hier stärker mit dem Unentdeckten zu beschäftigen.