Mittwoch, 1. November 2017

Revolution in der Dunkelkammer


Ein Beitrag von Klaus Ender

Mit der Etablierung meiner Ausstellung "AKT & LANDSCHAFT" war für mich das Thema Akt abgeschlossen. Der Fotokinoverlag Leipzig hatte zwei schöne, mit international bekannten Fotografen illustrierten Aktbände heraus gebracht, von denen der "Normalbürger" nichts erfuhr. Der 1. Band hieß "Internationale Aktfotografie" - und war nur für Schweden bestimmt. Ich war mit einem ganzseitigen Foto vertreten - und fast der einzige Amateur unter Profis. Der 2. Band hieß "Internationale Aktstudien" und war für Westdeutschland gedacht. Darin war ich mit 4 Fotos präsent. Mein Umzug von Binz nach Potsdam war gleichzeitig der Wendepunkt meines Lebens.

Ich übernahm die Werbefotografie des VVB TAKRAF und verdiente plötzlich das 10-fache eines Bäckers. Die Atmosphäre im Fotoclub Potsdam begann sich - bedingt durch Neuzugänge und Ansichten der Studenten der Hochschule für Fotografie - zu verändern. Der "realistische Sozialismus" wurde gefordert, ein Hinterfragen, der mir eigenen Poesie wurde Mittelpunkt der "gehobenen" Gespräche im Club und die Entwicklung der DDR-eigenen Fotografie wurde kritisiert.
Das alles vollzog sich mit der außenpolitischen Entwicklung in Polen, wo man nicht mehr ohne Einladung einreisen durfte, der kultur-politischen Szene in Berlin - der Biermann-Ausweisung und die nachfolgenden Ausreisen vieler Prominenter in den Westen.

Ich suchte heimlich die österreichische Botschaft in Ost-Berlin auf und stellte den Antrag auf Überprüfung meiner Staatsbürgerschaft, weil mein unehelicher Vater Österreicher war. Das Leben aber ging weiter und ich hatte zur 1. DDR-offenen Leistungsschau "Akt & Landschaft" 1979 alle namhaften Amateure und Profis zur Teilnahme eingeladen - und 65 Fotografen mit 450 angenommenen Bilder waren die Essenz.

Die Qualität war gut, aber nicht besser, als die Ausstellung von 1975. Die Farbfotografie der DDR hatte sich verbessert, so dass die SW-Fotografie eine gewisse Konkurrenz bekam. Ich leitete die Arbeitsgruppe Farbfotografie des Bezirkes Potsdam und war durch die TAKRAF fast täglich mit der Qualität des Farbfilmes und der Fotopapiere konfrontiert, die der Technik des Westens weit unterlegen waren. Weil TAKRAF ein wichtiger Exportbetrieb war, der Valuta einbrachte, aber in der Werbung hinterher hinkte, wurde es mir möglich, ein Vergrößerungsgerät 6x6 aus dem Westen zu beziehen.
Im Schilf
Ein befreundeter Amateur vom Fotoclub des IFA-Fahrzeuge entwarf ein vollautomatisches Entwicklungsgerät, das wir nach meinen Bedürfnissen zuschnitten. Ich konnte nun alle Farbfilme (Dias und Negative) selbst entwickeln. Der Qualitätssprung war erheblich, so dass sich meine Bilder mit denen, des bis dahin besten Farblabor der DDR, der DEWAG in Berlin, vergleichen ließen. Mein Vorsprung wurde dadurch größer, dass ich am selben Tag fotografieren, die Filme entwickeln und Farbpapierbilder liefern konnte. Ich bekam Auftrieb, gründete eine Leistungsgruppe, weil der Stand der Fotografie derzeit im "eigenen Saft" schmorte.

Man war von den Möglichkeiten der Farbfotografie hin und her gerissen, sah nun meine Bilder - und war darauf angewiesen, wie gut oder schlecht gerade ein Labor lieferte. Für AKT & LANDSCHAFT hatte ich erstmals ein Farb-Plakat drucken lassen - um schlussendlich zu begreifen, dass die SW -Fotografie nicht ohne weiteres abgelöst werden wird. Der naturalistische Eindruck eines farbigen Aktbildes war nicht zu übersehen, so dass man sich oft nach der klassischen SW-Fotografie zurück sehnte.

Die Eröffnung der Foto-Ausstellung "AKT & LANDSCHAFT" wurde zum medialen Ereignis, als sich die Tagesthemen der ARD anmeldeten, um mit dem Initiator ein Interview zu machen - und die Ausstellung vorzustellen. Ich wurde kurzfristig von Stasi, Polizei und SED-Genossen "geschult", wie ich mich zu verhalten hätte, wenn plötzlich aus der Menschenansammlung ein Bürger an das Mikrofon herantreten würde, um laut zu rufen, dass er nicht ausreisen darf... Mir schoss dabei viel eher in den Kopf, was wohl mit mir geschehen würde, wenn diese Bonzen von meinen Bemühungen in der österreichischen Botschaft wüssten.

Die Ausstellung wurde zum riesigen Erfolg für die Aktfotografie der DDR und für die Kassen des Kulturbundes der DDR. Ich erhielt die Ehrennadel für Fotografie in Gold und den internationalen Ehrentitel der UNESCO ARTISTE FIAP (AFIAP).

Zwei Jahre später reiste ich nach Österreich aus, wurde in der DDR zur Persona non grata und alle Spuren, die ich hinterließ, wurden getilgt oder vernichtet. Ich reiste erst 1996 wieder in Deutschland ein, stellte Anträge auf Wiedergutmachung/Rehabilitierung - aber der Termin war dafür abgelaufen - und jeder Anspruch erloschen.

Mehr zur Reihe "Enders Insel":
1.) "3 Fragen an Klaus Ender" vom 1.08.2017 / 2.) "Die Silhouette als Vexierbild" vom 1.09.2017 / 3.) "Der saubere Akt" vom 1.10.2017 / 4.) "Revolution in der Dunkelkammer" vom 1.11.2017 / 5.) "Vom Tschüß bis Grüß Gott" vom 1.12.2017
Fotos und Text: Klaus Ender (Weitere Informationen)
Strand-Steine