Dienstag, 9. September 2008

Die Preußensäulen

Ein Sommer in den 80ern bei Neukamp: So wie jedes Jahr findet auch in diesem Jahr wieder ein Schwimmlager der örtlichen Putbusser Schule statt. An den Holzstegen sieht man eine bunte Schar von Kindern. Mit dem Schwimmbrett auf dem Rücken springen sie in die Ostsee um ihre Bahnen zu ziehen. Dann ist endlich Pause. Ein Auto bringt frische Schnecken vom Bäcker...
Der Große Kurfürst hat schon vieles gesehen. Majestätisch wachte die übergroße Sandsteinfigur, die mit ihrer rechten Hand einen Degen erhob und mit der Linken einen Marschallstab umschloss, über dem Land. Fast schien es, als würde der Preuße jeden Moment wieder von seinem Kapitell, welches eine riesige Granitsäule krönte, springen, um nochmals die Insel von den Schweden zu befreien. Doch halt! – die Zeiten haben sich geändert: Längst kommen die Schweden als willkommene Touristen und auch der Nachkomme des großen Kurfürsten regiert weder Brandenburg noch Preußen. Vielleicht ein Grund, warum er nicht mehr über seinem siebenstufigen Postament in Neukamp thront? Von der einstigen Herrlichkeit blieben jedenfalls nur noch einzelne Stücke. Und so schaut er heute, umringt von den Einzelteilen die ihn einst in die Höhe hoben, auf die Nachkommen seiner Untertanen. Verlassen muss er sich dabei an der Putbusser Alleestrasse nicht fühlen. Immer noch zieht der imposante Kurfürst staunende Blicke auf sich. Nur: Man schaut eben nicht mehr zu ihm herauf, sondern ebenerdig und voller Mitleid. Wenigstens geht es dem „Soldatenkönig“ – Friedrich Wilhelm I. - der auf einer gleich hohen Säule über die Stresower Bucht schaute, nicht anders. 1985 untersuchten Experten vom VEB Denkmalpflege Dresden die beiden Preußensäulen bei Groß Stresow und Neukamp. In einem Gutachten dokumentierten sie Rissbildungen an den Denkmälern – ihre Standsicherheit war gefährdet. 1991 wurden sie dann abgenommen. Seither warten sie auf ihre Wiedererrichtung. Kostenpunkt: Mindestens 550.000 Euro. Geld was der Landkreis - als gegenwärtiger Eigentümer der Säulen - nicht ausgeben konnte oder wollte. Die Folge war eine Odyssey. Und so tingelten die beiden Preußen - gleich einem „Wanderzirkus“ - durch ´s Land um die Herzen zu erweichen und die Brieftaschen für die Restauration oder Anfertigung gleichwertiger Kopien zu öffnen. Nichts wurde unversucht gelassen. Doch auch Bittbriefe an die Nachfahren der Monarchen, den ehemaligen Verbündeten - das dänische Königshaus - und die besiegten (!) Schweden wollten nicht fruchten. Nur warum?
So wollen wir an dieser Stelle etwas Licht ins Dunkel bringen. Am 15. Oktober 1854 – dem Geburtstag des edlen Stifters Friedrich Wilhelm IV. – wurde die Preußensäule bei Neukamp eingeweiht. Und nur ein Jahr später errichtete man auch bei Groß Stresow eine Preußensäule. Doch was veranlasste den preußischen König ausgerechnet an einem so persönlichen Tag seinen Vorfahren ein Denkmal wie die Preußensäulen zu setzen? Immerhin kosteten ihn die vom Bildhauer Wilhelm Ludwig Stürmer nach dem Vorbild der Römischen Trajansäule im Stile des späten Klassizismus errichteten Baudenkmale 6815 Reichstaler. Werfen wir dazu einen Blick in die Geschichte:
Zwischen den Markgrafen von Brandenburg und den Herzögen von Pommern gab es blutige Auseinandersetzungen, die - erst nach etwa 200 Jahren - 1529 im Erbvertrag von Grimnitz geschlichtet wurden. Die brandenburgischen Kurfürsten verzichteten darin auf ihren vom deutschen Kaiser verbrieften Recht auf Lehnshoheit über Pommern und erhielten im Gegenzug eine Zusicherung, dass ihnen Pommern als ganzes zusteht, wenn dereinst das Herzoghaus der pommerschen Greifen aussterben sollte. Als jedoch später der 30-jährige Krieg kam, in dem sich die Stralsunder 1628 heldenmütig der Belagerung Wallensteins mit seinen kaiserlichen Truppen wiedersetzten, schloss Pommern ein Bündnis mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf. Die schwedische Schutzmacht landete 1630 an und vertrieb die kaiserlichen Truppen. Nur sieben Jahre später starb der letzte pommersche Herzog. Gemäß dem Erbvertrag von Grimnitz beanspruchte Brandenburg nun Pommern, welches aber durch die Schweden besetzt war.
Schließlich gestalteten sich die Kriegerischen Ereignisse für den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zwischen 1675 und 1679 überaus günstig. 1678 landete er bei Neukamp und vertrieb die schwedischen Truppen von der Insel Rügen. Übrigens betrat schon ein Jahr zuvor der brandenburgische Verbündete – der Dänenkönig Christian V. – an gleicher Stelle den rügenschen Boden. Doch außer Erdwällen, hinter denen man sich verschanzen konnte, erinnerte nichts an seine Ankunft. Die von ihm geplante Errichtung einer dänischen Hafenstadt namens Christiansholm blieb eine Idee (sh. auch „Rügensche Heimat“ v. Oktober 1928-Anm. d. Red.) Nun waren also die Schweden geschlagen und Pommern in brandenburgischer Hand. Doch Brandenburgs Verbündete – Spanien und die Niederlande schlossen Frieden. Der Verlust der pommerschen Eroberungen wurde dem Monarchen am 29. Juni 1679 auch im Frieden von Saint-Germain gegenwärtig. Mit Ausnahme eines kleinen Grenzstrichs, fiel Vorpommern und Stettin erneut an Schweden.
Wieder gingen in die Jahre ins Land. Doch auch Friedrich Wilhelm I. hielt an den Bestrebungen seiner Vorfahren im „Nordischen Krieg“ fest: Im Sommer 1715 rückten die Preußen und Sachsen über die Peene. Von Westen her leisteten ihnen abermals die Dänen zu Land und zur See Hilfestellung. Das platte Land und die kleineren Städte vielen so mit leichter Hand. Und schließlich führte Leopold von Dessau (auch „Der alte Dessauer“ genannt – Anm. d. Red.) einen Teil des Heeres nach Rügen hinüber. Nach widrigen Winden und ungünstigem Wetter landete er am 15.11.1715 in der Stresower Bucht. Zwischen 16.00 und 18.00 Uhr wurde die Ausschiffung der Infanterie mit großer Schnelligkeit vorgenommen und bis Mitternacht hatte man sich auch auf dem Festland verschanzt.
Nur vier Stunden später griff der schwedische König Karl XII. mit 20 Schwadronen, 1000 Mann Infanterie und 8 Geschützen an - ohne Erfolg! Dem Monarchen wurde sogar das Pferd unter seinem Leibe abgeschossen und nur ein Pistolenschuss bewahrte ihn letztlich davor, von einem dänischen Offizier niedergestreckt zu werden. Mit Hilfe des Grafen Poniatowski gelang ihm die Flucht aus dem Schlachtengewühl in seine Heimat. Das von den Schweden noch gehaltene Stralsund ergab sich am 23. Dezember 1715. Doch als am 1. Februar 1720 in Stockholm der Frieden geschlossen wurde, erhielt Friedrich Wilhelm I. lediglich Stettin und Vorpommern bis zur Peene. Stralsund, Greifswald und Rügen blieben noch fast ein Jahrhundert bei Schweden. Erst nach der Niederlage Napoleons wurden auf dem Wiener Kongress 1814/15 die Weichen für eine preußische Provinz Pommern und damit die Einlösung der brandenburgisch-preußischen Ansprüche aus dem Erbvertrag von Grimnitz erreicht. Jahrhunderte lange Beharrlichkeit hatte sich endlich ausgezahlt...
Auch wenn der symbolische Hintergrund der beiden außergewöhnlichen Kulturdenkmale für die Rüganer und ihre Gäste vor den Ereignissen und Umwälzungen des letzten Jahrhunderts in den Hintergrund getreten ist, so erklärt sich doch, warum sich die Aufstellung der Preußensäulen so schwierig gestaltet. Was ist eigentlich außer Symposien, Initiativen und Sitzungen effektiv erreicht worden? Wer die Bauplätze bei Neukamp oder Groß Stresow besucht findet hier nur zwei fertig gestellte Postamente. Also, warum fehlen die Säulen? Das eigentliche Problem beschreibt Professor Dr. Joachim Risse von der Universität in Rostock so: „...Wie vor 150 Jahren können wir die Denkmale nicht wieder aufbauen. Wir haben Standsicherheitsstandarts von heute einzuhalten.“ Sein Lösungsvorschlag deckt sich mit der Variante, die bereits der Steinmetzmeister Carlo Wloch in seiner Diplomarbeit über die Säulen favorisierte: Die Säulentrommeln aus Granit werden durchbohrt und auf ein Edelstahlrohr aufgefädelt, welches im Fundament verankert ist. Doch das Fundament ist bereits fertig gestellt! Noch ein weiteres Problem wird offensichtlich: Mit dem Abtragen der Säulen 1991 wurde der Wiederaufbau baurechtlich zu einem Neubau! Dieser folgt deutscher Gesetzgebung mit den derzeitig geltenden Bestimmungen und Verordnungen... Kein leichtes Fahrwasser für einen Förderverein, der sich nach 1991 aus einer Bürgerinitiative bildete und sich seither für einen Wiederaufbau einsetzt. An kalten Wintertagen, wenn der eisige Ostseewind von der Stresower Bucht hinauf peitscht, denken sie vielleicht – genauso wie der damals mit der Restauration beauftragte Carlo Wloch – an eine Episode: Um dem Willen des Landkreises Rügen zum Wiederaufbau der Preußensäulen zu bekräftigen, verstieg sich in den 90-er Jahren ein für Kultur angestellter Mitarbeiter zu der Aussage, dass er gegebenenfalls selbst auf das Postament steigen wollte, wenn der Landkreis es nicht schaffen würde, die Säulen rechtzeitig wieder aufzustellen. Der gesetzte Termin ist längst verstrichen. Der damals das Wort führte nicht mehr im Amt. Hätte er Wort gehalten, er wäre erbärmlich erfroren und symbolischer könnte ein Zustandsbild um die Preußensäulen auch nicht sein...
PA-Tipp: www.preussensaeulen.de