Freitag, 15. Juli 2011

Auf einer flachen Insel...

 
Alte Ansicht des Gutshauses Üselitz an der Üselitzer Wiek

...inmitten einer Niederung Südrügens befinden sich die Ruinen des Gutshauses von Üselitz. Fernab  touristischer Pfade wartet das einst stolze Bauwerk noch auf seine Rettung.
Zugegeben, soweit in den Süden der Insel führte uns die „Spur der Steine“ noch nie. Über Betonwege, die durch windbewegte Kornfelder führen, erreichen wir diesmal eine Niederung an der Üselitzer Wiek. Hier, wo das winterliche Hochwasser über Jahrhunderte vom Land Besitz ergriff, begründete 1562 Erich von Zuhme mit dem Tausch gegen seine Wittower Besitzung und einer Ausgleichszahlung von 1.333 Gulden und 16 Schilling die neue Linie seines Geschlechts. Doch auch der 1311 als „Uselitze“ erstmals erwähnte Flecken, ist keine zum Siedeln einladende Gegend. Und so bestimmen von Anfang an wirtschaftliche Probleme den Aufbau einer Wirtschaft auf den 17 ½ besteuerbaren Hakenhufen, die auch die Nachkommen reichlich belasten sollen. Ob sein Sohn Pribbert oder sein gleichnamiger Enkel Erich. Die von Zuhmes sind ständig in finanziellen Schwierigkeiten. Besonders schwerwiegend sind die Kriegsjahre 1628-30 auf der Insel. Erich von Zuhme, der 1612 Uselitz geerbt hat, schätzt die entstandenen Schäden damals auf sagenhafte 40.000 Gulden. Da er sich seiner Gläubiger kaum noch erwehren kann, beantragt er 1634 sogar gegen sich selbst den Konkurs. Es ist Krieg. Soldaten ziehen über die Insel und in Uselitz werden – wie überall - Ställe abgedeckt und Häuser angezündet. Erichs Frau Elisabeth verzeichnet 1638 u.a. den Verlust von 8 Rindern, 11 Schweinen und 50 Gänsen... Doch noch schwerer wiegt in diesen Zeiten der Verlust an Menschen. Ohne sie ist eine Bewirtschaftung des Landes kaum denkbar und so liegen weite Teile brach. Als Erich 1644 stirbt, stirbt mit ihm auch die Uselitzer Linie der von Zuhmes im Mannesstamm aus. Keine hundert Jahre sollten so von der Übernahme bis zur Aufgabe der Wirtschaft vergehen.

Eine kunstvolle Stuckdecke - längst dem Verfall zum Opfer gefallen
 Blieb also nur das Gutshaus als Zeugnis jener Jahre? Wir wissen es nicht, da die Quellenlage strittig ist. Ob also 1580 begonnen worden ist „das neue Haus kostbar aufzuführen“ oder erst im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts muss für uns ungewiss bleiben.
Zum Ende des 17. Jahrhundert lässt sich der Bau jedoch vielleicht so beschreiben: Das dreistöckige Traufenhaus aus verputztem Backstein erschließt sich ursprünglich über das mittig der Längsseite angeordnete Hauptportal. Unter einer korbbogigen Öffnung, die von einem darunter liegenden Dreiecksgiebel - in der sich auch ein Wappenrelief befunden haben muss – und zwei breiten Pilastern gestützt wurde, betrat man den Flur. Fast alle Räume des Erdegeschosses besaßen Kreutzgratgewölbe. Die seitlich vom Flur gelegenen Zimmer verfügten sogar über Stuckdekor. Über die Küche im hinteren Teil des Hauses erreichte man die Vorratsräume, die als flache Unterkellerung bis unter das vordere linke Drittel des Bauwerks reichten. Mittels einer rückwärtigen Treppe erschloss sich das Obergeschoss, welches nach außen auch durch Gesimsbänder abgesetzt war. Charakteristisch für das Gutshaus Uselitz waren die beiden giebelbetonten parallel angeordneten Satteldächer. 
In dieser baulichen Verfassung erwarb die Familie von Langen – nach mehreren kurzen Besitzerwechseln - 1706 das Gutshaus mit Hof. Dies alleine wäre - neben der nun einsetzenden Beständigkeit - sicher nur eine Randnotiz wert gewesen, wenn diese Familie nicht auch einen Besitzer hervorgebracht hätte, der es international als Turnierreiter zu Ansehen gebracht hatte. Im Güter-Adressbuch von 1911 lesen wir: „Üselitz, Rittergut mit Tannenort. Karl Friedrich Freiherr von Langen...“ Auch wenn er das Gut später verpachten sollte, wollen wir kurz seine Lebensgeschichte streifen.

Bekannt durch "Reitet für Deutschland" - K. F. v. Langen
 Der im ersten Weltkrieg unglücklich gestürzte Reiter war jahrelang gelähmt und konnte nur durch das Reittraining diese Beeinträchtigung überwinden. Wegbestimmend wird dabei sein als „Hanko“ weltberühmt werdendes Reitpferd mit dem von Langen 1924 sogar beim Hochspringen in Rom siegt. Auf seinem Pferd „Draufgänger“ erkämpft der Adlige schließlich 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille in der Dressurprüfung. Sein Lebensweg wurde mit dem Buch „...Reitet für Deutschland“ von Clemens Laar und der sich anschließenden Verfilmung in den 30-er Jahren vielen Deutschen bekannt.
1934 – nach einem weiteren schweren Sturz – erliegt Karl Friedrich Freiherr von Langen den Verletzungen. Seine Familie soll den Besitz von Üselitz noch bis Ende der 30er Jahre geführt haben. Dessen Aufgabe wird dann jedoch in Bezug gesetzt mit der Übernahme durch Bughard von Veltheim. Allerdings ändert sich auf Üselitz äußerlich nichts, da Hans Staude – nach wie vor – als Pächter das Gut bewirtschaftet.
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges nimmt auch die Einquartierung von Flüchtlingen zu. In einer umfassenden Dokumentation zur Geschichte des Hauses aus dem Jahre 1996 von Martin Holz ist von 20 Familien mit insgesamt etwa 90 Personen um 1945 die Rede. Allein dies stellt auch die Beengtheit der Nachkriegsjahre eindrucksvoll dar. Umso erstaunlicher sind die raschen Auflösungserscheinung als Wohnunterkunft nach Bodenreform und Kollektivierung der Landwirtschaft. 1968 wurde das Gutshaus Üselitz vollständig freigezogen und damit dem Verfall preisgegeben.

Eingangsbereich und Deckenabstützung
Zwar gab es zu DDR-Zeiten immer wieder Bestrebungen das Haus zu retten, doch letztlich scheiterten sie alle. Dennoch schafften die Fürsprecher eines Erhaltes 1975 die Aufnahme des Bauwerks auf der Denkmalliste des Kreises Rügen. Der Bauzustand wurde 1973 untersucht: „Wie bei allen alten Gebäuden, die keine Ringverankerung haben, sind auch hier die Gebäudeecken geringfügig nach außen gewichen...“ Empfohlen wird u.a. der „Einbau von Stahlbetondecken, der in die Fensternischen eingreift...“ Heute ist im Wesentlichen die Sicherung der Außenwände durch verankerte Stahlträger  als Korsett vollzogen worden. Die bedeutenden Kreutzgratgewölbe und die Stuckdecken sind leider vollständig verloren gegangen. Was bleibt? Innerlich konnten nur noch neue aussteifende Decken und Wände dem „hohlen Vogel“ seine Stabilität zurück geben. Für eine Rettung ist angesichts der Vorraussetzungen, gegebenen Bedingungen und der Lage des Bauwerks Beharrlichkeit und Unterstützung wünschenswert. Am Ende wird von den historischen Mauern jedoch nur noch die äußere Bauform wieder herstellbar sein. Das mag vielleicht nur ein kleiner Beitrag zum Erhalt historischer Bausubstanz auf der Insel sein, doch angesichts der Werte die auf Rügen bereits durch die Zeit verloren gingen, ein großer Gewinn.
  
Derzeit noch im Sicherungszustand - hoffentlich bald gerettet: Das einstige Gutshaus.