Dienstag, 21. November 2017

Geschichten über den Sassnitzer Bahnhof (2)

Der Sassnitzer Bahnhof: Treffpunkt und Ausbildungsstätte...
Ein Gastbeitrag von Waltraud Krull

Im ersten Teil der "Geschichten über den Sassnitzer Bahnhof" berichtete Waltraud Krull über ihre Lehre und Ausbildung. Nun werden die Geschichten fortgesetzt...
So verliefen die 3 Ausbildungsjahre recht erfolgreich aber nicht ohne den allsonntäglichen Spruch meiner Mutter am Bahnsteig „denk an Lenin, lernen, lernen nochmals lernen“. Sie hatte ihr Späßchen daran wenn sie mir das noch mit auf den Weg geben konnte und freute sich wie ein Kind wenn ich regelmäßig dabei in die Luft gegangen bin. Das tat ich natürlich nur um der Sache willen.


Inzwischen war auch ich volljährig aber ich fühlte mich irgendwie nicht so. Die behütete Kindheit, man zehrt ein Leben lang davon, die Zeit im Stralsunder  Internat, überall bekam man ein noch Nestwärme, die man genießen konnte. Und ich hatte ja auch noch ein Ingenieurstudium vor mir. Zeit genug, um jetzt endlich mal erwachsen zu werden . 

Ich begann 1972 an der Ingenieurschule für Transportbetriebstechnik in Gotha ein Direktstudium. An dieser Schule wurden Eisenbahningenieure und Kraftverkehrsingenieure ausgebildet. Und wie es das Schicksal will, wurden zwei namensgleiche immatrikulierte Jungs vertauscht. Der vom Kraftverkehr kam irrtümlich in unsere Seminargruppe, das fiel aber erst nach ein paar Tagen auf, als er sich sehr zögerlich meldete und meinte „ich glaub, ich bin hier falsch“. Es folgte ein Riesengelächter…
Aber zu der Zeit hatte ich ihn längst von allen Seiten beschaut und für gut befunden. Sieben Jahre später heirateten wir…
Im dritten Studienjahr wurden die Absolventen dann schon den zukünftigen Dienststellen zur Einarbeitung übergeben. Man fragte mich ob ich mir eine Stelle als Schichtleiter (damals Brigadevorsteher) vorstellen könne….klar konnte ich.
In dieser Einarbeitungszeit habe ich sehr viel über Menschenführung, Durchsetzungsvermögen u.ä. gelernt, das weiß ich heute. Ich hatte einen Schichtleiter an meiner Seite, dem ich sehr viel verdanke.

Jedes Studium geht einmal vorbei, so auch dieses. Ich war jetzt also Schichtleiter des Bahnhofs Sassnitz, bestehend aus den Dienststellen Sassnitz und Sassnitz Hafen. Ich hatte die Verantwortung über ca. 35 Eisenbahner, für die Pünktlichkeit der Züge ins Netz und der Schiffe nach Schweden. Ich hatte mit Passgruppe, Zoll, Transportpolizei Absprachen zur Durchführung des Tagesgeschäftes  zu tätigen und hatte trotzdem immer noch die Möglichkeit hier und da ein Späßchen zu machen. 

Einmal im Monat nach der Frühschicht wurde der  „Dienstunterricht“ durchgeführt. Dafür konnten wir einen Nebenraum der Mitropa Bahnhofsgaststätte nutzen. Arbeitsschutz, fachliche Weiterbildung, Bahnhofsinformationen waren Thema. Ja und ab und zu kam natürlich auch jemand vom Mitropapersonal und erfüllte unsere kleinen Wünsche und Bestellungen. Das eine oder andere mal kamen schon fast die Sterne hoch wenn wir auseinander gingen. Das war aber auch eine trockene Luft dort tztz. Ich glaube ich habe nie wieder so viele Witze gehört wie zu dieser Zeit. Mein erster Rangierleiter hatte einen einzigartigen Humor. Er stand manchmal, irgendwo zwischen den Gleisen, vor mir, braunäugig mit Rangierfunk über der Schulter, mit  Prestige Tabak gestopfter Pfeife und hat seinen unglaublich trockenen Humor an mir ausgelassen. Wo hat er das nur immer her geholt?
In den ersten Monaten habe ich mich auf jedem Dienstposten einarbeiten lassen, dass ich zumindest immer wusste, wovon ich rede. Das würde ich heute ganz genauso wieder tun. So konnte ich bei Bedarf, für jemanden einspringen wenn es nötig war oder mal helfen, die Papiere für Güterzug oder Schiff zusammen zu stellen, um den Fahrplan doch noch einzuhalten.

Ich erinnere mich, wir hatten Weihnachten Nachtschicht und eine Kollegin, die mehrere Kinder zu Hause hatte, kam 17.30 Uhr zur Nachtschicht. Es war mir ein Bedürfnis, sie wieder nach Hause zu schicken, mich auf ihren Platz zu setzen und ihr einen schönen Weihnachtsabend zu wünschen.

Und ein anderes mal, ich war gerade auf dem Personenbahnhof und die Aufsicht mit der roten Mütze musste dringend ein paar Minuten weg. Er sagte „lass ihn  fahren wenn es soweit Ist…“ (alter Eisenbahnerspruch ). Das wollte ich schon lange mal machen! Er legte also seine rote Mütze auf den Tisch und verschwand. Ich setzte die viel zu große Mütze auf und fand mich schick. Ich war ganz aufgeregt. Ich meldete also den Personenzug nach Lancken und schickte über ein Blockwerk mit einem Kurbelinduktor den Befehl an das Stellwerk, die Schranken zu schließen und das Signal auf „Fahrt“ zu stellen.
Und jetzt kam mein Auftritt! Der Lautsprecher befand sich in einer kleinen Kabine mit Sicht auf den Bahnsteig: „Achtung Zugverkehr!, in den Personenzug nach Sassnitz!!! bitte einsteigen, Türen schließen und Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges“. Es war noch gar nicht ganz gesagt da pfiff die Lok vor dem Personenzug und der Lokführer hat sich halb krank gelacht.
So kann es gehen wenn etwas besonders gut gelingen soll. Peinlich, peinlich ….:-)

Einen hab ich noch:
Der Bahnhof Sassnitz wurde zur Filmkulisse für einen „Polizeiruf“. Selbstverständlich fanden die Dreharbeiten u.a. auch in meiner Schicht statt. Sie drehten auf dem Bahnsteig. Alles rannte aufgeregt umher und ein Rangierer meinte, sie drehen gerade mit der Hauptfigur. Mädels sind ja bisschen neugierig….ich im Stechschritt RAUS!!! auf den Bahnsteig und es kam zum Frontalzusammenstoß zwischen dem Darsteller und mir. Ausweichen war nicht mehr möglich .
Ich wollte raus, er wollte rein….. mein Gesicht hat wohl in dem Moment die Farbe der roten Mütze angenommen. Wir entschuldigten uns gegenseitig mit einem Grinsen im Gesicht….. is ja nix passiert.