Sonntag, 10. Oktober 2010

Das „Pädschen“

Heute grüßen wieder die weißen Fassaden des Circus die Gäste, die sich aus Richtung Binz dem kleinen Residenzstädchen am Greifswalder Bodden nähern. Beherrscht werden die Putbusser Fassaden allerdings von dem höchsten Gebäude am Platz – dem ehemaligen Königlichen Pädagogium.
Die großen goldenen Lettern „PAEDAGOGIUM“ lassen keinen Zweifel aufkommen. Hier ist man stolz auf die Bildungstradition des Ortes. Das frisch sanierte Hauptgebäude ist mit seinen Nebengebäuden, die auch kräftig rausgeputzt werden, Aus- und Fortbildungsstätte für Informatik. Das die „weiße Industrie“ sich in die grüne Landschaft einpasst, steht längst außer Frage. Doch war die eigentliche Wiederbelebung der Visionen des Stifters der Anstalt, Fürst Wilhelm Malte zu Putbus, genauso zäh wie deren einstiger Beginn. 
Auch deshalb verblüfft zuweilen der Blick in die Geschichte - wenn eine Bildungstradition fortgesetzt und ein neues Kapitel in der Geschichte eines Zweckbaues aufgeschlagen wird. Damals löste allein der Gedanken von Fürst Wilhelm Malte zu Putbus eine höhere Lehranstalt in seiner Residenz zu errichten, keine Jubelstürme aus. Dezent wies der preußische Kultusminister darauf hin, dass die verfügbaren finanziellen Mittel, ihm keine angemessene Unterstützung erlaubten. So war weit mehr als  Beharrlichkeit und Geld von Nöten. Galt es doch mit Geschick die anfänglichen Widerstände – in einem über Jahre währenden Prozess – zu überwinden und den Weg für ein Projekt zu ebnen, welches für den Ort weitreichende Folgen haben sollte.  
Wie viel Zeit der spätere Direktor, Prof. Dr. Ferdinand Hasenbalg, und der Förderer, Fürst Wilhelm Malte zu Putbus, in der Gründungsphase aufwenden mussten, wie viel Papier mit Gedanken beschrieben und verworfen wurden, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass die Pläne anfangs kaum durch das Stettiner Provinzialschulkollegium Aufnahme fanden. Und auch die Nähe zum Stralsunder Gymnasium war der Idee wohl kaum förderlich gewesen. Denn erst im Jahre 1833 hatte man eine grundsätzliche Einigung erzielen können. Genehmigt wurde ein abgeändertes und präzisiertes Konzept, nach dem an der Lehr- und Erziehungsanstalt mit Internat gearbeitet werden durfte.
So begannen nun unter Leitung des fürstlichen Baumeisters Theodor Bamberg die ersten Aushubarbeiten zur Errichtung eines Hauptgebäudes am Circus. Heute schwer vorstellbar, denn zu diesem Zeitpunkt war der uns bekannte kreisrunde Platz, an dessen Westseite der Neubau nun an Größe gewann, noch unbebaut. Ja, er existierte eigentlich noch gar nicht. Denn die Ostseite des Circus war noch nicht aufgeschüttet worden. Der Obelisk, der uns an die Ortsgründung erinnert, wird erst 12 Jahre später errichtet werden und allein der Blick, der auf den Greifswalder Bodden fiel, dürfte vergleichbar gewesen sein. Nach drei Jahre Bauzeit war der Bezug des ersten Hauses am Platz möglich. Im dreistöckigen Traufenhauses waren 13 Wohn- und Schlafräume für 60 Internatsschüler, Unterrichtsräume, sowie Wohnungen für die Lehrer entstanden. Gleich nebenan war auch das zweistöckige massive Direktorenhaus errichtet worden. Auch dieses konnte der neuen Lehreinrichtung übergeben werden.
Möglich war dies allerdings nur durch die weitreichende Förderung, Ausstattung und Finanzierung des Vorhabens durch Fürst Malte zu Putbus. Wie gegenüber den staatlichen Stellen angekündigt, war er bei dem Projekt in finanzielle Vorleistung gegangen.
Parallel dazu kündigte König Friedrich Wilhelm III. im März des Jahres 1835 – also ein Jahr vor der Fertigstellung der Gebäude - die Übernahme des Patronats für die Einrichtung an. Nachdem der Vertrag über Gründung und Organisation der Bildungsanstalt geschlossen, die Bekanntmachung in den Amtsblättern erfolgte, das Pädagogium eingeweiht wurde, konnte am 17. Oktober 1836 der Schulbetrieb mit 37 Schülern endlich aufgenommen werden.
Auch nach dem Beginn des Lehrbetriebes bedachte Fürst Malte zu Putbus die Einrichtung mit finanziellen Mitteln. Die jährlich gestifteten 6.000 Taler entsprachen der Höhe der Einnahmen, die ihm als Generalgouverneur von Neuvorpommern gemäß dem Staatsvertrag von 1815 über das ehemalige Schwedisch-Pommern zustanden. Da ihm die Nationalversammlung in Berlin diese nicht mehr zubilligen wollte, ein kluger Schachzug das Geld vor Ort dem Königlichen Pädagogium zuzuführen.
Die Entwicklung der Schule war – trotz kurzzeitigen Einbrüche in den Wirtschaftskrisen zwischen 1843 und 1848 - stetig wachsend. Und auch die Besuche des Königs Friedrich Wilhelm des IV. und Alexander von Humboldts verliehen der Einrichtung zusätzlichen Glanz und Anerkennung.
Organisatorisch wurden 1865 die Realsektionen aufgehoben und 1869 erfolgte die vollständige Umwandlung zum Gymnasium. 1886 konnte man zum 50. Jahrestag des Bestehens feststellen, dass 1.200 Schüler von 122 in dieser Zeit tätigen Lehrern am königlichen Pädagogium ihr Rüstzeug erhielten. Für Putbus selbst war die Einrichtung auch zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor geworden.
Auch der Gebäudekomplex erfuhr eine deutliche Erweiterung. 1889 wurde zusätzlich das 1823 massiv errichtete zweistöckige „Hotel du Nord“ erworben und ausgebaut. 1890 wurde auch der Verbindungstrakt zum angekauften Eckhaus vollzogen. Und bereits vier Jahre später wurde der zweistöckige Hofflügel am Nordende angefügt. 1900 erfolgte der Bau des neuen Treppenhauses, die Verbreiterung des Hauptportals und der Ausbau des Dachgeschosses. Ein eingeschossiger Frontispizartiger Mittelaufbau mit Fahnenstange dominiert seither des Satteldach des Hauptgebäudes. 1906 wurde auch das alte Wirtschaftsgebäude auf der Hofseite abgetragen und durch den Hofflügel ersetzt.
Das Ende des ersten Weltkriegs machte deutlich, dass die gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland auch regelmäßige Umbrüche für die Lehreinrichtung bedeuteten. 1919 wurde das Königliche Pädagogium in ein Staatliches Pädagogium überführt. Nach der Schließung des Staatlichen Pädagogiums 1941 diente  der Zweckbau als Nationalpolitische Erziehungsanstalt, besser bekannt als NAPOLA. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde – nach kurzzeitiger Unterrichtung der Oberschule – 1946 der Lehrbetrieb wieder als Institut für Lehrerbildung, kurz IFEL, aufgenommen. Nachdem die Einrichtung dann nach Rostock verlegt wurde, begann 1975 der Aufbau der Schwerhörigenschule, die 1990 in ein Sonderpädagogisches Zentrum umgewandelt wurde. Das im April 2002 überarbeitete Konzept des „IT-College im ehemaligen Fürstlichen Pädagogium zu Putbus auf Rügen“ bildete dann die Grundlage für ein neues Kapitel der Bildungsgeschichte am Pädagogium in Putbus. Begonnen werden konnte so auch die umfassende Sanierung und damit Rettung der arg in Mitleidenschaft gezogenen Bausubstanz. So scheinen die Zukunftsaussichten des Gebäudekomplexes mit einer wiederbelebten Vision heute besser denn je.
Und vielleicht wird ja auch die eine oder andere Tradition ihre Auferstehung finden. Man denke nur an Schülervereinigungen, wie die „Gremminia“, oder die „Vereinigung ehemaliger Pädschler“. Oder das „Primanerlochfegen“. Vielleicht werden aber auch neue Traditionen begründet.
Alles hat schließlich seine Zeit. Auch das „Pädschen“, wie das Pädagogium wieder liebevoll bezeichnet wird. - Möge sie lange anhalten!

Empfohlene weiterführende Literatur:
„Kennungen“
Klaus Schikore, Karin Fischer Verlag GmbH, 1994
ISBN 3-927854-92-1
„Die Putbusser: Kadetten unterm Hakenkreuz“
Klaus Montanus, R.G.Fischer Verlag, 1998
ISBN 3-89501-220-2
„Die Geschichte des Königlichen Pädagogiums zu Putbus und seiner nachfolgenden Einrichtungen“
Forderverein Fürstliches Pädagogium zu Putbus e.V., Wissenschaftsverlag Putbus 2008,
ISBN 978-3-940364-02-9