Freitag, 18. Juni 2010

Wie Phönix aus der Asche

Trümmer des Abbrandes nach dem 25. August 1950
Wo Altes vergeht, entsteht Neues. Doch während Ortsbilder in der Regel schleichenden Veränderungen unterliegen, prägen Katastrophen nicht nur die Menschen, sondern auch ihre Siedlungen und Lebensräume nachhaltig.  
Abseits ausgetretener und touristisch erschlossener Pfade lädt uns das beschauliche Gingst zu einem Besuch ein. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sich dieses ursprüngliche Angerdorf wesentlich von anderen auf der Insel. Der Marktplatz – östlich dominiert von der bereits aus der Ferne gut sichtbaren Backsteinkirche – präsentiert sich mit glatt geputzten Häusern und einem zentral aufgestellten Denkmal neuzeitlich.
Erst ein Blick in die Geschichte offenbart: Der Ort wurde mehrfach arg geschunden. Nicht nur im Dreißigjährigen Krieg hatte Gingst große Verluste an Menschen und Gebäuden zu beklagen. 1826 kam es zu einer Brandkatastrophe, der „Pfarrhaus, Cappelaney-Schule, Küsterey, Armen-Haus, Wittwen-Haus“ und 34 weitere Wohnungen zum Opfer fielen. Vom gesamten Ort blieben damals nur 29 Häuser und die beschädigte Kirche stehen. Geradezu unvorstellbar, dass vor 60 Jahren noch einmal der Feuerteufel ähnlich verheerend zuschlug.
25. August 1950. Kurz nach 14.00 Uhr ballen sich Rauchwolken – weit sichtbar - über der Scheune des Bauern Köpke zusammen. „Feuer! Feuer!“ Rufe gehen durch den Ort. Doch durch das trockene Strohdach blitzen schon die ersten Flammen. Der Anblick lähmt nicht nur die Anwohner. Auch Ortsfremde sind fassungslos. Wasser ist knapp, der Löschteich soll ausgetrocknet sein. Der Alarm ruft Feuerwehren von Insel und Festland herbei. Doch das Feuer greift bereits auf weitere Gebäude über. Erst gegen 17.00 Uhr lässt sich der Brand schließlich unter Kontrolle bringen.
Der Blick über den niedergebrannten Ortsteil zeigt das Ausmaß der Katastrophe: 17 Wohnhäuser, 23 Ställe und andere Wirtschaftsgebäude sind abgebrannt. 88 Personen wurden durch den Brand obdachlos... Ähnlich, wie wir es aus heutigen Berichterstattungen kennen, eilt auch damals die Polit-Prominenz – der Sekretär der Landes-Parteileitung und der Ministerpräsident des damals noch bestehenden Landes Mecklenburg – nach Gingst. Das Versprechen: Bis zum 15. Oktober 1950 sollte der abgebrannte Stadtteil neu aufgebaut werden. Mutig, denn nur wenige Wochen verbleiben, um Wohngebäude wieder herzustellen, sie einzurichten und bezugsfertig zu machen!
Der Wiederaufbau beginnt in rasantem Tempo...
Ein Grund zum Feiern: Der geglückte Wiederaufbau
Nachdem die Beräumungsarbeiten an den Brandstellen beendet wurden, beginnt der Aushub der Baugruben. Das Baumaterial wird mit Lastkähnen in den Kubitzer Hafen gebracht. Von hier aus transportieren Lastkraftwagen Tausende  Ziegel- und Dachsteine, Kalk, Holz und Zement nach Gingst. Die logistische Herausforderung ist angesichts der propagandistischen Begleitung und dem aufgebauten Druck durch die Medien enorm. Zwei Tage vor der am 15. Oktober stattfindenden Volkswahl kommt es in Gingst zur feierlichen Übergabe der Häuser vor der neu errichteten Gemeindeverwaltung. Dort, wo noch vor Wochen die Reste eines Brandes schwelten, erhebt sich nun das weißgestrichene und mit Girlanden geschmückte Gebäude. Der Parteisekretär, Kurt Bürger, ruft von einem Podium den Versammelten zu: „Mit Stolz und Genugtuung können wir sagen, dass der kühne Plan allen Zweiflern zum Trotz erfüllt wurde. Der 13. Oktober ist nicht nur für Gingst, sondern für die ganze Republik ein Tag des Sieges der planvollen friedlichen Aufbauarbeit.“ Die Bilanz kann sich sehen lassen:  Sechs Wochen nach dem Brand waren neun Doppelhäuser, vier Einzelhäuser, ein Verwaltungsbau und vier Wirtschaftsgebäude wieder aufgebaut. Von 10.050 ausgewiesenen Aktivisten, Arbeitern, Handwerkern, Volkspolizisten und Jugendlichen erhalten 60 die Aktivistennadel. Ein Jahr darauf wird auch das „Haus der Jugend“ fertiggestellt und übergeben.
1976 – 35 Jahre nach der Katastrophe – erinnerte man sich noch gern an das Aufbauwerks. Neben einer propagandistischen Broschüre „Hoch die Fahne der Solidarität“ wird auch ein Denkmal auf dem neugeschaffenen Marktplatz eingeweiht. Es erinnert an die vielen Aufbauhelfer und die gesammelten Spenden. Heute weckt der Betonstein durch seine Form durchaus Erinnerungen an andere Denkmäler aus der DDR-Zeit. Doch der „Klotz“ ist im Gegensatz zu diesen durchaus fundierte Rückbesinnung an einen gemeinschaftlichen  Werk des Aufbaus eines zerstörten Ortsteils – egal wie es heute auch unterschiedlich kommentiert werden mag.
Das "Haus der Jugend" (l.) und die Gemeindeverwaltung (re.)
Bei unserem Besuch begegnen wir einem alten Einwohner des Ortes. Mit einem leichten Winkelzug um seinen Lippen meinte er, dass es einen alten Spruch gibt, der ihm seit seinen Kindertagen in den Ohren liegt: „Krieg und Brand segnet Gott mit milder Hand.“ Ehrlich gesagt, wir haben etwas länger darüber nachgedacht...   

Das Denkmal erinnert auch heute noch an den Wiederaufbau von Gingst