Dienstag, 24. August 2010

Der Koloss von Rügen

Blick auf den Koloss - das unvollendete KdF-Projekt
Der Monat September steht im Binz traditionell im Zeichen der Bäderarchitektur. Schmucke Laubsägearchitektur und veredelte Stahlbalkone ziehen an den frisch sanierten Villen, Loggia- und Landhäusern wieder die Blicke auf sich. Doch nur wenige Kilometer nördlich entstand - an der Schmalen Heide - der Rohbau des „Seebades Rügen“. Die etwas andere Bäderarchitektur...      Bereits im Teil 4 unserer Reihe „Spur der Steine“ haben wir uns der Architektur der Bäder – der Bäderarchitektur – angenommen. Auf Rügen finden sich gleich vier Phasen dieser baulichen Entwicklung der Seebäder. Angefangen vom Seebad Putbus-Lauterbach im Stil des Klassizismus (bis 1830), dem Seebad Binz im Stil des Historismus (1830-1880), dem Seebad Sellin im Übergang vom Stil des Historismus bis zum Jugendstil (1880-1940) bis hin zum Seebad Rügen (Prora) im Stil des Neoklassizismus und der Moderne (ab 1936) lassen sich diese für interessierte Besucher sogar auf engstem Raum besichtigen.
Abdruck des Aufmarschplans zur Einweihung im "Stettiner Generalanzeiger"
Wir wollen uns dieses Mal allerdings ausschließlich der letzten Phase der Entwicklung der Seebäder widmen. Kein leichtes Unterfangen, denn an dem „Koloss von Rügen“ scheiden sich bis heute die Geister. Das betrifft nicht nur die Darstellung der Geschichte, sondern auch den verantwortlichen Umgang mit ihr.  Immerhin sind die Ausmaße dieser baulichen Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus bis heute gigantisch und sprengen immer noch unsere Vorstellungskraft. Zwei Zahlen sind dazu exemplarisch: Sieben Kilometer Länge hätte die Seebad-Anlage mit Fertigstellung umfasst. Und: 20.000 Gästen sollten hier ihren Urlaub verbringen - natürlich mit Seeblick!
Doch der Reihe nach: 1935 verkaufte Malte Herr zu Putbus einen 7,5 km langen Küstenstreifen an der Schmalen Heide an die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF). Ihr Chef Robert Ley gab dazu bekannt: „Die Idee dieses Seebades kam vom Führer (A. Hitler – Anm. d. Red.) selbst. Er sagte mir eines Tages, dass man nach seiner Meinung ein Riesenseebad bauen müsse, das Gewaltigste und Größte von allem bisher Dagewesenen...“ Und so begann der Kölner Architekt Clemens Klotz im Frühjahr 1935 mit den ersten Vorentwürfen zum Seebad. Schon im Herbst des gleichen Jahres präsentierte man einen ersten Modellentwurf für das Bauwerk an der Prorer Wiek.

Werbung für einen Urlaub im Kdf-Seebad Rügen
Der Rohbau war im Wesentlichen 1939 abgeschlossen
Auch den nachfolgenden Entwurfswettbewerb, der im Frühjahr 1936 durch Albert Speer – Leiter des Amtes „Schönheit der Arbeit“ (DAF) als ein „eingeschränkter Wettbewerb zur Erlangung von Plänen für das Seebad Rügen“ ausgelobt wurde, konnte Clemens Klotz gegen zehn „künstlerische Persönlichkeiten“ für sich entscheiden. Allerdings hatten auch seine weiteren Planungen entscheidende Entwicklungen nehmen müssen. Statt der 8 Trakte pro Hotelblock waren nun 11 Trakte geplant. Die zentral angeordnete Festhalle – ein Entwurf des prominenten Architekten Erich zu Putlitz – musste in den Gesamtentwurf eingearbeitet werden. Die ursprünglich im Seebad endende Bahnlinie sollte nun im benachbarten Binz enden. (Eine Erklärung dafür, warum sich in Binz zwei Bahnhöfe über mehrere Kilometer entfernt voneinander befinden. – Anm. d. Red.)
Der Gesamtentwurf für das „KdF-Seebad Rügen“ wurde 1937 auch international vorgestellt. Auf der Weltausstellung in Paris erhielt er die Auszeichnung mit dem Grand Prix. Nach den Plänen der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) – die als Reiseveranstalter auftrat – sollte schon bald eine neue Ära des Fremdenverkehrs eingeleitet werden. Bereits zwei Jahre zuvor benannte man mit Timmendorfer Strand und Kolberg zwei weitere Standorte für Bauprojekte gleichwertiger Größenordnung.
Werfen wir einen Blick auf die Pläne und Modelle des Muster-Seebades Rügen: In der Mitte der Anlage war ein Festplatz vorgesehen. Auf ihm sollte die zentrale Festhalle entstehen. Seeseitig wäre dieser über eine Kaianlage mit Musikpavillon erreichbar gewesen, da sich hier zwei Seebrücken anschließen sollten und als Zubringer für anlegende Hochseeschiffe gedacht waren.
Landseitig sollten sich nördlich und südlich die Empfangsgebäude mit den Hotelblöcken sowie den mit seeseitigen Arkadengängen und die Fassade unterbrechenden Gemeinschaftshäuser angliedern. Die Zimmer waren seeseitig angeordnet und öffneten sich mit geringer Brüstung zum Meer. Bedingt durch die leichte Krümmung der gesamten Nord-Süd-Achse des Gesamtbauwerkes – auf 500 Meter Länge etwa 2 Grad – wurde eine triste Wirkung für den Betrachter abgeschwächt, der Baukörper mit den Treppenhäusern – in denen auch die sanitären Einrichtungen liegen sollten - landseitig durchbrochen und mit den geplanten Außenanlagen aufgelockert.  

Musterzimmer mit Ausstattung und Seeblick
 Westlich sollte sich hinter dem Festplatz ein weit größerer Platz öffnen der u.a. durch ein Turmcafe - mit dreifacher Höhe der Hotelblöcke -  attraktiv aufgewertet und beherrscht werden sollte. Es sollte in 80 Meter Höhe 250 Gästen  eine Besichtigung der Gesamtanlage aus der Luft ermöglichen.
Am 2. Mai 1936 wurde für das Seebad Rügen - eines der größten Propaganda-Bauten des Nationalsozialismus – der Grundstein gelegt. Mit einigem Abstand wurde dann mit der Rodung großer Waldflächen begonnen, um die Baufreiheit für das Projekt zu gewährleisten. Das neu angelegte Sägewerk konnte das notwendige Bauholz liefern. Der Kies wurde über eine Feldbahn aus der Kieskuhle in Zirkow antransportiert. Zusätzlich ausgestattet mit einem eigenen Mischwerk konnte die neun beteiligen großen Baufirmen – unter ihnen Phillip Holzmann, Dyckerhoff & Widmann und Siemens-Bauunion – ihren Wettbewerb um die schnellstmögliche Fertigstellung der Rohbauten zum ersten Großseebad starten.
Im Frühjahr 1939 waren sieben der acht Hotelblöcke und ein Teilbereich des südlichen Empfangsgebäudes im Rohbau fertig gestellt worden. Das Ziel der Eröffnung zur Saison konnte nicht gehalten werden. Stattdessen diente die kriegsbedingt stillgelegte KdF-Großbaustelle als Behelfsbau u.a. für Notlazarett, Mutter-Kind-Heim und zur Beherbergung ausgebombter Familien aus Hamburg und Bremen, sowie als Unterkunft für Flüchtlinge und Heimatvertriebene.

Fertiggestellte Gebäudeteile nach dem Krieg
 So endete die vierte Phase der Seebäder-Entwicklung eigentlich bevor sie begonnen hatte. Nachdem ein großer Teil der Anlage nach 1945 einer militärischen Nutzung unterworfen wurde und damit allgemein unzugänglich wurde, entstand allerdings im Block 1 ebenfalls ein NVA-Erholungsheim. Auch nach dem politischen Umbruch 1989 gab es wieder Rückbesinnungen auf den touristischen Zweckbau. Aus dem bereits erwähnten NVA-Erholungsheim „Walter Ulbricht“ wurde beispielsweise vorübergehend ein Hotel.

Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte die militärische Nutzung
Das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) betrieb bis 1999 - mit etwa 600 Betten! - die größte Jugendherberge Deutschlands.  2002 starte mit dem „One World Camp Prora Youth Hostel“ ein weiterer Versuch eine kostengünstige private Jugendherberge zu etablieren. Alle Aktivitäten – inklusive der Museumsmeile Prora die 300.000 Besucher jährlich anzog – scheiterten letztlich allerdings an den Planungssicherheiten. Verkäufe und Rückabwicklungen sind dafür eine schlechte Grundlage.
Auch wenn heute mancher hoffnungsvolle Blick zum Block 5 geht, so ist er trotz des in den letzten Jahren aufgebauten Zeltplatzes des DJH auf den Außenanlagen nicht ungetrübt. Der Einzug einer Jugendherberge in den Bau wäre - wenn es nach dem Willen des Landkreises Rügen ginge – ein schöner Anfang für eine Wiederbelebung der baulichen Gesamtanlage. Doch die geplanten Kosten dafür liegen mittlerweile bei über 16 Millionen Euro für 200 Betten zur Beherbergung. Zusätzlich in die Höhe getrieben wurden sie auch im Zuge des Großereignisses „Prora 03“. Nachdem Block 5 von Fenstern, Türzargen, elektrischen und wasserführenden Leitungen zur Ver- und Entsorgung „befreit“ wurde, drang nicht nur Feuchtigkeit ein. Die entstandenen Mehrkosten des „Kolateralschaden“ tragen letztlich die Steuerzahler, unabhängig ob die Mittel nun vom Bund in Form von Fördergeldern oder als Kredit für den Eigenanteil von staatlichen Banken kommen. Da würde man sich mehr Verantwortung und Standsicherheit für den „Koloß von Rügen“ wünschen.




Sonnenuntergang am Denkmal im Nordteil

Weiterführender Literatur-Tipp:
„Der Koloss von Prora auf Rügen“ Joachim Wernicke u. Uwe Schwarz,
2006 Verlag Museum Prora, ISBN: 978-3-7845-4902-6
www.museum-prora.de