Freitag, 5. Januar 2018

Zwischen Sund und Kap Arkona (9)

Blick in den inneren Klosterhof
Ein Beitrag von Torsten Seegert

Unsere Insel Rügen hat eine sehr umfangreiche Heimatgeschichte zu bieten. Zeitzeugen dafür lassen sich noch überall finden. Zu den heute dabei eher Vergessenen zählt sicher das Bergener Kloster. Zu Unrecht – wie wir meinen. Um jedoch zu verstehen, wie es zu seiner Entstehung kam, müssen wir dieses Mal einen Blick zurück werfen:
Die 70er Jahre des 12. Jahrhunderts. Die Feste Arkun (Deren Überreste wir bereits bei Arkona besuchten) und das dem slawischen Gott Swantevit geweihte Heiligtum – war unter der Führung des dänischen Königs Waldemar I. und des Erzbischof Absolom von Roskilde erobert und zerstört worden.  Doch die Dänen benötigen Verbündete. Die Rügenfürsten Tetzlaw und Jaromar waren sich dabei ihrer  Schlüsselposition bewusst. Die Insel - einst selbst Zentrum des Götzenkults - wurde mit der Anerkennung der Lehnshoheit und der Annahme des neuen Glaubens zum christlichen Vorposten gegen das noch heidnische Festland geworden.

Als um 1180 der dänische König und Lehnsherr stirbt, lässt Jaromar – nach Tetzlaws Tod alleiniger Herrscher auf Rügen - unweit der Residenz auf dem Rugard Gräben von 2 Meter Breite ausheben. Der anschließend mit Gestein und Sand verfüllte Raum wird mit Mörtel übergossen in dessen Masse bereits Ziegelbrocken - Teile einer ersten Ziegellieferung von Backsteinen auf der Insel Rügen – Eingang finden. Die Fundamente für eine Hofkirche Jaromars sind damit gelegt. Doch die ursprünglichen Pläne zur Errichtung einer mit ihr verbundenen Pfalz – eines neuen Wohnsitzes im Zentrum der Insel – lässt er dann fallen. Ob Jaromars Handeln politisch bestimmt war oder er sich dem Druck des Bistums Roeskilde beugte, ist umstritten. Der mit Hildegard von Dänemark verheiratete Rügenfürst verliert allerdings in den folgenden Jahren sichtlich sein privates Interesse an der von ihm errichteten Kirche.

Blick zum Turm der St. Marienkirche
Stattdessen kommt es in der Folge zur „Aufnahme“ von Bennediktinerinnen aus dem dänischen Roeskilde auf der Insel Rügen. Die Kirche – „auf eigenem Grund erbaut“ und durch die Hand Bischof Peters von Roskilde geweiht – erhält damit ihre funktionelle Änderung. Für die Nonnen, denen der weltliche Umgang untersagt ist, müssen weitere Bauten errichtet werden. So entstehen mit der Gründung des Klosters 1193 durch den Rügenfürsten Jaromar I. neben den Klosterkirche auch der Klosterhof mit seinem Kreuzgang und auf diesen ausgerichtete Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Die mit der Errichtung verbundene Dotation – Lebensgrundlage für das sich entwickelnde Klosterleben – fällt allerdings gering aus: Die Anzahl der dem Kloster geschenkten Güter beschränkte sich wahrscheinlich auf fünf – Gargolizi, Charua, Segozsti, Szabroda, und ein weiteres Gut  auf Wittow. Damit verbunden waren Felder und Wiesen, sowie ansässige Bauern. Außerdem wurden an das Kloster Abgaben entrichtet.

In der direkten Nachbarschaft entwickelte sich das 1314 erstmals erwähnte „Dorf auf den Bergen“ („Villa Montis“). Auch die sich hier ansiedelnden Handwerker und Bauern waren zu Zins und Dienst dem Kloster gegenüber verpflichtet. Die Kirche selbst entwickelte sich mit der sich wandelnden Zeit neben der Kloster- auch zur Pfarrkirche. Geistliche und weltliche Sphäre wurden durch ein eisernes Gitter getrennt, welches erst 1667 entfernt wurde. Der Gemeindekirche waren dabei der Chorraum, das Querhaus („Jungfrauenkirche“) und das Langhaus mit dem Turm vorbehalten, zuzüglich des Kirchhofes. Das als allgemeiner Versammlungsort genutzte Areal diente im Alltag auch der Anbahnung und dem Abschluss von Geschäften, was dem Wesen des Platzes in keiner Weise widersprach. Überhaupt war die Örtlichkeit von reger Betriebsamkeit gekennzeichnet. Die Nonnen, Priester und das Gesinde mussten versorgt, Abgaben abgeliefert, der Schulbetrieb aufrechterhalten und Gericht vom Klostervogt gehalten werden.

Heute ist der Klosterhof Veranstaltungsort und die Heimstätte des Kunsthandwerkes...
Neben Bränden - 1445 und 1473 – die zu weitgehenden Zerstörung der Klosteranlage, des Remters und auch zum Verlust von Menschenleben führten, fegt im 16. Jahrhundert der Geist der Reformation über das Land. Vom „Kirchenbrechen“ weiß der evangelische Prediger Johann Berckmann zu berichten: „Man sieht noch heutigen Tages in Rügen, wie den Bildern der Heiligen an vielen Orten gewaltthätige Hände angelegt worden, indem das Hölzerne Cruzifix, so vormals mitten in der Kirche gestanden abgebrochen und weggeschafft worden“ ist. Das Kloster von Bergen wurde 1535 „visitiert“, eine Bestandsliste der Besitzungen aufgestellt und der Großteil der Schätze abgetragen. Der folgende Glaubenskampf, im Kleinen durch Steinwürfe der Klosternonnen auf den evangelischen Pfarrer Johannes Hähn manifestiert, schaffte weitere Unsicherheiten. Auch wenn die pommerschen Herzöge Philip I. und Barnim IX. „gewillt waren, 5 bisherige Nonnenklöster ihrer Lande, nemlich zu Bergen auf Rügen, Stolpe, Marienfließ, Verchen und Colberg zu erhalten“, so kehrte doch erst nach und nach rechtliche Sicherheit wieder ein. Bergen,  Marienfließ und Kolberg blieben als Damenstift erhalten. Der klösterliche Besitz – die überlebenswichtige Grundlage - wurde 1573 eingezogen und in das Domanial-Rentamt Bergen verwandelt. Damit standen die Nonnen ab 1539 in der Abhängigkeit der Landesherren, die in ständiger Geldnot waren. Kein Wunder – das ehemalige Probsteigebäude ließ sich Herzog Philipp Julius von Pommern-Wolgast zum Jagdschloß ausbauen! Nachdem man den Abbrand 1621 und auch die Pest von 1626 bis 1630 überstanden hatte, folgten die Verwüstungen und Plünderungen des 30-jährigen Krieges. 1660 wurde der größte Teil des Kreuzganges abgerissen. Hilfesuchend wandten sich die Schwestern in einer Bitschrift an die schwedische Königin... Auch die Bauten wiesen den allgemeinen Niedergang aus: Bei den Gebäuden hatte längst der Verfall eingesetzt. Mehrere Stiftsdamen wohnten bereits zur Miete. Auch wenn 1733 mit dem Neubau zweier Stiftsgebäudes begonnen wurde, erholte sich die wirtschaftliche Lage auch nach deren Errichtung - bis 1736 - nicht. Weitere Schicksalsschläge folgten: Im Napoleonischen Krieg wurde ein Flügel des Klosters geräumt und zum Hospital umfunktioniert – fremde Truppen zogen durchs Land und mussten versorgt und untergebracht werden. 1829 kommt es zum Abriss der restlichen mittelalterlichen Klostergebäude. 1859 werden auch die Pläne zu weiteren Neubauten endgültig verworfen. Nach der Mittellage wird nun versucht, den Bestand zu erhalten.

...sowie die Stätte der Geschichte mit seinem Stadtmuseum
Die zwei folgen Weltkriege fordern weiteren Tribut. Am 14. Mai 1945 muss das Kloster sogar geräumt werden. Die Räume verwahrlosen, das Mobiliar und das Klosterarchiv verschwinden. Der letzte Eintrag von Gustav Frhr. v. der Lancken-Wakenitz im Memorabilienbuch lautet: „Alle ehemaligen Klosterdamen sind nun verstorben.“ Zwar gab es 1947/48 eine Übereinkunft zwischen der Kirche, der Stadt Bergen und der Landesregierung, die vorsah, das ehemalige Damenstift unter der Bezeichnung „Stiftung altes Kloster zu Bergen auf Rügen“ als Altersheim zu nutzen, doch zur Ausführung ist es nie gekommen. Stattdessen findet sich hier heute eine Stätte der Geschichte und des Kunsthandwerks – beides ist in jedem Falle einen Besuch und ein Erkundungsziel wert! 

Weitere Informationen zur Schauwerkstatt und zum Stadtmuseum Bergen         

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1.) Swantow / 2.) Boldevitz / 3.) Ralow / 4.) Kap Arkona / 5.) Semper6.) Venz / 7.) Rugard  / 8.) Neu Mukran  / 9.) Bergen 10.) Garz