Montag, 4. Dezember 2017

Sophie Taber-Arp - eine Dadaistin auf Rügen

 
Wer die Sommerfrische in den 20er Jahren suchte, fand sich auf der Insel schon bald in einem der Seebäder wieder, welche gerade eben noch ein Fischerdorf in der Provinz waren und schon im nächsten Augenblick zum Treffpunkt der Gesellschaft wurden. Sellin entwickelte sich - unter dem Eindruck des aufkommenden Fremdenverkehrs - erst Ende der 80er zum Badeort. Die intakte Natur der nahen Granitz und der Charme der Villen mit ihren Loggien aus Stein, Stahl und Holz sowie den Türmchen und Erkern hatten das Seebad mit allem ausgestattet, was damals gerade "en vogue" war.

Dabei befand sich der Badeort noch mitten im Umbruch: Hier der Selliner Gutshof und Bauernhöfe mit seinen Fachwerkhäusern und dort bereits der Wandel durch Neubauten mit ihren glatten und oftmals weiß gekalkten Fassaden. Und auch am Strand vollzog sich dieser Wandel auf gar wundersame Weise: Während die Fischer noch die Netze, die sie bei ihrer Fischerei im Bodden nutzten, am Strand ausbreiteten und zum Trocknen aufstellten, sprangen davon unbeeindruckte Badegäste aus der Großstadt ins kühle Nass. So war es auch im Sommer des Jahres 1923.
 

Sophie, eine Frau mit dunklen Haaren, die kurz geschnitten waren und ihren Nacken preisgaben war bereits 34 Jahre alt. Erst im letzten Jahr hatte sie Hans geheiratet und nun verbachte sie - fern ihrer Schweizer Heimat - den Sommer auf der Insel Rügen. Hier traf sie auch auf Hannah, die - fast direkt - aus Merseburg nach Sellin gereist war. Sie genossen die Zeit am Meer in einem Seebad, welches zu Ausflügen in die Granitz mit seinem schwarzen See, zum Pilze sammeln und dem Besuch der Waldhalle, zum Baden oder zur Landungsbrücke einlud. Bei letzterer gab es ein regelmäßiges Treiben, schließlich legten hier die "Weißen Schwäne der Ostsee" an, um die Sommerfrischler zu den anderen Seebädern zu schippern oder aber Nachschub für die Pensionen zu besorgen. Wen es dennoch langweilte, dem wurden im offenen Reisebus Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten der Insel angeboten. Sophie hatte sogar von medizinischen Kuren gelesen, die hier in einem Sanatorium angeboten wurden.

Wenn Sophie in ihrem hellen und knapp geschnittenen Badeanzug in die Ostseewellen sprang, dann gab es diese Leichtigkeit die die Tage dieses Sommers begleiten sollten, selbst wenn der schmale Träger rutschen sollte. Es war dieses Gefühl der Freiheit und Ungezwungenheit. Allerdings hatte sie das Meer, das an die pommersche Küste schlug, erst wesentlich später als Feininger für sich entdecken können. Doch dieses Licht (!) und das Rauschen des Meeres... Es war beeindruckend.
 

Für die junge Frau und Künstlerin, die traditionelle Kunstformen und Materialien - wie ihr Mann Hans - ablehnte, beflügelt das Erleben manchmal Fantasie und Sinne. Erst recht, wenn man nach einer Alternative suchte. Diese bot sich gewiss im Dadaismus, einer künstlerischen und literarischen Bewegung, die noch sehr jung war und das Bisherige bewusst überzeichnete. Durch die Infragestellung war es auch eine Revolte gegen die Konvention. Vielleicht würde diese auch eines Tages überholt sein, aber noch war sie ungebremst.

Am 5. Februar 1916 hatte die Künstlerkneipe Cabaret Voltaire in der Züricher Spiegelgasse 1 eröffnet und Hugo, Emmy, Tristan, Marcel, Richard und ihr Hans hatten begonnen ein eigenes Universum zu schaffen, von dem auch Sophie nicht unbeeindruckt blieb. Begonnen hatte alles mit Chansons, die am Klavier begleitet wurden. Doch schon bald wurden diese durch Gedichte und Geräusche ergänzt, die selbst das Publikum zu überraschen wussten. Hans steuerte dazu mit Richard seine Papier- und Holzschnitte bei. Zu guter Letzt brachte Marcel mit seinem rumänischen "Da, da" auch den Namen ein - Dadaismus.
 

Davon inspiriert, begann auch Sophie mit Formen und Farben in ihrer Abstraktheit zu experimentieren und zu komponieren. Hatte sie anfangs noch mit angedeuteten Figuren von Menschen und Tieren experimentiert, so verschwand diese zunehmend und wurden von den geometrischen Formen der Dreiecke, Rechtecke und Kreise verdrängt. Diese erreichten eine Leichtigkeit, die zum Teil schweben oder tanzen...

Zweifellos war Sophie Tauber-Arp in diesem Sommer 1923 ein ungewöhnlicher Gast.

(Dieser Beitrag ist auch in der Winterausgabe 2017 des Urlaubermagazins "á la Rügen" erschienen)


Sophie Tauber-Arp wurde 1889 in Davos geboren und starb 1943 in Zürich. Die Schweizer Künstlerin gilt heute als bedeutende Künstlerin des 20. Jahrhunderts und Protagonistin des Dadaismus. 1923 reiste sie mit ihrem Mann Hans Arp in das Seebad Sellin auf der Insel Rügen.

Weitere Informationen zur Künstlerin bietet ein Beitrag von art-tv.ch - das kulturfernsehen im netz: