Samstag, 2. Juni 2007

„Das verschwundene Schloß“

Es war das einzige Gebäude in Putbus, dass auf eine längere Geschichte zurückblicken konnte, als der Ort: Das Schloss.
Wer heute nach dem Schloss fragt, begegnet vielen Geschichten, Legenden, Romanen und einem leeren Platz. – Idyllisch wirkt er bis heute: Eingebettet in einen schönen Landschaftspark, direkt am Schwanenteich und unweit des einstigen Marstalls mit seiner Schmiede. Nur Gras will nicht richtig über die Sache selbst wachsen – denn seit dem Abriss des wohl bedeutendsten Profanbaus der Insel Rügen 1962 fehlt es in Putbus an seinem Kraftfeld.
Die heutige Stadt Putbus wurde zwischen 1808 und 1823 als Residenz und Badeort durch Fürst Wilhelm Malte v. Putbus angelegt. Damit war bereits ihre Bedeutung eng mit der Geschichte und dem Schicksal der Familie Putbus, die dem Ort den Namen gab, verbunden. Die Residenz war Zweckbau und unterstrich den Stand der Familie zur Zeit ihrer Gründung. Folglich bestimmt(e) die Wechselwirkung zwischen den Einwohnern von Putbus und der Familie maßgeblich auch seine Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Der Beginn dieser Kette liegt heute verborgen in der Erde des Schlossplatzes, der Unkundigen bedeutungslos erscheinen muss...
Zur Baugeschichte der Schlosses
Nach bautechnischen Untersuchungen reicht die Geschichte des Burgfleckens Putbus bis in die slawische Zeit zurück. Er war der Sitz einer der führenden alten Adelsfamilien gewesen, deren Ersterwähnung im Jahre 1253 erfolgt: Damals wurde die Heirat der Tochter von Nicolai de Podebuz mit Stoislaw II. von Vilmnitz beurkundet. Dieser entstammte einer Nebenlinie des rügenschen Fürstenhauses. Mit dem Aussterben der rügenschen Fürsten 1325 errang die Familie Putbus schnell die führende Rolle unter den rügenschen Adelsgeschlechtern. Wilhelm Malte zu Putbus, Wilhelm zu Putbus und Malte von Veltheim, Herr zu Putbus
Ihr Sitz, das „Steinhaus“, wird 1371 mehrfach in Urkunden erwähnt. Bei dem „Steinhaus“ handelte es sich um ein rechteckiges massives Gebäude, welches genau in der Mitte einer durch einen Ringgraben eingefassten Fläche stand. Der wachsenden Bedeutung folgend, änderte sich die urkundliche Bezeichnung des Bauwerks 1416 vom „Haus“ zum „Schloss“. Ein mit großer Sorgfalt aufgenommener Bestandsplan gibt Aufschluss zu dem Umfang des „Schlosses“ um das Jahr 1600: Dokumentiert wird ein hufeisenförmiger Dreiflügelbau mit vier Ecktürmen. Er wird später durch Steinert mittels einem langgestreckten, dreigeschossigen Ostflügel ergänzt, welcher nun die beiden ehemaligen Ecktürme miteinander verbindet und je vier Achsen darüber hinaus geht. Dabei zeichnen sich die Bestandstürme auch in der Folgezeit nur noch als halbrunde Vorbauten der Fassade ab und verlieren so zum Teil ihren ausgeprägten Wehrcharakter. Nachdem 1808 mit der Ansiedlung von Handwerkern, Tagelöhnern und Ackerbürgern begonnen wurde und sich ein stark besuchter Badeort entwickelte, wird das Ortsbild durch den Klassizismus bestimmt. Immerhin entstehen zwischen 1817 und 1849 in Putbus alleine 49 Gebäude im neuen Baustil. Dem folgten parallel auch die ästhetischen Überlegungen für eine weitere Umgestaltung: Die Schlossfassade, die ohnehin nicht klar einem barocken Zeitgeschmack entsprach, wurde erneut verändert. Übrigens ist Schinkels Einfluss darauf bis heute umstritten – wenn auch nahe liegend. Schließlich war der beauftragte Architekt J. G. Steinmeyer Schinkels Jugendfreund und: Schinkel wirkte später auch für den Fürsten Wilhelm Malte zu Putbus am Bau des Mittelturms beim Jagdschloss Granitz mit. Wie dem auch sei, der Schlossumbau mit einem Portikus in der Gebäudemitte, die Ergänzung des Rückbaus durch einen zum Südflügel nicht ganz symetrischen Nordflügel hatte man vorangetrieben.
Außerdem wurde auch die Fassade zum Schwanenteich komplett umgestaltet. Dieser Umbau, der das Schloss im klassizistischen Stil prägte, wurde von 1827-1832 ausgeführt.
Erst ein Brand – angeblich ausgelöst durch eine später eingebaute Heißluftheizung – zerstörte am 23. Dezember 1865 wieder weite Teile des neuen Schlosses.
Für den nun rasch beginnenden Wiederaufbau konnte der Breslauer Architekt J. Pavelt gewonnen werden. Er schuf die Pläne für die letzte Fassung des Schlosses von Putbus. Wieder unterlag die gestalterische Ausführung dem sich veränderten Zeitgeschmack. Die westliche Vertiefung der Seitenflügel geschah durch die Anordnung von Zimmern seeseitig. Dem in der Mitte angeordneten Binnenhof, der abgebrochen wurde, folgte die Einrichtung eines Saales, dem sich eine rückwärtig zum Schwanenteich 6-fach gestaffelte Terassenanlage anschloss. Leider ging dabei auch der letzte Rest des mittelalterlichen „Steinhauses“ verloren. Die Proportionen wurden entscheidend verändert und prägten fortan das Bild, welches die Putbusser heute von „ihrem“ Schloss haben.
Nachdem die Familie zu Putbus auch über den Tod des Fürsten Wilhelm zu Putbus hinaus das Gebäude als Hauptwohnsitz nutzte, zog sie während des zweiten Weltkrieges in das Gutshaus Krimvitz um. Das Schloss selbst erfuhr eine Umnutzung für einen Fliegergeneralstab und wurde noch für die fürstliche Verwaltung genutzt.
Mit dem Kriegsende folgte die Plünderung des Stammsitzes der Familie. In den Sommermonaten 1945 wurde eine sowjetische Trophäenkommission auf der Suche nach verwertbaren Kunstgegenständen fündig. In große Kisten verpackt verließen Teile der Ausstattung Putbus für immer. Andere Einrichtungsgegenstände, die den Besatzern wertlos erschienen, verteilte man an verschiedene Institutionen und Bürger.
Das Gebäude mit seinen Nebengebäuden wurde verschiedenen Nutzungen zugeführt. Keine davon konnte jedoch dem Schloss eine zweckmäßige Perspektive bieten: Neben der Rüfling-Gesellschaft und einer Kunstschule, der auch der Maler Tom Beyer angehörte, wurden weitere Gebäudeteile durch die Handelsorganisation (HO), den Kindergarten oder die Berufsschule genutzt. Erst 1952, nach der Verwaltungsreform, wurde das Schloß – zu seinem Schutz – konzeptionell dem Institut für Denkmalpflege in Schwerin übertragen. Auch wenn nachfolgend erste durchgreifende Arbeiten am Schloss vorgenommen wurden, so muß man heute ernüchtert feststellen, dass das Notwendige unterlassen wurde: Dachreparaturen oder die Winterfestmachung. Dies führte zu einer weiteren Verschlechterung des Bauzustandes. Als ein Jahr später Dr. Ohle ein Gutachten zum Rückbau des Gebäudes auf die klassizistische Variante – die Form vor dem Abbrand 1865 – vorschlug, war das gesteckte Ziel ehrgeizig, aber ebenso unrealistisch. Es scheiterte nicht nur am Geld, sondern auch an der fehlenden Bereitstellung von Material. Zu den ohnehin schwerwiegenden Problemen der Wohnungsnot, bedingt durch eine Vielzahl von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten, gesellte sich die fehlende Materialgüte mit der die junge DDR-Volkswirtschaft völlig überfordert war. 1955 wurde die Gemeinde Eigentümer des Schlosses. – Ohne greifbare Ergebnisse folgten Sitzungen und Konzeptionen die entwickelt wurden - Ein Scheitern am eigentlichen Zweck des Gebäudes. Parallel dazu begann man mit Arbeiten zum Abriss des Mitteltraktes, so dass die Redewendung: „Links ein Schloss, rechts ein Schloss, in der Mitte ein Luftschloss...“ entstand. Die Verantwortung für die unhaltbaren Zustände wurden unterdessen hin und her geschoben. Das eigentliche Todesurteil fiel jedoch 1957: Nach einer Besprechung, der ein Antrag auf die Bereitstellung von 3,6 Mio. DM voranging, adressierte der stellvertretende Minister für Kultur Abusch einen Brief an den stellvertretenden Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Rostock. Nach den Ausführungen zur Förderhöhe - die der Umbau kosten sollte - und den zu treffenden Maßnahmen in der Sitzung, gab er darin die Zustimmung Zum Abbruch des Putbusser Schlosses. Dieser begann 1959 und endete 1964 mit der Beräumung und Einebnung des gesamten Areals.
„Perspektive: Zukunft.“
Mit dem Abriss des Schlosses klafft bis heute eine städtebaulich offene Wunde in Putbus. Ob diese verheilen kann und in welcher Form dies geschieht, muss weiter offen bleiben. Zweifellos ist der Schlossplatz einer der sensibelsten Baugründe Südrügens und verlangt daher vom städtischen Eigentümer ein besonderes Augenmerk für sein eigentliches Kraftfeld. Einem Wiederaufbau, wie er beispielhaft mit Bauten in Potsdam, Berlin oder Dresden vollzogen wird und auch bereits Anfang der 90er in Putbus vollzogen werden sollte, muss jedoch die Frage nach dem Zweck vorangestellt werden. Das gebietet die Verantwortung und der Realismus. Die Aufarbeitung des Abrisses ist dazu eine wesentliche Vorbedingung.
("á la carte" 06/2007)