Freitag, 27. Oktober 2017

Zeit für demokratische Mitbestimmung oder Gleichgesinnt „Marsch Marsch!“

 
Ein Leserbrief von Iris Dietze
 
Hält man sich die vom Sassnitzer Bürgermeister erläuterten Schwierigkeiten zur Terminfindung vor Augen, ist Bewunderung für gelungene Absprachen eine mögliche Deutung. Doch wie ein Wunder gelingt es zu weilen.

Nehme ich das Beispiel Termin „Begrüßung Neuer Sassnitzer Bürger“. Wurden doch zwei Uhrzeiten angesetzt. Eine Stunde Unterschied lag zwischen dem Eintreffen der städtischen Vertreter und dem Erscheinen der Jüngsten. Dabei war soviel Kritik gar nicht zu befürchten.
 
Daher wage ich mir kaum auszumalen, wie groß die Schwierigkeiten eines Terminmanagement sind, wenn es ums Grobe geht. Zeit kann ja ein Synonym für Geld sein. Vorsichthalber wird auf Sassnitzer Stadtvertretersitzungen sparsam damit umgegangen. Mitteilungen werden im Zehntelsekundentakt bekannt gemacht. Ob sie wichtig sind oder nicht und ob und welche Bedeutung zu Grunde liegt, kann von normalen Leuten in diesem Tempo nicht erfasst werden. Obgleich noch ein Hinweis an den Bürgermeister, sich dieser zeitsparenden Vortragsweise anzupassen, möglich war. So viel Zeit muss sein!
 
Die Phantasie kann einem schon mal ein Schnippchen schlagen, wenn es um zeitsparende Fragen und Antworten geht. So das Beispiel eines Sassnitzer Bürgers, der einen gewählten Vertreter vor dem Saal freundlich ansprach: „Gibst du uns auch deine Stimme?“ Darauf reagierte dieser super schnell mit: „Ich mach keine Stimmung!“ Ob für diese beiden Zeit zur Rückfrage oder Erläuterung blieb, wollte ich nicht miterleben.
 
Und wenn man im Galopp durchs Leben muss, kann Bürgern auch mal eben so ein kurzfristiger Termin bestimmt werden. Ob der wohl von Beteiligten genutzt werden kann? Für diese Frage und ihre Antwort blieb keine Zeit. Denn der Bürgermeister musste doch noch „etwas ansprechen“. Was das war, blieb mir bei diesem Tempo im Großen und Ganzen verborgen. Aber eins habe ich wahrgenommen, keiner solle denken, dass bei Besuchen in Partnerstädten Urlaub gemacht würde!
 
Bei Leuten wie mir ist das ja anders. Natürlich ist überhaupt kein Vergleich möglich! Wenn ich mich während einer Dienstreise oder über das Ehrenamt in anderen Regionen befinde, suche ich auch Orte der Erholung und Entspannung auf. Umso besser funktioniere ich dann. Manchmal. Öfter nicht, weil ich immer noch Zeit mit Emotionen zu verborgen gebliebener Aufmerksamkeit totschlage. Doch dann höre ich auf meiner demokratischen Ebene bei nächster Gelegenheit schon mal die Frage: „Warum hattest du denn gestern so schlechte Laune?“ Antwort wird geschenkt und meine Bedürftigkeit mit erhabener Geste durchgewunken.
 
Doch wie begegnet man Menschen, z. B. Stadtvertretern? Leider konnte sich mein schlechtes Gewissen, die Angst Zeit zu stehlen, durchsetzen. Meine zaghaften Versuche, inhaltlich nachzufragen oder auf unangemessene Behandlung von Bürger_innen, hinzuweisen, scheiterten. Ist es denn so schlimm, wenn Vortragenden mit Bemerkungen zur Knappheit ins Wort gefallen wird oder wenn einige Stadtvertreter mit angedeutetem Stöhnen auf bessere Informationen und somit auf persönlichen Mehrwert hinweisen? So verblieben 3 ungenutzte Minuten von den zur Verfügung gestellten 30. Hätte ich mich getraut, könnte ich jetzt Freizeit sparen und müsste nicht an diesem Brief werkeln.
 
Aber wäre ich mit 3 Minuten ausgekommen? Hätte jemand den Sinn meiner hingeworfenen Stichpunkte verstanden? Ach du liebe Zeit!