Montag, 2. Juli 2007

„Der Landbaumeister von Rügen“

Er ist der „Landbaumeister von Rügen“, der Schalenbauer der DDR“ oder auch nur einfach der „Lange“, wie ihn seine Weggefährten nennen: Ulrich Müther.

Wer über ihn schreibt, hat es nicht leicht, denn es gibt die Ehrfurcht vor seinem Lebenswerk, das Klischee und die Person Müther – rundherum reihen sich Geschichten , Episoden und Anekdoten. Manche sind persönlich verklärt, andere von trockenem Humor. Die Eleganz seiner Bauten: Bestechend schön. Die Faszination: Wie der Binzer mit seinen „pommerschen Bauernsöhne“ und „russischem Kanickeldraht“ Ost und West verzauberte.
 
Prinzipzeichnung der Spritzbeton-Bauweise

Dabei macht die DDR es dem Sohn des Binzer Architekten Willy Müther anfangs nicht gerade leicht. Nachdem ihm das direkte Abitur und Studium versagt wird, lernt er erst einmal sich durchzubeißen. Er wird Zimmermann und geht nach einem Gesellenjahr an die Ingenieurschule für Bauwesen in Alt-Strelitz. Hier nimmt er ein Studium zum Bauingenieur auf. Vier Jahre Praxis folgen im Kraftwerksbau in Berlin. Sein Fernstudium an der TU Dresden krönt er 1963 mit einer Diplomarbeit, die gleichzeitig einen Meilenstein setzt: Seine erste Hyparschale, die zukünftig den Mehrzwecksaal eines Binzer Ferienheimes überspannen soll, ist zugleich die Erste, die in der DDR gebaut wird. Müther ist 29 Jahre alt und führt seinen eigenen Familienbetrieb. Der wurde 1922 durch seinen Vater gegründet, 1953 enteignet, dann aber zurück gegeben und firmiert ab 1960 als PGH. Später - 1972 - wird aus ihr ein volkseigener Betrieb und 1990 eine GmbH.


DDR-Postkarte mit den Spezialbetonbauten

Doch auch diese Rückschau ist nicht ungetrübt. Als er am 19. September 1997 zum 75-jährigen Firmenjubiläum einlädt, bemerkt er mit einem lachenden Auge auf die Anfangsjahre in der DDR: „Ich bin der Einzige aus meiner Familie, der nicht gesessen hat.“ Die Lacher sind auf seiner Seite – aber die Nachdenklichkeit auch.

Der Firmensitz in der Proraer Chaussee in Binz

Doch zurück zum Schalenbauer Müther: Fachlich steht er in der Tradition von Franz Dirschinger (1887-1953). Der hatte schon 1925 die erste echte Kuppelschale mit einer Spannweite von 16 m erbaut. Sie erhielt damals bereits ein formgebendes Stabnetzwerk und wurde im Spritzverfahren gegen eine 3 m x 3 m große, versetzbare Innenschalung betoniert.
Müther knüpfte daran an und schuf so für die DDR einen bautechnische Exportschlager, mit dem sich die begehrte Valuta-Mark über Jahrzehnte verdienen ließ. Gemeinsam mit Carl Zeiss Jena wurden Planetarien weltweit gebaut. Zu den bekanntesten Müther-Schalen zählt heute sicher das Raumflugplanetarium mit einem Kulturzentrum in Tripolis (Libyen). Es entstand 1981 und kombinierte erstmals eine Planetariumskuppel mit fünf Hyparschalen. Funktional konnte man so das Planetarium durch Kino, Theater und Foyer ergänzen.
Im gleichen Jahr entstand auch das Planetarium in Wolfsburg. Die Kuppel besteht dabei aus einer 15 cm dicken Betonschale, einem eingespannten Kreisring und einer zweiten 9 cm dicken Schale. Die formgebende Stabnetzkuppel besteht aus Flachstahlstäben mit einer mittleren Länge von 65 cm, welche sternförmig in Knoten münden, deren Enden durch Knotenscheiben beidseitig, wie in einem Schloss, aritiert werden. Das Besondere: Die Stabnetzkonstruktion, welche durch beidseitig durch ein feinmaschiges Drahtgewebe flankiert wird, wiegt nur 12 kg / qm. Beim deutsch-deutschen Richtfest soll übrigens einer seiner Rüganer zu später Stunde erklärt haben, daß so etwas „die Kommunisten nie fertig gekriegt hätten...“ - aber das ist eine andere Geschichte...
Auch im Bereich der Sportbauten holte Müther´s „Spezi-Bau“ – wie der VEB Spezialbetonbau Binz auch genannt wurde – schon bald zum großen Wurf aus. Beim Bau der Rennschlittenbahn in Oberhof (1969) spritzten die „pommerschen Bauernsöhne“ den Beton erstmals direkt auf eine feinmaschige Drahtgewebe-Bewehrung auf. Geometrisch schwierige Membranschalen konnten so fortan sogar schalungslos hergestellt werden.
Leider ist nach dem politischen Umbruch das Interesse an diesem schönen Bauen vielfach verloren gegangen. Heute kann Rügens Landbaumeister dennoch mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückschauen: Ja, das „Ahornblatt“ auf der Spreeinsel wurde trotz Denkmalschutz abgerissen. Aber: Andere Bauten haben nicht nur ihren Bestand, sondern auch ihre Liebhaber gefunden. Der „Teepott“ in Warnemünde und das „Kosmos“ in Rostock sind nur zwei Beispiele für erfolgreiche Sanierungen.


Der letzte Rettungsturm an der Binzer Strandpromenade

Grund genug sich dem Schaffen Müthers auch auf seiner Heimatinsel Rügen wieder stärker zuzuwenden. Wer seine Bauten entdecken will, kann seinen Entdeckungsreise in Binz beginnen. Hier befindet sich direkt an der Strandpromenade (seeseitig in Höhe „Putbuser Straße“) der 1968 gebaute Rettungsturm. Er wurde aus zwei Schalen (Ferrero-Schalenbau) zusammen gesetzt und im Jahre 2003 restauriert. Heute wird er für Vorträge, Präsentationen und Hochzeiten genutzt. Wer ihn besucht wird nicht enttäuscht werden, denn der Besucher kann sich hier auch ein umfassendes Bild zu den Hyparschalen aus Müther´s Technischem Büro machen. Auch interessant, die sogenannte „Bushaltestelle Binz“. Sie befindet sich an der „Proraer Chaussee“ und wurde ursprünglich als Meß- und Versuchsbau für große Hyparschalen errichtet und später zum besagtes Wartehaus umgenutzt. Die dritte Binzer Schale – Müthers Diplomarbeit von 1963 – wurde leider in den 90er Jahren abgerissen. Die 200 qm große Schale überspannte einst den Mehrzwecksaal des Ferienheims „Haus der Stahlwerker“ (späterer Speisesaal des Hotels „Vier Jahreszeiten“).

"Kurmuschel" in Sassnitz

Zu den architektonischen Highlights zählt auch die leider immer noch viel zu wenig genutzte Kurmuschel in Sassnitz. Sie wurde bereits Mitte der 80er Jahre geplant und bis 1989 gebaut. Ihre Form ist zeitlos und ungebunden.

Das Strandrestaurant "Ostseeperle" in Glowe

In Glowe wird derzeit das beliebte Strandrestaurant „Ostseeperle“ saniert. Es ragt - einem Segel gleich – über die Strandpromenade hinweg und dominiert weithin den Strand. Die 400 qm große Hyparschale wurde 1968 fertiggestellt und baugleich auch in Eberswalde und in Hohenfelden errichtet.

Das "Inselparadies" in Baabe
Ein Bau soll jedoch keineswegs in Vergessenheit geraten: Das leider völlig zu Unrecht vernachlässigte „Inselparadies“ im Ostseebad Baabe. Wer sich noch an die guten Zeiten dieser Schale erinnern kann, denkt auch gerne an schöne Abende an der Ostsee. Das Gebäude war mit einer unglaublichen Leichtigkeit konstruiert. In der abgewinkelten Verglasung, spiegelten sich abends die Decken-Spots im Blick auf das Wasser - ein toller Effekt.
Was bleibt von den 40 Jahren Schalenbau? Eine Frage, die er sich am besten gleich selbst beantwortete. Und so richtete er eine „Forschungsstelle Schalenbau“ und ein Müther-Archiv ein. Das befindet sich im ehemaligen KdF-Seebad Rügen und erfreut sich regen Zuspruchs, denn das Thema Schalenbau bewegt immer noch Studenten und Architekten. 

 
Dr. Angela Merkel und Dipl.-Ing. Ulrich Müther in Binz

Und der Mythos Müther? Der leidenschaftliche Segler lehnt sich zurück, genießt die Meerluft am Binzer Strand, lächelt still in sich hinein. Am 21. Juli 2007 wird der Schalenbaumeister von Rügen 73 Jahre. Wir gratulieren.

(Erstveröffentlichung: Urlaubermagazin „á la carte 07/2007)