Dienstag, 2. Oktober 2007

„Ein Ostpreuße auf Hiddensee“


Hiddensee. (SAS) Längst war die Sonne versunken. Das Licht wurde eingetauscht gegen die Finsternis. Nur der helle Strahl des Leuchtturms vom Dornbusch streifte durchs Dunkel. Er blendete einen Mann, der, mit einem Koffer in seiner Rechten und den Hut haltend mit seiner Linken, gegen den aufkommenden Nieselregen kämpfte. So hatte er sich Hiddensee nicht vorgestellt. Im „Romanischen Café“ auf dem Ku´damm 238 galt die Insel schließlich als „á jour“. Und zwischen Künstlern und potentiellen Geldgebern, sah er sich wie in einem Brennglas seinem Bauherrn gegenüber sitzen. Ein Sommerhaus sollte es sein. Und Richard Müller, der kaufmännische Direktor wusste, was er wollte: Etwas Ausgefallenes und Besonderes. „...nun Taut, kriegen wir das hin?“ Alles war nur eine Frage des Geldes: Der Baustoff musste auf die Insel und das Geld... schließlich war Hyperinflation. Täglich verlor die Papiermark an Wert. Kein leichtes Unterfangen. Wenigstens das Hotel versprach Entschädigung: Das „Hotel zum Dornbusch“ war das „erste am Platz...“.
Der Morgen meinte es gut mit Max Taut. Das Wetter hatte sich aufgeklart. Und bei Frühstück und Morgenzeitung ließ sich alles ertragen. Das es ihn ausgerechnet jetzt hinaus trieb? Er wanderte einen kleinen ausgetretenen Weg in Richtung Dornbusch entlang. Heimweh machte sich breit. Die Landschaft erinnerte ihn an das Kurische Haff - an Ostpreußen. Er dachte an seine Mutter. Gerne hätte sie ihn als Briefträger gesehen – doch der 1884 geborene Sohn wurde Zimmermann. Bereut hatte er den Entschluss nicht. Die Bauwerkschule konnte er nach vier Semestern mit Auszeichnung abschließen und für sein Einfamilienhaus für ostpreußische Landarbeiter erhielt er auf der Dresdner Kunstgewerbe-Ausstellung die Goldmedaille. Seit 1913 war er selbstständiger Architekt und wenn der Krieg nicht gekommen wäre... Der Krieg. Vier Jahre. Bilder haben sich ins Gedächtnis gebrannt, die man vielleicht nie wieder los wird... Und Margarethe? 1918 hatte er sie geheiratet. Alles war im Umbruch. Und da war immer wieder sein älterer Bruder. Er folgte Bruno nach. Dem Architekten, dem Agitator. Er hatte ihn mitgerissen. Die Bayrische Räterepublik berief Bruno sogar zum Leiter des bayrischen Bauwesens. Dann wurde sie niedergeschlagen. Alles in Bewegung. Bewegte Zeiten. Eine Republik mit der keiner richtig klar kam. Weder die Rechte. Noch die Linke. Den einen fehlte der Kaiser und die Anerkennung, den anderen die Mitbestimmung. Und Max? „Der Künstler muss Mitmensch sein. Besondere Rechte zu beanspruchen, hat er kein Recht... ...der Künstler muss sich zu einem klaren Sozialismus bekennen.“ Nun arbeitete er für einen Kapitalisten und beschäftigte drei Leute. Aber wenigstens musste er nicht hungern. Seit er in die Bürogemeinschaft mit Bruder Bruno und Franz Hoffmann eingetreten war, ging es vorwärts. Er konnte sich entfalten – als Architekt und Konstrukteur. Es begann seine expressionistische Phase und mit ihr die künstlerisch kreativste Bauzeit auf Hiddensee...


Haus „Müller“ / „Karusel“ (Vitte)

Haus „Müller“ wurde 1922 für den kaufmännischen Direktor Richard Müller errichtet. Das Haus gilt als Exot durch seine eigenwillige Form. Bekanntheit erlangte es durch den Stummfilmstar Asta Nielsen. Sie kaufte das Haus 1928. Die Einfügung des Hauses in die Insellandschaft sah sie so: „Strohgedeckte Fischerhäuser wechseln sich ab mit übermodernen Architektureinfällen. Die kräftige, einfache Natur ist imstande alles in sich aufzunehmen und alle Gegensätze in wunderbarer Harmonie zu vereinen.“ Bis zum Verkauf des nun „Karusel“ heißenden Hauses 1935, verbrachte die Schauspielerin mit ihrer Schwester hier die Sommermonate. Zu den bekanntesten Gästen zählten Gerhart Hauptmann (1862-1946), Joachim Ringelnatz (1883-1934), Heinrich George (1893-1946) – der Vater von Götz George – und der Alte Fritz-Darsteller Otto Gebühr (1877-1959)


Haus „Weidermann“ (Vitte)

Haus „Weidermann“ wurde 1923 für den kaufmännischen Direktor Karl Weidermann errichtet. Durch die direkte Nachbarschaft mit dem Haus „Müller“ wurde lange Zeit die ansonsten unbedeutende Landzunge zwischen Vitte und Kloster entscheidend in ihrem Erscheinungsbild geprägt. Auch wenn das Haus selbst wenig Beachtung in der Hiddensee-Literatur findet, so übersteigt es in seiner Provokation und Überraschung selbst das Nachbarhaus. Während die Rundung noch bieder der Veranda folgt, weist die Westseite den Charakter eines drachenartigen Flugobjektes auf, welchem man zutrauen würde, im nächsten Moment abzuheben. Prägend: Die immer wieder kehrenden Dreiecksformen – die sich in Dach, Gauben und Grundrissen spiegeln. Seit 1939 wird das Haus von der Familie Delius / Möbus genutzt, die den ursprünglichen Charakter des Hauses mit seiner kreativen Farbgebung (Kirschrot, Gelb, Weiß) bewahrte.


Haus „Pingel“ (Kloster)

Haus „Pingel“ wurde 1924 für den Innenarchitekten Walter Pingel errichtet. Der Theoretiker Adolf Behne (1885-1948) meinte beim Anblick dieses Hauses: „Kein nachgeahmtes Bauernhaus, auch keine Miniaturvilla, sondern die natürliche Erfüllung der Ansprüche, Küche, Wohnen, Schlafkabinen. Der Landschaft angepasst, mit ortsüblichen Mitteln ehrlich gebaut.“ Auf alten Ansichten wird deutlich, wie stark sich auch der Ort Kloster bis heute verändert hat: Zur Bauzeit konnte man noch bis zum Bodden sehen. Die größten Fensterflächen waren einst Richtung Süden angeordnet. Leider ist von der modernen Bauweise heute kaum noch etwas zu erkennen. - Der verfremdete Entwurf dient als Wohnhaus. Mit der Nutzung des Dachraumes und dem Ausbau von Gauben, hat auch das eigenwillige Dach seinen Charme verloren...


Haus „Gehlen“ / „Doktorantenhaus“ (Kloster)

Haus „Gehlen“ wurde 1925 für den Leipziger Verleger Max Gehlen errichtet. Das über Eck geführte Fensterband, untersetzt durch drei parallel geführte Kragsteinbänder und überdacht von den originalen Ziegeln mit ihren auf den Grat aufgesattelten Dreiecksgauben geben dem auch „Doktorantenhaus“ genannten Gebäude sein charakteristisches Aussehen. 1930 wurde das Gebäude von der Universität Greifswald angekauft. Vorausgegangen war die Einwerbung von 25.000 RM durch den Biologieprofessor Erich Leick (1882-1956). Geldgeber war der Generaldirektor der Hochseefischerei AG Bremen Hans Wried, der so die Grundlage für die Biologische Forschungsstation auf der Insel Hiddensee legte. Dem „Doktorantenhaus“ als Dienstgebäude, folgte der Ankauf weiterer Flächen und Gebäude (1934: das „Kurhaus“, 1939: das „Friedelhaus“)
Max Taut baute so zwischen 1922 und 1925 jedes Jahr ein Haus auf Hiddensee. Keines davon ist mit einem der Nachfolgenden vergleichbar. Nur die Zeitlosigkeit ihrer Form eint die gewagten Entwürfe. Sie sind uns geblieben als einzigartige Kunstwerke der 20er Jahre an der pommerschen Küste und als Spur eines Ostpreußen auf Hiddensee...

Max Taut starb 1967 in Berlin und wurde im Heimatort seiner Frau Margarete auf dem Klosterfriedhof Chorin beigesetzt. Er gilt neben Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) – mit dem er gemeinsam am Bau des Neuköllner Rathauses mitwirkte – und dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius (1883-1969) – mit dem er den „Arbeitsrat für Kunst“ gründete – zu den großen deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts.
Literatur:
Michael Hammermeister „Max Taut auf Hiddensee“ S. 30 – 43 Zeitschrift „Pommern“ 3/2005
Anette Menting „Max Taut“, München 2003
Renate Seydel (Hrsg.) „Hiddensee-Ein Lesebuch“, Frankfurt/M, 1996
("á la carte" 10/2007)