Freitag, 9. Februar 2018

Vergesst mich nicht!

Liebe Rüganer,
ein kluger Mann sagte einmal: "Irrtümer werden erst zu Fehlern, wenn man sich weigert, sie zu korrigieren..." Deshalb möchte ich heute eine Geschichte aus Sassnitz erzählen. Sie handelt von einem kleinen Mädchen.

Sie wurde, wie viele andere von uns, in Bergen auf Rügen geboren - im Sommer 1974. Wenn man heute fragen würde, wie ihr Wesen war, dann fiele es sicher vielen, die das Mädchen noch selbst erlebt haben, schwer, sie aus der Erinnerung zu beschreiben. Ich denke, sie war ein fröhliches Mädchen und wie alle Kinder eroberte sie die Herzen der Erwachsenen im Sturm. Manchmal war es etwas Gemaltes, manchmal auch der Versuch eines selbst gepflückten Straußes, oftmals vor dem Schlafengehen auch ein Küsschen, das zutiefst berührte. Wer selbst Kinder hat, weiß, was ich meine. Es sind in diesen ersten Lebensjahren gerade die kleinen Dinge, die uns im Gedächtnis haften bleiben...

Wie viele andere Kinder ging Juliane in den Kindergarten im Wilhelm-Pieck-Ring
Kurz vor Weihnachten des Jahres 1977 endet jedoch diese Geschichte. Während ein Zeitzeuge heute sagt, dass das Kind noch leben würde, sagt dagegen ein anderer Zeitzeuge, dass es gestorben sei. So kann wohl nur eine Exhumierung Gewißheit bringen. 

Eigenartig ist jedoch, dass der Zeitzeuge, der sich sicher sein will, dass die Geschichte mit dem Ertrinken des Mädchens enden würde, gleichzeitg sagt, dass sich heute keine menschlichen Überreste mehr finden ließen. Wirklich? Wissenschaftlich ist die Aussage sicher nicht haltbar! Also eher eine Schutzbehauptung? Vielleicht. Denn was wäre, wenn sich nichts finden liesse? Eine der beiden Aussagen würde erschüttert werden. Mehr noch: Es würde auch die Glaubwürdigkeit der Person zerstören. Für den zweiten Zeitzeugen wäre es also besser, es bliebe alles so, wie es ist. Schließlich ist ja schon Gras drüber gewachsen...   

Was lässt sich dazu sagen? Vielleicht Folgendes:
Wenn damals von einigen unter uns Fehler begangen wurden, kann man nur empfehlen, dafür die volle Verantwortung zu übernehmen. Wenn nicht: Wo liegt das Problem? 

Deshalb möchte ich alle bitten, die diesen Beitrag heute lesen, die Debatte weiter zu führen - ohne auf Kritik zu verzichten! Denn ohne sie kann niemand, der ernsthaft Verantwortung trägt, erfolgreich sein. Denen jedoch, die sich dieser Debatte nicht stellen wollen und vor Meinungsverschiedenheiten zurückschrecken, möchte ich sagen, dass sie das eigentliche Problem sind, denn sie haben nicht verstanden, warum die Presse- und Meinungsfreiheit Verfassungsrang hat. Schließlich ermöglicht sie uns erst, das Geschehene zu reflektieren und aufzurütteln. ja auch die Meinung zu führen, zu formen, zu bilden und herauszufordern.

Toben, hopsen, laufen - im Fischerring war Juliane zu Hause
Oft wenn wir über unglaubliche Dinge gelesen haben, dann waren diese Dinge sehr weit von uns entfernt. Und diesmal? Heute betrifft es uns ganz direkt, es geht um eine Frage, die sich in unserer Heimatstadt Sassnitz stellt. 

Das Mädchen, um das es hier und heute geht, ist wie wir morgens aufgestanden und wurde von ihrer Mutti in den Kindergarten gebracht. Sie hat mit uns gemeinsam im Buddelkasten gesessen und deswegen kann es uns nicht egal sein, was nun wirklich ihr Schicksal war? Eine Mutter fordert Gewissheit, so wie auch wir Gewissheit einfordern sollten. Einfach  um zu erfahren, was damals wirklich geschah. Dazu gehört auch Verständnis für den Wunsch der Mutter, selbst wenn wir nicht ihre Meinung teilen würden.

Ein Medium ist häufig nur der Bote von Nachrichten. So geht es nicht nur den Tageszeitungen sondern auch den Internetmedien. Es sollte aber auch das Gewissen bewahren, damit wir in der Not Kraft und Beistand finden können. Nur so kann mit der Hilfe des Mediums das erreicht werden, was der Anstand gebietet ohne das die Würde verletzt wird. 

Frei und unabhängig!

Hans Hegel

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