Donnerstag, 20. März 2008

Die Kapelle am Meer

Wenn die Heringsströme zogen und die See silbern zu glitzern begann, belebten sich auch wieder die „Vitten“. So nannte man kleine und große Handelsplätze, die nur während der Heringsfangzeit von Fischern und Kaufleuten bewohnt waren. Hier wurden Heringe angelandet, eingesalzen, verpackt und verladen. Zu den wichtigsten „Vitten“ zählte Jahrhunderte lang Vitt, ein kleines Dorf südlich von Arkona. Noch bis ins 17. Jahrhundert wurde die Vitte auch als „Große Vitte“ bezeichnet. Hier begannen damals die wichtigsten Handelsstrassen der Insel Rügen. Sie führten zur Wittower Fähre und über die Schaabe.
Weitgehend unbekannt ist, dass bereits vor 1168, also vor der Zerstörung der slawischen Tempelburg von Arkona durch die Dänen, christliche Priester ihre Gottesdienste bei Vitt abhielten. Die in Begleitung von Kaufleuten erschienenen Prediger begründeten damals die Uferpredigten. Gotthard Ludwig (Theobul) Kosegarten, der 1792 als Pfarrer nach Altenkirchen berufen wurde, berichtet später darüber: „Alljährlich, sobald nur die Fischer der Vitte dem Pastor melden, dass der Hering sich spüren lasse... ...so wird der Anfang der Ufergottesdienste der Gemeinde angekündigt für den nächsten Sonntag; worauf sie dann an acht Sonntagen gehalten werden, und zwar so, dass der Pastor der Gemeinde die erste und die letzte Predigt hält, die sechs mittleren aber dessen Diaconus. Es versammelt sich das Volk zu zwei Uhr nachmittags in einem hochgelegenen Thale oberhalb der Vitte, ganz nahe dem Meere, und unfern der Uferspitze Arkona. In der Mitte steht der Lehrer (gemeint ist der Prediger – Anm. d. Red.), ihm zur rechten sind die Frauen, die Männer links...“
Bei Nebel oder wenn der Sturm vom Meer herüber peitschte, flüchtete sich die Versammelten in eine Hütte des Dorfes. Dies mag nicht nur einmal passiert sein, denn bereits 1802 kam es zu ersten Überlegungen für den Bau einer Kapelle – die Hütte war zwischenzeitlich alt und morsch geworden. Den Baugrund dafür stelle der schwedische König, Gustav IV. Adolf, oberhalb der Vitter Schlucht zur Verfügung. Durch „Jucunde. Eine ländliche Dichtung in fünf Eklogen“, die erstmals 1803 erschien, hatte Kosegarten selbst zu einer überregionalen Bekanntheit der Uferpredigten beigetragen und konnte so auf zahlreiche Spender zählen. Zu den bekanntesten zählten die Städte Stralsund, Greifswald und Wolgast, die Universität Greifswald, der König von Sachsen, die Königin von Bayern und der Herzog von Weimar.
Auch Caspar David Friedrich beschäftigte sich zwischen 1805 und 1806 mit einem Entwurf zur Errichtung der Kapelle. Er sah einen ovalen Bau vor, in dessen Längsachse sich ein Kanzelaltar befand. Für die Gottesdienste im Freien plante er einen davor befindlichen Platz, der die ovale Form wieder aufnahm. Hier sollte auch ein großer Stein, bei dem der Prediger bisher stand, seinen Platz haben - ergänzt durch weitere Feldsteine, die einen Kanzelaltar stellten. Für die Einfriedung des ovalen Platz empfahl Friedrich mehrere Baumreihen. Sie hätten mit ihren Kronen später den Platz überragt und eine Waldkirche wäre entstanden. Damit nahm er einen Gedanken auf, der später in der ehemaligen Waldkirche in Sassnitz (1867) und auf Mönchgut (1900) zur Anwendung kam.
In Vitt wurde Ende 1806 jedoch mit der Ausführung eines schlichteren Entwurfs begonnen, der Karl Friedrich Schinkels Handschrift trägt. Im Auftrag des rügenschen Präpositus L.T. Kosegarten entsteht so ein aus gesprengten Findlingen verputzter Bau mit einem regelmäßigen, achteckigem Grundriss. Für Details finden Backsteine Verwendung. Dreiteilige Spitzbogenfenster mit Knick am Kämpfer. Pfosten ungegabelt. Im Innern: Ein achteckiges verputztes Klostergewölbe aus Holz mit glatten Wänden und Ziegelpflaster. Der Dachstuhl unzugänglich und das Zeltdach ursprünglich mit Schindeln eingedeckt. Überragt von einem gusseisernen Kreuz. Doch der Napoleonische Krieg bring den Zeitplan ins Stocken. Letztlich kann die ursprünglich für September 1807 vorgesehene Fertigstellung des Bauwerks erst 1816 erreicht werden. Als am ersten Adventssonntag des gleichen Jahres dann die langersehnte Einweihung stattfindet, ist Kosegarten nicht zugegen. Doch in seiner zur Einweihung entworfene Predigt, die er 1817 publiziert, umreißt er noch einmal die Funktionalität des Gebäudes: „Auch ist nicht die Meinung, dass, dieweil dies neue Haus nun stehet, von nun an aufhören solle die fromme Sitte, den Gottesdienst zu halten in jenem Uferthale. Mitnichten! ...Nur wenn allzu ungünstige Witterung eintritt, soll erlaubt sein, seine Zuflucht zu suchen innerhalb dieser Mauern...“
Lange Zeit fehlte der Kapelle damit auch noch jegliche Ausstattung. Erst mit der Berufung des Pfarrers Friedrich von Sydow entfalteten sich neue Aktivitäten um den Zweckbau. Sydow ließ 1865 einen kleinen Erweiterungsbau mit Eingangsraum und Sakristei anfügen. Im Giebel der Vorhalle wurde eine kleine Bronzeglocke aufgehängt. Gegenüber dem Eingang befindet sich seit 1882 an der Westwand der Kapelle auch ein Kanzelaltar aus Sandstein in romantisierenden Formen. Zu dieser Zeit erfolgte ebenfalls die Ausstattung mit einem einfachen Kastengestühl aus Kiefernholz. Auch wenn sich bereits Kosegarten um eine Ausstattung mühte und 1805 dazu sogar das Gespräch mit mehreren pommerschen Malern suchte, so ist doch fraglich, ob die Entwicklung, die nun weit über das Altarbild von Philipp Otto Runge hinaus ging, so gewollt war. - In jener Zeit kam der Brauch der Uferpredigten scheinbar vollständig zum Erliegen.
Wer heute die Kapelle von Vitt besucht, wird feststellen, dass auch die folgende Zeit zahlreiche Veränderungen brachte. Mehrfach waren Instandsetzungs- und Aufbauarbeiten notwendig. So wich die Dacheindeckung aus Schindel einer Rohreindeckung (seit 1933 – Anm. d. Red.) und heute ziert auch ein Wandgemälde das Innere der Kapelle. Etwas Besonderes ist sie geblieben. Das wissen aber vor allem die, die hier bei einem Unwetter Zuflucht fanden.

Wer war Kosegarten ?
Ludwig Gotthard Kosegarten wurde am 1.02.1758 in Grevesmühlen geboren. Von 1775 – 1781 studierte er in Greifswald Theologie und verfasste seine ersten Gedichte. 1790 erscheint der Gedichtband „Rhapsodien“. 1792 übernimmt er in Altenkirchen auf Rügen die Pfarrstelle. Wilhelm von Humboldt beschreibt ihn bei seinem Besuch 1796 in Altenkirchen als „von hohem Wuchse, er hatte schlichtes schwarzes Haar und lebhafte braune Augen. In seiner Jugend waren alle seine Bewegungen sehr rasch und ungestüm...“ 1806 beginnt der Bau die Realisierung seines Projektes einer Uferkapelle für Vitt. 1808 geht Kosegarten als Professor für Geschichte und griechische Literatur an die pommersche Universität Greifswald. Am 26. 10.1818 stirbt Kosegarten in Greifswald und wird in Altenkirchen beigesetzt. Seine gesammelten Dichtungen umfassen 12 Bände und wurden durch seinen Sohn Ludwig von 1823-1826 herausgegeben.
("á la carte" 3/2008)