Sonntag, 5. November 2017

Wie man eine Insel entschleunigt...

 
Morgen geht es los: Die Bahn fährt nicht mehr. Vielleicht auch kein Auto. Denn, wenn alles gut geht, werden auch die Umleitungsstrecken auf Rügen und auf den Zubringerstraßen zur Insel in ihrem Verkehrsfluss zum Erliegen kommen. Dann - soviel ist klar! - haben wir endlich die vielbeschworene Entschleunigung erreicht. Vielleicht stehen sogar Arbeitskollegen, Freunde und Bekannte gemütlich am Straßenrand, packen ihre mitgebrachten Stullenpakete und Thermoskannen aus, erzählen von alten Zeiten.

Vielleicht - und das ist gar nicht so unrealistisch - bricht am Beginn des Stillstands auf Rügen ja sogar das Mobilfunknetz zusammen, weil alle in einem letzten Anflug von Alltagshektik noch auf Arbeit oder den nächsten Termin absagen wollen. Dann allerdings würde endlich Stille einziehen. Und nach einer Weile - die Straßen sind wie beschrieben mit Autos so verstopft, dass sich kein Rad mehr dreht - hätte man sich auch alles erzählt, schließt das Auto ab und geht gemütlich nach Hause. Dort trifft man auf eine entspannte Familie, weil selbst die Kinder sich damit abgefunden haben, dass nun auch noch das Internet zusammengebrochen ist.

Kein Bahnverkehr, kein Straßenverkehr, kein Internet? Vorbei der alltägliche Druck und man möchte eigentlich nur noch den alten Werbespruch der Inselexperten von der Tourismuszentrale Rügen (TZR) zitieren: "Rügen - Zeit für uns". Erst jetzt wird klar: Der ist immer nur falsch interpretiert worden! Eigentlich ging es ja dabei um eben jene nun endlich umgesetzte Entschleunigung. Im Ergebnis werden die Tage wieder länger und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie leichter, denn: Bis die Straßen irgendwann endlich geräumt sind, werden mehr als drei Tage vergehen, die jedoch eine weitere Entwicklung in Gang setzen können...

Es ist zweifellos das größte Experiment seiner Art, welches in einem Industrieland je umgesetzt wurde. Die ersten Effekte sind schnell greifbar: Die Krankenquote wird auf der Insel wird noch für das Jahr 2017 um mindestens 2 Tage im Durchschnitt gedrückt werden können...

Da muss man kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass schon bald die Rufe laut werden, die B 96n zurückzubauen, die Rügenbrücke zu sprengen und den Ausbau des DSL-Netzes endlich zu stoppen und mit dem Rückbau der Telefonleitungen zu beginnen. Zur Kommunikation werden wieder Telefonhäuschen aufgestellt - Sie dienen übrigens dann auch wieder als gesellschaftlicher Treffpunkt durch das "Schlangestehen". Auch werden viele der Investruinen des Gastgewerbes zurück gebaut werden müssen - weil die Urlauber gar nicht mehr auf die Insel kommen. Auf Rügen gilt spätestens zu diesem Zeitpunkt Vollbeschäftigung, wahrscheinlich müssen wir sogar um weitere Arbeitskräfte werben.

Und das gesundheitliche Befinden wird auch deutlich gesteigert, nicht nur weil wieder mehr Wege zu Fuß zurückgelegt werden müssen. Denn: Auch viele der Supermärkte müssen schließen, weil ihre Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. Ein weiterer Grund: Die Nachfrage durch ausbleibende Urlauber lässt die Umsätze zusammenbrechen. Das ausgerechnet nun "Tante Emma" Läden - zunächst als Notlösung - aus dem Boden schießen und hier auch noch saisonales Obst und Gemüse aus den Gärten der verbliebenen Kleingärten anzubieten, schien vor wenigen Wochen noch undenkbar.

Die Wahrheit ist: Diese Strategie der Entschleunigung ist von langer Hand vorbereitet, auch um die Defizite des täglichen Miteinanders offenzulegen. Die schwierigste Phase der Konfliktbewältigung liegt bei den Rüganern allerdings - lt. einer Begleitstudie zur Entschleunigung - in der Anfangsphase. Deswegen: Beobachten Sie sich und ihre Mitmenschen ab morgen ganz genau! Es beginnt mit Fluchen im Stau, wird gesteigert durch verbale Meinungsäußerungen gegenüber anderen und kann auch zu Handgreiflichkeiten führen. Grund genug, die Situation als solche im richtigen Moment zu erfassen und darauf beschwichtigend einzuwirken. Sagen Sie ihren Mitmenschen, wie schön es ist endlich befreit zu sein vom Alltagsstress und diese Entschleunigung auch bewusst leben zu dürfen.

Auch das politische Berlin schaut in den kommenden Tagen in den Wahlkreis der Kanzlerin. Gelingt dieses einmalige Experiment auf Rügen wird es zur Blaupause für ganz Deutschland. Es gilt bereits einen Tag vor seinem Start als Entscheidungshilfe für den Koalitionsvertrag der neuen Regierung. Machen wir also mit und geben uns alle Mühe, damit das Experiment gelingt!

(Satire)