Dienstag, 23. März 1971

Was kaum glaubhaft erschien

Was bisher kaum glaubhaft erschien, mußte jetzt sogar von der mecklenburgischen Provinzpresse bestätigt werden: Das berühmte, unter Denkmalsschutz stehende Schloß Putbus auf der Insel Rügen wird als Warenlager der staatlichen „Handelsorganisation" (HO) benutzt und steht kurz vor dem völligen Verfall. Zwischen den von Schinkel errichteten klassizistischen Säulen werden jetzt volkseigene Eierkisten gestapelt, über das Parkett der großen Säle rollen Lastkarren mit Edamer Käse. Die Zeitung Norddeutsche Neueste Nachrichten läßt sich vom Reporter weitere Ergänzungen wörtlich berichten: „Von den Wänden grinst den Besuchern nacktes Ziegel werk entgegen. Die kostbaren Gobelins sind verschwunden; der Himmel und die Putbuser mögen wissen, wo sie geblieben sind. Rascheln und Piepsen unter den morschen Dielen kündet von einem Ratten-, und Mäuseparadies. Dazu viel Spinnweben und eine unbeschreibliche Unsauberkeit — der Rest ist Gerumpel ..." Obwohl sich im rechten Flügel des Schlosses Geschäftsstellen der Ost-CDU, der „Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" und eine Berufsschule untergebracht sind, hat sich bis zum heutigen Tage, mehr als neun Jahre lang, niemand.. um das Gebäude gekümmert.' Wenige Tage nach dem pessimistischen Bericht der Norddeutschen Neuesten Nachrichten, dem Blatt der „Nationaldemokratischen Partei", lobte die in Rostock erscheinende SED - Ostseezeitung die Verdienste der Sowjetzonenregierung und ihre Sorge um die „Pflege des nationalen Kulturerbes".

("Die Zeit" v. 23.09.1954)