Mittwoch, 1. November 2017

Geschichten über den Sassnitzer Bahnhof (1)

Der Sassnitzer Bahnhof: Treffpunkt und Ausbildungsstätte...

Ein Gastbeitrag von Waltraud Krull

Ich bin Baujahr 1953 und arbeite heute in der sächsischen Landesdirektion. Im Katastrophenwinter 1978/79 habe ich meine Wohnstätte nach Leipzig verlegt. Ich will von den Jahren vor dieser Kälte berichten.

Auch ich musste mich mit zarten 15 Lenzen in irgendeine Richtung orientieren was den beruflichen Werdegang angeht. Ich wusste wie immer nicht was ich wollte. War unentschlossen, hatte dann auf einmal 4 Lehrstellen zur Auswahl. Eins wusste ich aber genau. Ich wollte das Abitur. Als Tochter eines Gewerbetreibenden war die Möglichkeit, eine EOS zu besuchen (erweiterte Oberschule) sehr übersichtlich. Die Freundin meiner Mutter arbeitete damals im Bahnbetriebswerk (Bw) Sassnitz und sie meinte öffentlicher Dienst wäre immer gut und ich sollte doch „zur Bahn“ gehen. Aber ich wollte keine Fahrkarten knipsen. Die andere Ausbildungsstelle als Schiffselektriker mit Abitur war aber auch nicht so toll. Also habe ich mich erst einmal ziemlich passiv verhalten.

Eines Tages, mein Vater kam immer zum Mittag essen aus der Werkstatt nach Hause, sagte er zu mir. Wir gehen nach dem Essen zum „Kaderleiter“ des Bahnhofs wegen einer Lehrstelle. Er hätte dort angerufen und wir sollten mal vorbei kommen. Gesagt getan….uns begrüsste ein älterer freundlicher Herr, der mir die Ausbildung schmackhaft machte und sogar einräumte, dass ich eine Berufsausbildung mit Abitur machen könnte. Schulausbildung in Stralsund, Heimatbahnhof Sassnitz. Und ganz plötzlich war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hielt einen Lehrvertrag in der Hand und ich musste nicht mehr darüber nachdenken was ich eigentlich will.

...Ort der Abfahrt und des Wiedersehens.
Der Lehrbeginn nahte und ich war voller Tatendrang und freute mich auch auf die Schule in Stralsund und auf die Ausbildung. Und ehe ich mich versah, fand ich mich mit den anderen Abiturienten in der Greifswalder Kleiderkammer und steckte am ersten Tag der Ausbildung in einer Uniform, dunkelblau mit goldenen Schulterstücken und einem Balken darauf. Wir sahen alle ganz schick aus. Nun konnte der Ernst des Lebens zum dritten mal beginnen. Erstes mal zum Schulbeginn, zweites mal Jugendweihe und das dritte mal eben genau jetzt.

Nach einer sogenannten Lehrunterweisung begannen wir alle unsere praktische Ausbildung. Reiseverkehr, Güterverkehr, Betriebsdienst. Ich nahm am ersten Tag meinen ganzen Mut zusammen und meldete mich in meiner neuen Uniform und frischen Korkenzieherlocken beim Bahnhofsvorsteher, der mich zur Fahrkartenausgabe brachte. Ich sah zum ersten mal wie ein Fahrkartenschalter von innen aussieht.

Etwa 10 – 15 Fächer mit leeren Pappen und verschiedenen Farben lagen fein ordentlich einsortiert und wurden bei Bedarf entnommen. Und ja, man kannte mich und meine Geschwister und auch meine Eltern. Eine Fahrkartenverkäuferin sagte, „du bist doch die Tochter vom Schneidermeister“….ja natürlich war ich es.

Und sie legte mir eine Fahrkartenmustersammlung auf den Tisch und ich sollte mir mal die verschiedenen Fahrkarten anschauen und mit einem Grinsen im Gesicht sagte sie „und dann kannst Du noch eine Verbindung nach Buxtehude raus suchen“. Buxtehude wurde als Synonym für unbekannt, nicht existent, ganz weit weg oder so, benutzt. Aber ich wusste, es gab dieses Buxtehude wirklich und erkämpfte mir meine ersten kleinen Lorbeeren.

Und durfte ich an den AEG Großdrucker, meine ersten Fahrkarten ziehen, das hat unglaublichen Spass gemacht. Von innen sah die Empfangshalle wie ein kleines Kino aus. Ich hatte natürlich auch mal kleine Wege zu erledigen. Dadurch lernte ich in der nächsten Zeit die Kollegen und die Räumlichkeiten kennen. Der Bahnhof roch nach altem Mauerwerk, Öl und Petroleum. Ich kann das heute noch riechen. Göttlich…

Und selbstverständlich kannte man mich auch schon in der Güterabfertigung, in der Gepäckabfertigung und in der Rangieraufsicht, wo der Eisenbahner mit der roten Mütze ist und die Züge auf die Strecke schicken, unter anderem natürlich. Der ältere Herr in der Gepäckabfertigung, dort war ich nach der Fahrkartenausgabe drin, hatte einen Dienstraum auf dem Gepäckboden, der immer sehr gut geheizt war. Und so kam es vor, dass er, wenn nichts zu tun war, immer mal weg nickte. Dann fiel ihm aber doch wohl ein, dass er einen Lehrling zur Ausbildung hat. Und immer wenn er munter wurde sagte er“ ja ja so sieht das aus“, ich muss da heute noch drüber lachen.

Die Damen in der Güterabfertigung brachten mir bei, wie man die Fracht für einen Güterwagen berechnet und wieviele verschiedene Arten der Güterwagen es gibt. Ein gedeckter zweiachsiger Wagen ist z.B. ein G-ustav, hat er 4 Achsen ist es ein Ga also Gustav Anton in der Eisenbahnersprache. Ein Rungenwagen ist ein H-einrich und Heinrich Anton gibt es natürlich auch, wieder mit 4 Achsen. Ich lernte wie man Züge bildet, den Bremszettel für den Lokführer berechnet, wieviel Tonnen die Lok ziehen kann und so weiter. 

Aber am schönsten und am interessantesten war für mich die Ausbildung im Betriebsdienst. Am Sassnitzer Stellwerk stand SWB. Ich dachte irgendwas wird es ja bedeuten. Viel später lernte ich in der Schule, dass es Sassnitz Westbude heisst. Ein geniales mechanisches Stellwerk mit u.a. 2 doppelten Kreuzungsweichen, an deren Bedienung man sich richtig austun konnte. Weichen, Signale und Flankenschutz einschliesslich Schranken wurden von dort aus bedient. Damals hatten die Stellwerke noch einen richtigen Kohleofen und meistens einen ganz gemütlichen Sessel in der Ecke. Und was die Kommunikation angeht: man hatte auf jeden Dienstposten ein mit Kurbelinduktor betriebenes Telefon und die Verständigung funktionierte über lange und kurze Töne. Das waren die sogenannten Basa Telefone, die unabhängig vom Telefonnetz nur zwischen den Betriebsstellen funktionierte.