Donnerstag, 20. September 2007

Was ist Bäderarchitektur

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt sie wirklich. Die Bäderarchitektur. Auch wenn sie nicht das ist, was wir darunter verstehen: Die „Architektur der Bäder“...


Die beginnt auf Rügen 1816 mit der Gründung des ersten Seebades Putbus-Lauterbach. Gebaut wurde im Stil des Klassizismus - dem Zeitgeist entsprechend. Erst später, als man natürliche Strände bevorzugte, entstanden auch an der Ostküste Rügens Seebäder. Dann wurde der „Koloss von Rügen“ – das KdF-Seebad Rügen - gebaut. Eigentlich auch Bäderarchitektur, aber das ist für viele eine andere Baugeschichte...


Also, was verstehen wir heute unter „Bäderarchitektur“? Es sind die Häuser, Villen und Bauten die im Historismus und Jugendstils errichtet wurden. Vorzugsweise weiß, prägen sie unsere Kulturlandschaft und die Seebäder, die sich vielfältig an der pommerschen Küste bis 1914 entwickelten. Es war die gute alte Kaiserzeit – vor dem Krieg. Und begeistert von den Berichten über die Nordlandfahrten von Kaiser Wilhelm II. fanden sogar nordische Stile Eingang in die Bautätigkeit.
Bis heute erstaunlich: Der hohe Grad der Technisierung und Vorfertigung. Neue Materialfertigungen für Eisen, Glas und Beton boten sich an. Der Stahlguß, der Eisenskelettbau und die Vorfertigung von Bauelementen und Glasrasterflächen waren der neuste Stand der Technik.
So waren die Vorraussetzungen geschaffen. Neue Hotels und Pensionen sollten an der Küste entstehen – nachfrageorientierte Zweckbauten. Doch auch sie folgten, bei aller heutigen Verklärung, der Notwendigkeit eine Vielzahl von Gästen unterzubringen. Es entstanden Neubauten oder Umbauten – beispielsweise aus alten Fischerhäusern. An dieser Stelle wollen wir unseren kleinen Streifzug beginnen.

Das Loggiahaus
Es bot die maximale Raumausnutzung: Vor ein einheitlich geplantes Haus mit einem relativ flachen Dach wurde nachträglich das Loggiagerüst gesetzt. Die Fassadengliederung wurde dabei vernachlässigt. Bedingt war dies auch dadurch, dass viele der Häuser sich aus bereits vorhandenen (Fischer-) Häusern entwickelten, die nun aufgestockt und nachträglich an die Bettennachfrage angepasst wurden – Ausbauhäuser. Die Loggia gilt dabei als selbstständiges Bauteil ohne konstruktive Verbindung zum Baukörper. Diese meist kostenbedingt aus Holz gefertigten Balkone prägen durch ihre Achsabstände, das Entrücken einzelner Stiele und die Verzierungen mittels Kopfbändern und Schmuckelementen die Ansicht des „Loggiahauses“.

Das Landhaus
Ähnlich dem Loggiahaus wurde das „Landhaus“ dimensioniert. Allerdings unterscheidet es sich durch ein wesentlich höheres Steildach, welches als Sattel-, Mansard- Walm- oder Krüppelwalmdach und in Mischformen ausgebildet wurde. Daraus ergab sich im Wesentlichen auch die andere Eindeckung mit Dachziegeln. Die Landhäuser entstanden in ihren Grundrissen entgegen dem Loggiahaus harmonisch von innen nach außen.
Den Landhäusern wird in vielen Abhandlungen auch das „Schweizerhaus“ zugeordnet. Zum Einsatz der Laubsägearchitektur beim Schweizerhauses weiß Friedrich Hitzig, der Architekt des Schlosses Dwasieden (sh. auch „á la carte“ im August 07), in seinem Heft zu den ausgeführten Bauwerken (Berlin, 1850) wie folgt zu berichten: „Der Bauherr, ein Kaufmann und Holzhändler, hatte ein ländliches Grundstück gekauft, auf welchem sich ein aus ausgemauertem Fachwerk mit hohem Ziegeldach erbautes einstöckiges Gebäude befand, welches früher als Gasthof benutzt worden war. Es wurde gewünscht, daß das Äußere des Gebäudes ein malerisches Ansehen erhalten möge, da die Lage desselben romantisch zu nennen ist. Da nun dem Besitzer als Holzhändler das Holz als Material am wenigsten kostbar wurde, so schien es in diesen Beziehungen am zweckmäßigsten, für das Äußere den Schweizerhausstil zu wählen.“ Einschränkend muß man heute jedoch sagen, dass dieser alternative Baustoff einer sachgerechten Pflege bedarf, da sich angefaulte Verbindungen mit der Zeit lösen können und so zum Verfall des ganzen Gebäudes beitragen.


Das Holzhaus
Holzhäuser wurden damals sogar als transportable Fertigteilhäuser angeboten: So z.B. von der 1868 in Wolgast gegründeten Firma von Schiffbaumeister Heinrich Kraeft. Verkauft wurden die Häuser aus amerikanischen und kanadischen Nadelhölzern u.a. auf Rügen und Usedom. Ihre Konstruktions- und ornamentale Gestaltung wurde im Zuge der bereits erwähnten Norwegenbegeisterung durch die nordisch-wikingschen Schiffbau- und Stabkirchenkonstruktionen beeinflußt.



Türme und Dächer
Der Gestaltungsvielfalt waren in der „Bäderarchitektur“ also keinerlei Grenzen gesetzt. Ergänzend soll noch kurz auf eine Vielzahl unterschiedlichster Türme und Türmchen eingegangen werden. Natürlich kam ihnen keine praktische Bedeutung zu – sie krönten vielmehr sich über zwei oder mehrere Geschosse ziehenden Erker (Erkervorbauten). Neben den Turmdächern mit rechteckigem Grundriss, erfreuten sich auch Türme mit geschweifter Außenform einer großen Beliebtheit. Außerdem waren auch Türme zu finden, die sich in ihrer Grundkonstruktion dem Mansarddach verschrieben haben. Meist nahmen sie dabei die bereits gewählte Dachform wieder auf. Der reichen architektonischen Ausprägung kam die industrielle Revolution zu Gute, denn längst konnte man die zur Ausstattung benötigten Zierelemente aus Zink per Musterkatalog bestellen. Die Zinkornamentfabriken pressten alles - vom Turmzaungeländer bis zum passenden Mansardendach.
Rückblickend erscheinen uns die stilistischen Übergänge in den Seebädern der zweiten und dritten Phase zwischen Gründerzeit, Jugendstil und anderen gängigen Ausdrucksformen fast fließend. Schwerlich sind sie daher auch streng getrennt zu betrachten. Doch sollte dieser Streifzug nur auch eine erste Anregung sein, sich mit der jüngeren Architektur an der pommerschen Küste zu befassen und eine erste Antwort auf die Frage sein, was Bäderarchitektur ist.

Die Entwicklung der Bäderrchitektur SEEBAD PUTBUS-LAUTERBACH
Phase 1 der Bäderarchitektur

SEEBAD BINZ
Phase 2 der Bäderarchitektur

DAS SEEBAD SELLIN
Phase 3 der Bäderarchitektur

KDF-SEEBAD RÜGEN / PRORA
Phase 4 der Bäderarchitektur

Der Dekorativer Holzbau
gilt als das prägende Stilmittel in der Bäderarchitektur (der 2. und 3. Phase). Verziert wurden die Bauten durch gestaltete Stützen, Träger, Konsolen, Balken, Streben, Leisten, Sockel, Gesimse und Spitzen.


Herausragend dabei: Die Laubsägearchitektur. Die gesägten Verzierungen und Aufsätze, die Zier- und Pfettenbretter oder die Füllungen wurden von Fischern und Ackerbürgern während der Wintermonate gefertigt. Vorlage waren Musterbücher. Die im Historismus populären Bücher waren die Grundlage für ein preiswertes Bauen. Nachweislich ist ihr Einfluß auch auf Rügen. Die Ornamentik am Holzbalkon der Villa Mignon in der Binzer Paulstrasse wurde nach der Vorlage Figur 18 auf Tafel 11 des Buches „Der dekorative Holzbau“ von Max Graef gearbeitet.

("á la carte" 9/2007)

Buch-Tipp:
"Pommersche Bäderarchitektur" W. Schneider & T. Seegert
Heimat-Bild-Verlag, 2008, 3. Auflage