Donnerstag, 20. Dezember 2007

Das Sachsenhaus

Nanu, Sie kennen Sachsenhäuser nicht? Vielleicht sind sie ihnen besser als „Buernhüser“, „Rökerhüser“ oder „Wendenhüser“ bekannt. Wenn auch diese Begriffe Ihnen wenig sagen sollten, dann begleiten Sie uns doch einfach auf unserer „Spur der Steine“, die uns diesmal zurück bis ins 12. Jahrhundert führt...



An der pommerschen Küste kommt es zu diesem Zeitpunkt neben der Christianisierung unserer Vorfahren zu einem stetigen Zuzug deutscher Siedler. Dieser findet auf zwei Wegen statt: Von Westen - längs der Küste - und von Süden - durch die Mark Brandenburg. Belegen lässt sich dies im pommerschen Raum vor allem durch die Gründung deutscher Städte. So werden beispielsweise an der Küste Städte nach lübischem Recht (von Stralsund bis Kolberg) und landeinwärts Städte nach brandenburgischem (Bahn, Pyritz), sowie nach magdeburgischem Recht (von Pasewalk, über Stettin bis Gollnow) gegründet. Parallel dazu begann auch auf dem dünn besiedelten Land die langsame Verschmelzung zwischen unseren wendischen und sächsischen Vorfahren. So entstand ein neuer pommerscher Stamm mit sächsischer Prägung.
Die zwei Besiedlungswege lassen sich aber auch durch die zwei verschiedenen Grundarten des pommerschen Bauernhauses beweisen. Unterschieden werden hier das Sachsenhaus – dem wir uns näher widmen werden – und das Weizackerhaus, welches mit seiner Bezeichnung dem verstärkten Vorkommen im Gebiet des Plöne- und Maduetals Rechnung trägt. Bedingt durch die verschiedenen Einflüsse kam es dabei auch bei den Bauernhäusern zu einem vielfältigen Erscheinungsbild. Während der Westen (von der mecklenburgischen Grenze bis zur Ucker) dabei früher eine Einheit bildete, war der Osten (von der Ucker bis nach Leba) von Anfang an ein ausgesprochenes Mischgebiet. Das Sachsenhaus war anfangs auf ganz Rügen und Vorpommern, ostwärts der Oder längs der Küste bis zur Persante verbreitet. Seine Verwandtschaft zum altsächsisch-westfälischen Bauernhaus wurde bereits durch Virchow in seinen Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie festgestellt.
Zur Auflösung dieses für die Landschaft prägenden Bildes kam es im 17. und 18. Jahrhundert. Durch das „Bauernlegen“ entstand der Großgrundbesitz. Die Siedlungen der Bauern wurden geschliffen. Entstanden sind so einige wenige voneinander abgetrennte Gebiete. Beispielhaft dafür sind die Insel Hiddensee und die Halbinsel Mönchgut.
Doch wie sah ein Sachsenhaus eigentlich aus? Geprägt wird es durch einen großen Längsflur – als höhere selbstständige Mittelhalle - und die sich seitlich anlehnenden und niedrigeren Ställe und Kammer, die hinten meistens durch die beiden Wohnstuben ergänzt werden. Damit das Einfahrtstor die nötige Höhe der Mittelhalle erhalten kann, wurde es von der Außenwand bis zur Flucht der Flurwand zurückgesetzt. Ältere Häuser verfügen außerdem über eine offene Herdfeuerung – besitzen also keinen Schornstein. Der Herd stand ursprünglich auf der bereits angesprochenen Durchgangsdiele – umschlossen von einem Verschlag und wurde später vielfach mittig in eines der Seitenschiffe verlegt und bildete so die Küche.
Bis 1872 gab es, nach den Aufzeichnungen des Heimatforschers Alfred Haas, noch eine beträchtliche Zahl, die auf Hiddensee besonders in den Dörfern Grieben und Vitte anzutreffen war. Doch mit der Sturmflut am 13. November des gleichen Jahres waren viele von ihnen so stark beschädigt, dass sie durch Neubauten ersetzt werden mussten. Haas entdeckte das pommersche Sachsenhaus übrigens damals auch in dem rügenschen Kirchdorf Schaprode und auf dem Rittergut Udars, welches eine halbe Meile östlicher lag.
Um einen vollständigeren Blick auf das Sachsenhaus zu erhalten, begeben wir uns nun in Richtung Mönchgut. Lassen wir noch einmal Johann Jacob Grümbke mit seiner Beschreibung von 1819 zu Wort kommen: „Was die mönchgutischen Dorfkaten anbelangt, so sind Reinlichkeit und Bequemlichkeit darin keine Haupttugenden, obgleich sie in neueren Zeiten in manchen jüngeren Ehepaaren freundliche Verehrer gefunden haben. Die Dünsen oder Wohnstuben sind mehrenteils eng und so niedrig, dass ein Erwachsener nur kaum zwischen den Balken aufrecht stehen kann, ohne mit dem Kopf den bretternen Boden zu berühren. In den meisten Wohnstuben sind feuchte Fußböden von Lehm, nur einige haben bretterne Dielen. Auch fehlen den Bauernstuben bisher noch die Schornsteine und sichere, wohleingerichtete Feuerschweife... Die ehemals fest eingenagelten oder eingeklebten Fensterchen sind hin und wieder schon in bessere umgeschaffen, so dass die frische Luft besser eindringen kann...“ Das hatte durchaus Vorteile, wohnte man doch, wie eingangs beschrieben, mit den Tieren Tür an Tür.
Die Nahrung speicherte man auf dem Dachboden. Dieser wurde durch riesige Dachflächen überspannt. Das Tragwerk bestand aus Sparren mit einem Querschnitt von 11 auf 16 cm. Sie stützten in einem Abstand von 2 bis 2,5 Metern das Stroh – oder Rohrdach, welches zusätzlich mit Weidenruten befestigt wurde. Die alten Häuser haben stets Halb- oder Ganzwalme, die als „Kühlenner“ (Kielenden – Anm.d.Red.) bezeichnet werden. Folglich nannte sich der Gratsparren auch „Kühlboom“. Zwei Windfedern dichteten an der Spitze des Kielendes über dem Uhlenloch den Anschluss der Stroh- oder Rohrdeckung. Ihre Verzierung hat zwar Ähnlichkeiten mit Tierköpfen, daß es jedoch ursprünglich Pferdeköpfe gewesen sind, ist heute nicht mehr nachweisbar.
Vielleicht wäre das urwüchsige Sachsenhaus fast vollständig aus unserem Heimatbewusstsein verdrängt worden, wenn man nicht rechtzeitig seine Besonderheit erkannt hätte. Heute können Interessierte eines dieser seltenen Häuser mit ihrem Zuckerhut in Göhren besuchen. Es wurde um 1700 errichtet und nennt sich schlicht „dat Rökerhus“.
Weiterführende Literatur:
Das Bauernhaus im Deutschen Reich und in seinen Grenzgebieten“
Verband deutscher Architekten- und Ingenieurvereine (Hrsg.), Dresden 1906 / 06

Pommersche Volkskunst“, Beitrag „Das Bauernhaus“, Fritz Adler, Bd. XI, München
Atlas zur Geschichte“, Hermann Haack Geografisch-Kartografische Anstalt, Teil 1, Gotha / Leipzig 1981
Rügensche Skizzen“, Beitrag „Rügensche Räucherhäuser“ v. Alfred Haas, Greifswald 1898

("á la carte“ 12/2007)