Dienstag, 2. Dezember 2008

Billroth und sein 180. Geburtstag

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Am 26. April 1829 verzeichnet das Taufregister der Bergener Marienkirche die Geburt eines Kindes namens Christian Albert Theodor Billroth. Wir wollen uns dem berühmten Chirurgen, kühnen Denker und großen Rüganer auf etwas ungewöhnliche Weise nähern. Und so zeichnet „á la carte“ nicht nur Stationen seines Lebens nach, sondern suchte auch das Gespräch mit Theodor Billroth zum Ausklang des 19. Jahrhunderts.
Wer war Billroth?
Sein Geburtshaus steht noch immer in der ehemaligen Klosterstraße in Bergen. Heute trägt sie jedoch seinen Namen: Die „Billrothstrasse“. Als 1. Kind des Diaconus Carl Theodor Billroth und seiner Frau Christina – erblickt Theodor Billroth hier das Licht der Welt. Doch bereits 1832 verlässt Familie Billroth die Insel Rügen in Richtung pommersches Festland. In Reinberg übernimmt Vater Billroth die Pfarrstelle. Als er 2 Jahren darauf an einer Infektion verstirbt, zieht Mutter Billroth mit ihren Kindern zum Großvater ins benachbarte Greifswald. Theodor sieht sich dabei selbst „als der wenig Gescheite, der schlechteste, miserabelste „Schüler unter seinen Geschwistern an. Sein Herz schlägt für die Musik. Und vielleicht wäre er auch nach 1848 – er hatte mit Mühe und Not sein Abitur geschafft – Musiker geworden. Doch zum Freundeskreis des Großvaters zählte der Chirurg Wilhelm Baum. Er weckte Billroths Interesse an der Medizin. Nach Studien in Greifswald und Göttingen, folgte er seinem Lehrer auch nach Berlin, wo er 1852 promovierte. Hier eröffnete er auch nach einer kurzen Militärzeit 1853 seine erste Praxis. Bedingt durch den mäßigen Verdienst, nahm er eine Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgischen Klinik von Prof. v. Langenbeck an und begann daneben zahlreiche Aufsätze für Fachzeitschriften zu verfassen. 1858 heiratet er Christel Michaelis. 1859 wird er als Professor für Chirurgie an das Kantonhospital nach Zürich berufen, wo er zu Ostern 1860 seine Tätigkeit aufnimmt. Auf der Höhe seiner Schaffenskraft folgt er 1867 einer Berufung als Direktor der Chirurgischen Klinik in Wien. Während des Deutsch-Französischen Krieges meldet er sich freiwillig zum Lazarettdienst und sammelt so u.a. zahlreiche Erfahrungen im Bereich der Wundinfektion. Sein Wissen gibt er auch als Lehrender weiter. Billroth führt neue Behandlungsmethoden ein und wertet Rückschläge und Probleme ehrlich aus. Neben der operativen Behandlung von Speiseröhren- und Kehlkopfkrebs, gilt sein Interesse auch Schilddrüsenerkrankungen. Besondere Erfolge erzielt er aber auf dem Gebiet der chirurgischen Eingriffe am krankhaften Magen- und Darmtrakt. Diese sind so wegweisend, dass Magenresektionen nach den Methoden Billroth I und Billroth II bis heute in modifizierter Form Anwendung finden. 1888 wählte ihn die Gesellschaft der Ärzte in Anerkennung seiner Leistungen zu ihrem Präsidenten. Infolge der Überarbeitung – sein erster Zusammenbruch ist 1887 – werden seine Aufenthalte in St. Gilgen am Wolfgangsee oder an der Adria immer häufiger. Am 6. Februar 1894 verstirbt Theodor Billroth in Abbazia.
Herr Billroth, was macht Ihre Berufung als Chirurg aus?
Th. Billroth: Nun, wo Leben ist, ist fortwährend auch Leben und Entstehen. Bei der praktischen Ausübung unserer Kunst, bedürfen wir zwar der Fixierung an den bisherigen Erfahrungen, aber auch das sind nur Kompromisse. Denn die Anwendung einer neuen Methode kann in wenigen Monaten schon Theorien, an die wir uns längst gewöhnt haben, einstürzen lassen. Andererseits gibt es jetzt so viele Leute, auch unter unseren Besten, die glauben, sie hätten die ganze Chirurgie erfunden... Es ist so, dass die Geschichte der Wissenschaften keine großen Sprünge macht. Wenn Einer glaubt er hätte einen großen Sprung getan, dann muss er ihn wieder zu dreiviertel zurücknehmen. Diese Zerstörung der schönsten Illusionen bewahrt ihn jedoch auch vor der Selbstüberschätzung und Stagnation.
Der menschliche Körper ist und bleibt also eine Herausforderung?
Th. Billroth: Unser Körper ist und bleibt eine komplizierte Maschine, bei der es mal hier, mal da hapert... Man muss sie dann gut schmieren und gut heizen, dann geht es wieder eine Weile vorwärts.
Und wie muss man sich das aus der Sicht eines Arztes vorstellen?
Th. Billroth: Um Hilfe zu geben, muss man über Kenntnisse vom Körper verfügen. Die Temperatur eines Kranken ist beispielsweise ein Symptom – es spricht aber nur zu dem Arzt, der die Sprache versteht. Ein Beobachtungsfehler, ein falscher Schluss kann uns später ärgern... in der Praxis kann es ein Menschenleben kosten.
Gibt es denn auch Krankheiten, die vermeidbar wären?
Th. Billroth: Nehmen Sie beispielsweise das Tabakrauchen oder Schnupfen. Beides halte ich für gesundheitsschädlich. Katarrhe des Mundes, des Rachens, des Magens werden dadurch angeregt und unterhalten, die Entstehung krebshafter Krankheiten begünstigt. Aber vergessen wir nicht: Viel Rauchen ist das Produkt des Müßiggangs und der langen Weile und wird deshalb, ebenso wie der Alkoholgenuss, nicht so leicht zu beseitigen sein, da die Menschheit immer nach Mitteln greifen wird, sich über die Langeweile der arbeits- und schlaffreien Zeit hinweg zu täuschen.
Sie sind ein Pionier der Chirurgie: 1871 haben Sie die erste Speiseröhrenoperation durchgeführt, 1873 haben Sie erstmals erfolgreich eine Entfernung des Kehlkopfes vorgenommen, 1881 entfernten Sie erfolgreich krankhaftes Gewebes am Magen. Wie beurteilen Sie Ihr Werk?
Th. Billroth: Was uns die Natur gegeben hat, dafür können wir nicht. Was wir mit den uns verliehenen Gaben gemacht haben, das haben viele Andere schon vor uns und neben uns auch schon gemacht. Stellen wir uns nur neben die Mittelmäßigen unserer Zeit, so kommen wir uns sehr großartig vor. Stellen wir uns in Beziehung zu den Größten früherer und unserer zeit, so müssen wir froh sein, als kleines Kettenglied im Ganzen uns zu fühlen. Was mein wissenschaftliches Leben betrifft, so habe ich getan, was ich vermochte.
Herr Billroth, Wenn Sie aus Ihrer Sicht noch einen Blick in die Zukunft werfen... Wie sehen Sie das Jahr 2009 – das Jahr Ihres 180. Geburtstags?
Th. Billroth: Wissen Sie, ich habe schon seit vielen Jahren die Auffassung, dass mit der steigenden Vervollkommnung der ärztlichen Kunst und der Verhütung von Epedemien – auch bedingt durch die verbesserten sanitären Bedingungen – dies zwar dem einzelnen Menschen dient, aber es die menschliche Gesellschaft ruinieren muss. Die Vermehrung und Erhaltung des Menschen auf der Erde führt zu einer Überbevölkerung, welche Alle ins verderben stürzt. Nun, wir werden das zum Glück nicht mehr erleben.
Herr Billroth, wir danken für das Gespräch und werden in den kommenden Ausgaben ein paar kleine Geschichten aus Ihrem Leben erzählen...
(Die Zusammenstellung der Texte erfolgte nach Aufzeichnungen, die Theodor Billroth uns hinterlassen hat)

Aus dem Leben Theodor Billroths – 1. Teil:

Mit Musik geht alles besser...“


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Nach dem Studium in Greifswald, Göttingen und Berlin nahm Billroth seine Tätigkeit als Arzt in Berlin auf. Und so eröffnete er seine erste Praxis...

Zur Erstausstattung soll damals auch ein Klavier gehört haben, welches ihm einst sein Vater schenkte. Und da man nicht gerade auf den jungen Arzt gewartet hatte – sein erster Patient noch auf sich warten ließ, setzte er sich an das Pianoforte. Mozart! Billroth war völlig vertieft in sein Spiel, als sich vorsichtig die Tür seiner Praxis öffnete. Verdutzt blickte ein Mann hinein, hielt inne und wollte sich schon wieder auf den Zehenspitzen hinaus schleichen. Billroth blickte auf. „Wer sind sie?“ – „Verzeihung.“ sagte der Besuch, „ich habe mich wohl in der Tür geirrt. Wie ich sehe, sind sie Musiker. Ich suche aber einen Arzt. Also, entschuldigen Sie bitte die Störung.“ – „Nein, nein... kommen Sie ruhig herein.“ Billroth klappte den Klavierdeckel zu. „Ich bin Arzt! Das Musizieren – es ist ein reines Privatvergnügen.“ – „Nun, dafür spielen Sie gut. Und glauben Sie mir... als Mitglied der Philharmonie, weiß ich was ich sage. Also wenn Sie genauso gut als Arzt sind, dann werden Sie mich sicher wieder gesund machen.“

Der Berliner Philharmoniker war zufrieden und empfahl ihn bei seinen Kollegen. Mit Musik geht eben alles besser...

("á la carte" Winter 2008/2009)

Aus dem Leben Theodor Billroths – 1. Teil:

Wissen macht Angst“

Aus dem Leben Theodor Billroths – 2
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In unserer letzten Ausgabe haben wir aus Anlass des 180. Geburtstages erzählt, wie der Rüganer Theodor Billroth seine eigene Praxis in Berlin eröffnete. Nachdem der musizierende Chirurg feststellte, dass mit Musik alles besser geht, hat sich vieles getan... Doch zuweilen führt sein umfangreiches Wissen auch zu manchen unangemessenen Diagnosen:

Was soll man machen? Ein Arzt bleibt natürlich auch in der Familie ein Arzt. Hinter einem harmlosen Husten seiner Ehefrau vermutete Billroth gleich eine Tuberkulose, ein unerklärliches Fieber seines Kindes ließ ihn schlimmste Vermutungen annehmen. Gegenüber einem Freund stellte der Rüganer selbstkritisch fest: „Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, dass wir Ärzte, wenn wir selbst oder Mitglieder unserer Familie krank werden, alle zu unzurechnungsfähigen Hypochondern werden...“ Beispielhaft beschrieb er das Leiden durch die übersteigerte Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit so: „Kürzlich glaubte ich, völlig am Ende zu sein, und dabei war es doch nur ein ordinärer Bronchialkatarrh (– ein Husten in Folge einer Erkältung –Anm. d. Red.). Und als ich mir im Mai das Schultergelenk gequetscht hatte, sah ich mich schon mit osteomyelitischer Nekrose (Gewebetod durch Sauerstoffmangel der Zellen – Anm. d. Red.) auf dem Operationstisch liegen!“ Natürlich war bei Theodor Billroth keine OP nötig. Dafür schätzten aber seine Patienten durchaus seinen geschickten Umgang mit dem Skalpell. In unserer nächsten Ausgabe, hat ein betagter Mann noch einen Wunsch. Lesen Sie dann: „Schön bis in den Tod“


("á la carte" April / Mai 2009)