Sonntag, 20. Februar 2005

Verkauf vor Verantwortung


Prora
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Prora. Langsam rieseln die Flocken auf den hinter den Kiefernwäldern versteckten „Koloss von Rügen“. – Geradezu idyllisch könnte man meinen, jetzt wo der Winter wieder in Vorpommern Einzug gehalten hat. Doch der Eindruck täuscht. Hinter den Fassaden kocht es hoch um das schwierige Erbe:
1935 verkaufte Malte Herr zu Putbus einen 7,5 km langen Küstenstreifen an der Schmalen Heide an die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF). Diese begann hier nach den Plänen des Kölner Architekten Clemens Klotz Ende der 30-er Jahre des letzten Jahrhundert die Errichtung des „KdF-Seebades Rügen“ – einer der größten Propagandabauten des Dritten Reiches. Acht Bettenhäuser mit insgesamt 20.000 Betten – Seeblick! Fertiggestellt wurden sie jedoch nur noch im Rohbau. Mit dem Kriegsende verschwand auch Prora von den Landkarten. Alles wurde nun streng geheim. Denn die DDR begann Anfang der 50-er Jahre mit der militärischen Nutzung des gigantischen Bauwerks, dessen südlicher Gebäuderiegel sich alleine schon auf 4,5 km Länge erstreckt. Bis 1992 wurde diese durch die Bundeswehr weitergeführt. Dann war Zapfenstreich. Erst 1994 regte sich wieder Leben. Nicht der Staat als Eigentümer, sondern Privatleute ergriffen die Initiative: Die Museumsmeile Prora entstand.
Heute zählt Proras Museumsmeile mit ihren Cafés, Galerien, Ausstellungen, Museen und einer Herberge zu den Hauptattraktionen der Insel Rügen. Über 300.000 Besucher, von denen viele auch im Sommer zum Baden kommen, nehmen die derzeitigen Angebote wahr – bis jetzt. Denn am Mittwoch, dem 23.Februar 2005, fällte der Haushaltsausschuß des Deutschen Bundestages eine schwerwiegende Entscheidung für die Insel Rügen:
Für 340.000 Euro soll nach dem Willen der Bundestagsabgeordneten der Verkauf von Block 3 an eine Kapitalgesellschaft erfolgen. Damit würde deren Geschäftsführer Kurt Meyer Herr über 64.000 Quadratmeter umbauten Raum werden. Bedenklich: Meyer steht vor Ort als Chef der KulturKunstStatt in direkter Konkurrenz zu anderen Betreibern der Museumsmeile Prora. Sein „streng geheimes“ Nutzungskonzept sieht den Erhalt der konkurrierenden Einrichtungen nicht mehr vor. Stattdessen sollen Fördertöpfe angezapft werden: Für ein Jugend- und Sporthotel sowie alters- und behindertengerechtes Wohnen. Gesamtinvestitionen: 40 Millionen Euro. Die soll jedoch zur Hälfte der Steuerzahler übernehmen. Das würde bedeuten, dass die Bürger letztlich mit ihren Steuern für den Verkauf aufkommen und außerdem 80 bereits bestehende Arbeitsplätze erst einmal vernichtet werden. In einer Region mit über 20% Arbeitslosigkeit kein Pappenstiel! Zumal die große Mehrheit der Einrichtungen der Museumsmeile bisher nicht auf Fördermittel angewiesen war.
Der Landkreis, der sich gegen den Verkauf an die Inselbogen GmbH ausgesprochen hat, fürchtet nun um ein erneutes Fiasko beim Verkauf der sensiblen Immobilie auf Rügen: Erst im Dezember 2003 war ein Verkauf von Block 3 geplatzt. Parallelen lassen sich auch zum missglückten Verkauf von Block 1 und Block 2 ziehen: Damals mussten im Oktober 2000 eine Familienherberge und eine der erfolgreichsten Jugendherbergen Deutschlands schließen. Doch das Ergebnis waren keineswegs neue Arbeitsplätze. Die Investoren des „Euromar“-Projektes, die auch auf Fördertöpfe und Massentourismus setzten, scheiterten letztlich an den Vorstellungen der Gemeinde Binz und den ortsansässigen Hoteliers. Der Block steht wieder trostloser als je zuvor zum Verkauf.
Der Haushaltsausschuss schob die Entscheidung indes mehrfach auf. Eine Abordnung von Mitgliedern reiste zur Meinungsbildung sogar am 9. Januar 2005 nach Rügen um sich von den Plänen des Investors im Kurhotel Binz überzeugen zu lassen. Am darauf folgenden Tag besichtigten sie andere Einrichtungen der Museumsmeile im 4,5 km langen Komplex mit 5 Stockwerken in der rekordverdächtigen Zeit von einer Stunde! Was die Entscheidung letztlich bewirkte, bleibt das Geheimnis der Abgeordneten. Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte war es jedoch ebenso wenig, wie die Sorge um das Steueraufkommen der Bürger. Und auch auf Rügen hat man darauf bereits eine Antwort: „Es geht dem Bund darum, sich eine unbequeme Immobilie vom Hals zu schaffen.“

("Pommersche Zeitung")