Sonntag, 11. Juni 2006

Welcome to Pommerland

WELCOME TO POMMERLAND George W. Bush besucht den „schönsten Teil Deutschlands“
Stralsund. Kondensstreifen am Himmel, Hubschrauber in der Luft, Schiffe kreuzen auf dem Sund. In der Altstadt stehen Scharfschützen auf den Dächern. Autos von Bundesgrenzschutz, Polizei und Bundeskriminalamt auf den Straßen. Sicherheitsstufe eins für die Hansestadt Stralsund. Zu Besuch: Der amerikanische Präsident George W. Bush.
Schon Wochen vorher bestimmte der angekündigte Gast die Meldungen aus Vorpommern. Spekulationen: Wo schläft er? Was ißt er? Wen besucht er? Die sind nun vorbei.
Am frühen Morgen des letzten Donnerstag beginnt der Tag jedoch relativ unspektakulär. Der übliche Pendlerverkehr setzt zwischen Rügen und Stralsund ein. Einzelne Kontrollen durch bayrische Polizisten am Straßenrand. Doch der Verkehr rollt entgegen mancher Befürchtungen. Das gilt auch für die Protokollstrecke. Die wird zwar durch Sicherheitsbügel und Polizisten gesäumt, doch gesperrt ist sie nicht. Gegen 8.42 Uhr kommt erste Bewegung ins Bild: Vor dem Rathaus wird der rote Teppich ausgerollt.
Zeitgleich verlassen drei Busse den Parkplatz der Marinetechnikschule (MTS) Parow mit Soldaten in Ausgangsuniformen und einigen „Zivilisten“. Sie sollen dem Präsidenten auf dem Markt zujubeln. 45 Minuten später zerreißen dann Rotorengeräusche von sechs Hubschraubern die Luft. Der amerikanische Präsident fliegt ein. Er landet auf dem Marinestützpunkt Parow. Bereits fünf Minuten später setzt sich sein Fahrzeugkonvoi in Richtung Altstadt in Bewegung – eskortiert von fünf Hubschraubern in der Luft. Die begleiten ihn bis zum Markt, erst dann drehen sie nach einem letzten Kreisel ab.
Wer nicht zum ausgesuchten Volk gehört, kann das weitere Geschehen nur im Fernsehen verfolgen. In einem Übertragungswagen des Nachrichtensenders n-tv direkt am Sund sitzt der Journalist Volker Jacob. Mit einem Strohhut und an einer Pfeife ziehend betrachtet er gelassen das Geschehen, welches sich nur einige hundert Meter Luftlinie weiter abspielt.
Auf dem Stralsunder Markt kämpft ein gelöster George W. Bush gegen Vorurteile. Er lächelt, küsst, schüttelt Hände von „Neugierigen, die sich eingefunden haben“ (O-Ton ARD). Wer die Fernsehbilder wirklich genauer betrachtet, sieht selbst, das hier gelbe Bänder an den Handgelenken die Eintrittskarte waren. Die gab es jedoch nur für die bereits erwähnten Militärangehörigen oder CDU-Mitgliedern aus dem Wahlkreis von Angela Merkel. Ein Vorgeschmack auf den Wahlkampf im September? Die „Oppositionellen“ der CDU bejubeln den amerikanischen Präsidenten, dem Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern Harald Ringstorff (SPD) wird der Zutritt zum Markt verwehrt und sein Minister Wolfgang Methling (Linkspartei) demonstriert gegen Bush. Doch dafür kann der Gast nichts.
Seine Frau hat es da vielleicht einfacher. Sie besucht die Kinderbibliothek der Hansestadt. Die ist weiträumig gegen Passanten abgesperrt. Der Eingang ist durch Autos und Sicherheitskräfte fast verdeckt. Hinter den Absperrungen auch ein Kamerateam vom ZDF. Die „First Lady“ sehen die Schaulustigen und Journalisten am Ende nur Sekunden. Innen stellt sie sich den Fragen der Kinder. Ob sie viele „Superstars“ kennt. Die abschlägige Antwort kling geradezu verlegen. Ein Erinnerungsfoto und schon geht es mit 30 ausgesuchten Stralsundern ins Johanniskloster. Dort zeigt ihr Hans Joachim Hacker den berühmten Hiddenseer Goldschmuck. Es folgt ein Mittagessen im „Alten Bankhaus“.
Für George W. Bush und Angela Merkel ist wieder Alltag. Es ist gegen halb eins, als sie das Arbeitszimmer des Stralsunder Oberbürgermeisters verlassen haben und vor die Presse treten. Blitzlichtgewitter und irgendwie glaubt man kaum, daß sie in Stralsund sind. Das Umfeld ist dekoriert mit Fahnen und könnte auch in Berlin sein. Der Iran, Israel und der bevorstehende Gipfel der G8 in St. Petersburg bestimmen die Themen. Dann ist endlich Zeit für das Mittagessen im Ratskeller.
Den Abschluß bildet gegen 14.30 Uhr der Besuch der St. Nikolai Kirche. Hier übergibt der Pfarrer Hanns-Peter Neumann an einen Mitarbeiter der US-Botschaft (eine Übergabe an den Präsidenten war nicht erwünscht) einen offenen Brief der Pommerschen Evangelischen Kirche. In ihm heißt es: „Angesichts der zahlreichen Konflikte in der Welt bitten wir Sie dringend, Ihren Einfluß geltend zu machen, dass keine neuen Kriege entstehen, die Menschen in Leid und Elend stürzen. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind die alternative biblische Botschaft an die Völker der Welt. Gott hat 1989 unsere Friedensgebete erhört. Wir sind fest überzeugt, dass christlicher Glaube Mauern zwischen Staaten und Ideologien umwerfen kann.“ Dann folgt der Segenswunsch des Gemeindekirchenrates: „Möge Gott Vater Deiner Schritte führen, möge Gott Sohn Deine Arme lenken, möge Gott Heiliger Geist deinen Verstand leiten, um viel Gutes zu tun.“ Zum Abschluß werden vor dem Schlüter Altar Friedenskirchen entzündet. Ein Moment der Stille. Dann wird es wieder betriebsam. Autotüren klappen und der Präsidenten-Konvoi setzt sich in Bewegung. Es geht wieder Richtung Parow.
Gegen 15.15 Uhr steigen die Hubschrauber über der alten Hansestadt Stralsund auf. Der Präsident fliegt Richtung Heiligendamm. Für den Abend ist noch ein Treffen mit der Bundeskanzlerin im 770-Seelen Ort Trinwillershagen, kurz „Trin“ geplant. In Stralsund beginnen jedoch nun die Aufräumarbeiten. Fast sechs Stunden der Stadt sind nun Geschichte. Ob es eine gute war, wird auch die Zukunft der großen Politik bestimmen. Ein Ereignis war es in jedem Falle für alle Gäste: den amerikanischen Präsidenten, für die Bundeskanzlerin und die Gegendemonstranten. Die Pommern nahmen die ganze Aufregung gelassen hin und freuen sich auf die nächsten Besucher. „Welcome to Pomerland!“
("Pommersche Zeitung")

Weitere Pressestimmen:
Stars and stripes in allen Varianten. In der Schneiderei werden die Farben der amerikanischen Flagge lokalpatriotisch bezeichnet: Pommernblau und Stralsundrot...“

(„Frankfurter Allgemeine Zeitung“)

...Die Bundeskanzlerin trifft dort nicht nur den US-Präsidenten, sondern Angela Merkel auch George W. Bush. In ihrer politischen Heimat Nordvorpommern, am Abend auch zum Grillen als Freundin. Und wenn George Angela trifft, ist stets auch Laura dabei und diesmal auch Joachim. Pärchentag in Pommerland. Ein Pärchentag allerdings, der politisch hoch aufgeladen ist.“
(„Die Welt“) WELCOME TO POMMERLAND
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Auch die Demonstrationen gegen Bush und seine Politik sind deutlich zarter ausgefallen. Man kann es auf die Hitze schieben, die Urlaubszeit oder auf die Art der Pommern, die schon ihr Chronist Thomas Kantzow 1540 „ein aufrichtig, treu verschwiegen folck“ nennt.“

(„Berliner Zeitung“)