Freitag, 20. Juli 2007

Das weiße Schloß am Meer

pur der Steine (3): Wer sich diesem Teil der Rügener Baugeschichte nähern will, dem wird das Überwinden mancher Hindernisse abverlangt. Wir suchen nach einem weißen Schloß am Meer. Vor fast sechzig Jahren – 1948 - gesprengt, befand es sich direkt zwischen Sassnitz und Mukran...

Sassnitz. (SAS) Mühevoll irren wir durch den dicht bewachsenen Buchenwald am Hochufer von „Dwasieden“. Einzige Orientierung: Der Marstall oder besser das, was von ihm noch übrig blieb. Allein die Außenmauern verraten, das selbst dieses Nebengebäude des „weißen Schlosses“ mal viel Geld gekostet haben muss. Der Zustand: Eine Schande. Unwillkürlich hält man inne. Ein leichter Windzug lässt die Blätter der Bäume rauschen. Das Meer ruft aus nächster Nähe: Schließe Deine Augen...
Als Sassnitz und Crampas noch kleine verträumte Fischerdörfer waren und noch nicht einmal ahnten, dass sie eines Tages vom Kaiser besucht würden, da lief nur wenige Minuten von ihnen entfernt ein Mann durch das Gehölz von „Dwörsied“. 1871 hatte er sich in dieses Fleckchen Erde verliebt und wollte in unmittelbarer Nähe zum Wasser ein Schloß errichten: „Dwasieden.“ Baulich ausgerichtet mit der einen Seite Richtung Wasser. Mit der anderen Seite Richtung Wald. Soweit die Planung.
Zur Baustelleneinrichtung wurde der Wald stellenweise gelichtet um Baufreiheit zu schaffen. Der Transport des Materials erfolgte auf dem Seeweg. Granit und Pitchpine-Holz kam aus Schweden. Der Sandstein aus Frankreich. Anschließend mussten die Handwerker das Material über das Hochufer bis zum Bauplatz transportieren. Der betriebene Aufwand war enorm.
Das eigentliche Gebäude sollte nach den Plänen des Architekten Friedrich Hitzig 100 Meter Länge und 90 Fuß Tiefe haben. Seeseitig überragt von zwei Türmen, die sich am Stil der Doppelturmvilla der Renaissance in der Formenvielfalt des Klassizismus präsentierten. Ein Markenzeichen des Planers, der damit den Stil seines Lehrers Schinkel weiterentwickelte und zu einem der begehrtesten Baumeister seiner Zeit wurde. Der stolze Preis des Bauvorhaben betrug, inklusive der Gestaltung des 16 Hektar großen Waldes, vier Millionen Mark.
Das Schloß selbst war großzügig geplant. Von der Waldseite erreichte man über eine bedeckte Unterfahrt, aus einer Kutsche oder einem Auto steigend, trockenen Fußes den Eingangsbereich, in dem sich der Wind fing. Die Erschließung der Etagen erfolgte über die Galerie. Der Empfangsaal stellt dabei für beide Etagen den Mittelpunkt des Gebäudes dar und begründet gleichzeitig den Zweckbau als Repräsentationsgebäude. Alle anliegenden Räume gliedern sich in beiden Etagen um diesen Saal. Im Gegensatz zum Festsaal des Schlosses in Putbus, welches nach dem Abbrand 1865 durch den Breslauer Architekten Pavelt wieder aufgebaut wurde, besteht hier allerdings mit dem Wandelgang im Obergeschoss, der durch die anliegenden Zimmer erreichbar ist, eine kommunikative Ebene zum Saal. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist auch die natürliche Beleuchtung durch ein gläsernes Oberlicht, welches in beiden Fällen der Zeit entsprach. Fraglich bleibt allerdings, warum Friedrich Hitzig das für Hansemann bestimmte Schlafzimmer im Obergeschoss seeseitig ausgerechnet über der bedeckten Halle plante. Zwar muss Hansemann hier ein wunderschöner Blick aufs Meer möglich gewesen sein, aber der ließ sich nur bei gutem Wetter im Sommer genießen.
Die Ausstattung der einzelnen Räume war kostspielig und wurde durch die sich zahlreich einfindenden Gäste aus Hochfinanz, Adel und Staatsdienst gewürdigt. So wurde beispielsweise Decken mit aufwendig verzierten Kassettendecken ausgestattet und durch Wandtäfelung aus Eiche ergänzt. Eine großartige Sammlung von Altertumsschätzen und Gemälden trug ebenso zur eine dekorativen Gestaltung des Funktionsbaus bei.
1880 wurde noch einmal Baumeister Friedrich Hitzig auf die Insel gerufen. Ein Marstall sollte in unmittelbarer Nähe zum Schloß erreichtet werden...
Plötzlich erschüttert ein Krachen den Himmel. Düstere Rauchwolken ziehen Richtung Altstadt. Der Traum vom „weißen Schloß am Meer“ ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Längst sind die Augen weit aufgerissen. Sockel, Säulen und Podest liegen weit verstreut im Buchenwald. Nur die äußeren Begrenzungen – die Reste der Pavillons – wehren sich noch gegen ihr Schicksal. Hansemann konnte sich etwa 25 Jahre an seinem Schloß erfreuen. Als er am 8. Dezember 1903 die Augen schließt, endet mit ihm eine Ära, die Sassnitz und Rügen viel gegeben hatte. Weil sein Sohn bereits drei Jahre vor ihm starb, geht der gesamte Fideikomissbesitz zusammen mit dem Schloß „Dwasieden“ an den erst 16-jährigen Enkel Albrecht von Hansemann. Als auch er während des ersten Weltkrieges seiner Kriegsverwundung am 17. Januar 1917 erliegt, erlischt mit ihm auch die Familie Hansemann im Mannesstamm.
Der Besitz geht - erbfolgebedingt - an den erst siebenjährigen Enkel, Gert Kuno Albrecht von Oertzen. Doch auch er kann das Ererbte nicht halten. Unter dem finanziellen Druck erfolgt 1935 der Verkauf des Schlosses an die Gemeinde Sassnitz. Im guten Glauben räumt die Familie Oetzen der Stadt einen Vorzugspreis ein. Doch die Gemeinde hat nicht vor es für den Kurbetrieb zu nutzen. Am 4. Oktober 1935 erfolgt die Übergabe des Schlosses mit dem gesamten Areal an die Marine für die Einrichtung einer Entfernungsmessschule. Kasernen entstehen im Umfeld. Sie werden 1948 noch vor dem Schloß gesprengt...
Heute - nach der Zeit als militärisches Sperrgebiet - ist wieder die Stadt Sassnitz der Eigentümer. Pläne gibt es genug, nur das Areal gibt wenig Anlaß zur Hoffnung... Wenn nun nicht die Verantwortung hinter dem Schild: „Betreten verboten!“ enden würde? Dann wäre da wieder der schöne Traum vom weißen Schloß am Meer...

(„á la carte 07/2007)

Tipp: www.schloss-dwasieden.de

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