Freitag, 26. Januar 2018

Was haben Rügen + Sizilien gemeinsam?

Liebe Rüganer,
die Frage, was haben Rügen und Sizilien gemeinsam, ist der klassische Running-Gag, wenn es um Eigentümlichkeiten auf der Insel geht, die unter normalen Umständen nicht erklärbar sind. Natürlich lautet die Antwort: "Beides sind Inseln." Doch das schelmische Grinsen verrät selbst Urlaubern, dass diese Antwort nicht wirklich ernst gemeint ist und sie eigentlich zu weiteren Antworten Anlass gibt.
Immerhin hält sich einer der Eigentümlichkeiten seit Wochen im Gespräch: Der vermeintliche Tod von Juliane Kube am 13. Dezember 1977. Während die Mutter daran Zweifel hegt, dass ihre Tochter vor 40 Jahren umgekommen ist, einige Leserbeiträge bereits Anlaß zu Spekulationen über ein zweites Leben der Tochter unter anderem Namen geben, hat die Stadt Sassnitz sogar einen Namen in die Öffentlichkeit gebracht und dadurch weitere Spekulationen befeuert. Das führte zu einer Aufforderung der Unterlassung von Seiten der Mutter Julianes. Anschließend wurde die zuvor auf einer Pressekonferenz als Faktenaufstellung angekündige Darstellung innerhalb von nur vier Tagen gleich mehrfach abgeändert. Mittlerweile sind drei verschiedene Versionen im Umlauf. Und auch die Faktenlage reduziert sich im Wesentlichen auf zwei Punkte:

1.) Die zweite Kammer des Verwaltungsgerichts Greifswald hat die Stadt Sassnitz verpflichtet, unter Berücksichtigung der Sichtweise des Gerichts die Entscheidung (zur Exumierung) neu zu bewerten

2.) Dagegen hat die Stadt Sassnitz Berufung eingelegt, da sie die Richtigkeit des Urteils des Verwaltungsgerichts anzweifelt.

Alles Weitere lässt sich jedoch zu Recht als eine Aneinanderreihung von Argumenten, Interpretationen und Zitaten einordnen, die lediglich der Begründung der Berufung und der Einflussnahme auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit dienen sollen. Ja, man ist sogar davon überzeugt, dass das Gericht schon zu Gunsten der Stadt Sassnitz entscheiden wird.

Sicher gibt es gute Gründe, warum es heute eine Gewaltenteilung gibt. Sicher gibt es auch gute Gründe Zweifel zu hegen an dem, was vor etwa 40 Jahren geschah. Welche Gründe und Motivtion die Stadt dabei hat, erschliesst sich indes bis heute nicht. Die Störung der Totenruhe fällt schon weg, weil es eine Übereinkunft mit der direkt durch die Grablage betroffenen Famlie gibt. So bleibt der Antrieb der Stadt Sassnitz in der Sache für viele Sassnitzer letztlich "nebulös". Von den Kosten, die dafür aus Steuergeldern entstehen, mal ganz zu schweigen.

Auch eine Tageszeitung, die vor 40 Jahren noch Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) war, lässt aufhorchen. Denn: Hier wird eine 1/4 Seite dazu genutzt, um inhaltlich den Positionen der Stadt zu folgen. Dabei wäre schon die Geschichte, wie die Zeitung an das Foto der Grabstelle kam und welche Rolle dabei eine 1. stellvertretene Stadtpräsidentin und Stadtvertreterin von der CDU spielte, eine Story für sich gewesen...

Die Akteure selbst lassen zudem die Frage aufkommen, wer hier vielleicht unter Vergesslichkeit oder politischer Demenz leidet. Vielleicht können die nachfolgenden einfachen Fragen dann mit einfachen Antworten wie "ja" oder "nein" bereits zu einer eindeutigen Diagnose führen:

A) Handelte es sich bei der Deutschen Demokratischen Republik um die größte DDR der Welt?

B) Waren die Arbeiter und Bauern in der DDR billige Lohnsklaven an den verlängerten Werkbänken des Westens?

C) Gab es in der DDR Menschenhandel?

Wer nur eine dieser Fragen mit "Nein." beantwortet, sollte sich die Zeit zur Erinnerung nehmen, um nicht darauf zu verfallen, die DDR falsch einzuordnen:

Zu A.) Ja, die Deutsche Demokratische Republik (DDR) war die größte DDR der Welt. Sie war lt. dem VEB Bibliographischen Institut Leipzig 108.333 km2 groß.

Zu B.) Ja, die Arbeiter und Bauern waren in der DDR billige Lohnsklaven des Westens, denn sie verdienten nicht ansatzweise vergleichbare Löhne und ihre Produkte  gingen millionenfach über die damals deutsch-deutsche Grenze. Die eigenen Prinzipien hatte die SED da längst über Bord geworfen: Offiziell grenzte man sich zwar noch von der BRD ab, doch in Wirklichkeit wurde der Handel der BRD mit der DDR als innerdeutscher Handel abgewickelt, sprich: Es gab eine offene Zollgrenze, wodurch die BRD sogar zum zweitwichtigsten Abnehmer für DDR-Produkte wurde. Bereits 1973 rollten 5.000 Lastzüge mit Zucker, Unterwäsche, Kameras oder Strümpfen westwärs. Im Gegenzug holte man Werkzeugmaschinen, Computer und Buntmetalle. Weil jedoch der Warenwert dieser Handelsgüter wesentlich teurer war, wurde das Handelsdefizit zwischen Ein- und Ausfuhr immer größer. 1972 betrug der Passivsaldo bereits 1,8 Milliarden DM. Da wundert es nicht, dass in den 80er Jahren westdeutsche Pharma-Konzerne auch hunderte Medikamente an etwa 50.000 DDR-Bürgern getestet haben sollen. Und doch reichten die eingespielten Devisen immer noch nicht, weshalb es auch dazu kam...

Zu C) Ja, die DDR hat Menschenhandel betrieben. Wieviel der DDR ein Menschenleben wert war? In etwa 100.000,- DM. Dies ist die Summe die von der DDR bei Häftlingen aufgerufen wurde. Da fragt man sich schon: Was hätte eigentlich ein Kind gekostet? Linientreue oder Devisen? Warum sollte es hier ausgerechnet Skrupel gegeben haben?

Doch zurück ins Heute: Auf Rügen bemüht man sich derzeit um die Aufkärung von etwa 25 Kinderschicksalen. Allerdings geht man gegenwärtig von etwa 60 Kindern aus, deren Verbleib unklar sein soll.

Die gebrochenen Biografien sind nicht zu leugnen, dass man Menschen um ihre Lebensleistung und um ihrer Altersvorsorge gebracht hat auch nicht. Es gibt also gute Gründe für die Linke sich diesen Themen auch auf Rügen zu stellen. Dabei gibt es für die Genossen gute Beispiele. Vielleicht sollten sie im Zweifel einfach mal die politischen Vertreter der SED-Nachfolgepartei in Thüringen fragen. Hier stellt man nicht die Mütter an den Pranger, sondern nimmt ihre Zweifel ernst. Auch wenn die Unterstützung bei der Suche und Aufklärung der Kinderschicksale das erlittene Unrecht nicht ungeschehen macht, so versucht man doch wenigstens Gewissheit zum Verbleib der Kinder zu geben und das hilft bei der Bewältigung.

Hans Hegel

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