Freitag, 1. Dezember 2017

Vom Tschüß bis Grüß Gott


Ein Beitrag von Klaus Ender

Die Ostsee fehlte mir - und mit ihr der FKK-Strand, den ich Jahrzehnte lang als mein Zuhause betrachtete. Österreich war unvorstellbar schön und die Alpen mussten nun die alte Heimat ersetzen. Etwas leichter fiel es mir durch die Tatsache, das von 30 verabschiedeten Freunden, 29 nicht wagten, auf meine Briefe aus dem "Westen" zu antworten...



1982 erhielt ich vom Ministerium für Unterricht & Kunst/Wien die Anerkennung als "Bildender Künstler der Fotografie". Ich hatte nachweisen können, dass ich mein Leben durch künstlerische Fotografie finanziere, was den meisten Fotografen nicht möglich war, da Kunst meistens schlecht bezahlt wird oder der Markt dafür überhaupt fehlt.

Da ich als Doppelstaatsbürger die DDR-Staatsbürgerschaft behielt, durfte ich mich pro Jahr 180 Tage in der DDR aufhalten. Ich durfte ein Konto führen und die DDR-Mark-Beträge für tägliche Kosten ausgeben. Dadurch konnte ich bei Einreisen meine finanziellen Nöte etwas lindern. 1983 gestatte mir die Stadt Dornbirn, das Foyer des neu erbauten Kulturhauses für meine erste Fotoausstellung zu nutzen. Sie stand unter dem Motto "Dekorative Fotografie", weil ich nicht wusste, wie eine pure Aktausstellung ankommen würde, da die Katholische Kirche in Vorarlberg noch großen Einfluss hat. So aber präsentierte ich Bilder der Poesie und Ästhetik u. a. aus "AKT & LANDSCHAFT" die von der Presse und von den Besuchern positiv aufgenommen wurden. Schon im Vorfeld sagte die Vorarlberger Redakteurin bei meinem 1. Interview: Ja, das ist eine wirklich dekorative Fotografie.
Sandsturm mit Fuß
Da ich vom 1. Tag an freiberuflich tätig war - und mir mein Kundenkreis fehlte, wurde meine Finanzlage immer kritischer. Ich hatte keine Bilder von Österreich, nur SW - Akte - die nicht gefragt waren - und um konkurrenzfähig sein, fehlte mir ein Österreich-Archiv. Ich entschloss mich, in die DDR zu fahren, um ggf. Aufträge zu übernehmen, die dort von DDR-Fotografen nicht gemacht werden konnten. Gleichzeitig wollte ich Potsdam aufsuchen, weil die 2. DDR-offene "AKT & Landschaft" präsentiert werden sollte. Mit gemischten Gefühlen betrat ich unseren Pavillon - und stand nun vor Bildern, die nichts mehr von dem hatten, was die DDR-Aktfotografie ausgemacht hatte. Rauchende, schwangere, liederliche und nackte Gestalten waren in der Überzahl und tief befremdet ging ich nach draußen. Die alte Dame, die schon 1975 den Einlass beaufsichtigte, kam auf mich zu und fragte: "Haben Sie gesehen, was aus Ihrer Ausstellung gemacht wurde? Ich schäme mich oft, wenn ich Kommentare der Besucher höre!" Ich sagte zu ihr, dass ich sie verstehen kann - und verbittert feststellen musste, dass ich mit dieser Ausstellung nichts mehr zu tun habe. Ins Gästebuch schrieb ich eine dementsprechende Kritik.
Jetzt konnte ich die Kulturfunktionäre verstehen, die Angst vor einer Entgleisung der Aktfotografie der DDR hatten. Ich wusste nicht mehr, wofür ich 10 Jahre gekämpft hatte. Ich habe dort keine Aktausstellung mehr gesehen, so dass die Ausstellungskataloge, die einzigen Informationen waren, die mir den Untergang "meiner" Fotografie bestätigten...
Als die Wende kam, nutzten einige der "Nackt-Fotografen" ihre Chance, sich profilieren zu können und machten aus dem Stapel der simplen Nacktfotos, die vom MAGAZIN abgelehnt - aber nicht zurück gesandt wurden - ein Buch, das den entwürdigenden Titel "Die nackte Republik" bekam. Für mich war es nicht mehr und nicht weniger, als ein Schandfleck. Weil ich es in der Öffentlichkeit kritisierte - und dazu noch schrieb, dass nicht ein einziger prominenter Aktfotograf darin vertreten ist, schlossen sich einige von ihnen zusammen - und erreichten, dass der linkslastige Verlag DAS NEUE BERLIN in seinen 3 Aktbänden kein Bild von Klaus Ender publizierte.
Doch zuvor war mein Leben weitergegangen; 1984 heiratete ich in Potsdam meine Frau und holte sie 3 Monate später heraus. Erst nachdem ich meine Frau aus der DDR geholt hatte und wir gemeinsam die Kredite abarbeiteten, begannen unsere Reisen um die ganze Welt. Sieben Jahre hatte es gedauert, ehe ich wieder den Status hatte, den ich in der DDR freiwillig aufgab. 12 Bücher waren von mir erschienen, bis ich im Westen als "Starfotograf" bezeichnet wurde, (was für mich schon immer ein Vogel war). 1985 war dann mein Privileg "Doppelstaatler" vorbei. Ich konnte nicht mehr in die DDR einreisen - ich würde sofort verhaftet werden.
Als 1989 die Mauer fiel, zahlte es sich für mich aus, dass ich in der gesamten DDR fotografiert hatte, denn die Nachfrage nach DDR-Originalen war plötzlich da und ich konnte so einiges davon verkaufen. 1996 kehrte ich (nach 30 Jahren Potsdam und Österreich) dahin zurück, wo 1966 alles begann. Das Land und die Menschen hatten sich sehr verändert, obwohl es den meisten finanziell besser ging als zu DDR-Zeiten. Hier spürte ich - dass Geld nicht ALLES ist.

Mehr zur Reihe "Enders Insel":
1.) "3 Fragen an Klaus Ender" vom 1.08.2017 / 2.) "Die Silhouette als Vexierbild" vom 1.09.2017 / 3.) "Der saubere Akt" vom 1.10.2017 / 4.) "Revolution in der Dunkelkammer" vom 1.11.2017 / 5.) "Vom Tschüß bis Grüß Gott" vom 1.12.2017

Fotos und Text: Klaus Ender (Weitere Informationen)
Wildbach stehend