Sonntag, 2. Oktober 2011

Ein Haus am Meer

Die Lage der "Undine" an der Strandpromenade

Bereits in unserer vierten Folge sind wir im Jahre 2007 tiefgreifend auf die Frage, was Bäderarchitektur wäre, eingegangen. Eines der angesprochenen Themen waren neben dem dekorativen Holzbau auch  die Errichtung transportabler Fertigteilhäuser.
Binz im Jahre 1887: „...ein kleines am Fuße der Granitz gelegenes Dorf, welches von der Landseite her einen fast dürftigen Eindruck macht. Erst am Ausgang des Dorfes in der neu angelegten Strand-Allee angekommen, erhält man ein wesentlich anderes Bild. Der Acker zu beiden Seiten der breiten Straße ist jetzt zur Bebauung parzelliert, einzelne Villen sind bereits ausgeführt und in wenigen Jahren wird wohl die ganze Straße mit anmutigen Häusern und Gärten eingefasst sein, wodurch dem in der Hochsaison oft bemerkbar gewordenen Wohnungsmangel bald abgeholfen ist...“ So beschreibt H. Dunker den sich erst zum „Sorrent des Nordens“ entwickelnden Badeort. Doch auch am breiten Sandstrand der Prorer Wiek ist  rege Bautätigkeit feststellbar. Allerdings trügt der Eindruck, dass der Bau für die Gräfin zu Münster ins Stocken geraten wäre. Nein, auf dem mit Backsteinen aufgemauerten Sockelgrund soll 1893 ein Fertigteilhaus (!) mit Seeblick errichtet werden.

Historische Ansicht der "Undine"
 Vorgefertigt wurde es bereits aus wetterfesten amerikanischen Hölzern und pommerschen Kiefernholz (für den Innenausbau – Anm. d. Red.) in Wolgast. Und da ein massiv errichteter Bau auch zu dieser Zeit extrem kostspielig ist, scheint so doch noch eine angemessene Umsetzung der Pläne für ein repräsentatives Sommerhaus möglich. Geplant wurde ein Salon zur Seeseite, ein Wohn- und Speisezimmer - rückwärtig die Küche – sowie Schlafstuben im Obergeschoss. Auch konnten anfängliche Bedenken der Bauherrin hinsichtlich der Feuergefährlichkeit schnell zerstreut werden. Ein patentierter Aufputz sollte Anwendung finden und sogar das Tapezieren oder Streichen ermöglichen. So brauchten die abgenommenen Fertigteile nur noch in einzelne Collis verpackt werden, um vom pommerschen Festland auf die Insel Rügen verschifft und dort aufgestellt zu werden.  
Die vom Schiffbaumeister J. Heinrich Kraeft 1868 begründete Wolgaster Holzindustrie verfügte damals bereits über weitreichende Erfahrungen. Als erste Firma in Deutschland wandte sie sich dem Bau von Fertigteilhäusern zu. Mit wachsendem Erfolg, denn die zerlegbare Holzhäuser waren schon bald auch in Ost-Afrika oder Südamerika gefragt. Umgesetzt wurde die Werkpläne für Öffentliche Gebäude, Villen, Jagd- oder Arbeiterhäuser damals von 150 Arbeitern. Neben der Fertigung wurden den Bauherren auch die Maurerarbeiten für ein Steinfundament und die Aufstellung angeboten. Schlüsselfertiges Bauen wurde so  aus einer Hand möglich.
Wie weit die Angebote der Baufirma gingen, lässt sich heute allerdings nur noch erahnen. Angesichts der Tatsache, dass in dieser Zeit bereits Zinkornamentfabriken ihre Produkte - vom Geländer bis zum Dachfenster – per Musterkatalog bewarben und Vorlagenzeichner, wie Max Graef, Musterbücher als Nachbauanleitung herausgaben, ist es jedoch mehr als wahrscheinlich, dass auch die Wolgaster Holzbauindustrie über komplette  Musterkataloge verfügte.

Grundriß zum Erdgeschoß
Inhaltlich sind dabei Beispiele für Hausgrundrisse, Laubsägeverzierungen, Dachformen, -materialien und stilgebenden Elementen, wie Türmen oder Loggien, denkbar. Hans-Ulrich Bauer, Autor des Buches „Wolgaster Holzhäuser – Ikonen der Bäderarchitektur“ (s. auch unsere Buchempfehlung – Anm. d. Red.) stellt so beispielsweise in Bezug auf das Haus „Bella Vista“ fest: „Das Gebäude hat sehr große Ähnlichkeit mit der für Dr. Sylvester in Heringsdorf errichteten Villa Florence. Ganz besonders trifft dies auf die Vorderseite der Villa Bella und die Rückseite der Villa Florence zu. Wie die Fotos belegen, hatten beide Gebäude sogar identische Zäune...“  
Grundriß vom 1. Stock (Obergeschoß)
 Belegt ist auch der Preis für das „Bella Vista“. Das zerlegbare  Holzhaus kostete damals 19.700 Mark. Die bereits erwähnten Maurerarbeiten wurden zusätzlich mit 2.500 Mark und die Aufstellung noch einmal mit 2.400 Mark in Rechnung gestellt. Aufnahme fand das Haus auch in der 1893, dem Jahr der Errichtung,  vom Verlag Hessling & Spielmeyer, Berlin und New York, herausgegebenen Buch „Moderne Holzbauten“ von Hermann Rückwardt. Der kaiserliche Hofphotograph und Architekt porträtierte und dokumentierte darin mit 24 Tafeln die Wolgaster Holzindustrie und ihre Bauten.  
Auch wenn die „Schöne Aussicht“ (Übersetzung des Namens „Bella Vista“ – Anm. d. Red.) blieb, so war diesem wichtigen Holzbau eine sehr wechselvolle Geschichte bestimmt. Als „Villa Undine“ gab es nach dem ersten Weltkrieg einige Besitzerwechsel. Auch nach dem zweiten Weltkrieg weckte das Bauwerk Begehrlichkeiten. Lassen wir noch einmal Hans-Ulrich Bauer zu Wort kommen: „Kurz nach dem Krieg wurde die Villa von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und erst nach vier Jahren wieder frei gegeben. Aber schon 1951 konfiszierte die Wismut AG das Haus... ...1953 wurde das Haus zum Volkseigentum erklärt. Nun kam das Gebäude in Rechtsträgerschaft des Ministeriums des Innern und ab 1961 in die des DDR-Reisebüros.“ Nach der Rückgabe 1992 an die Familie Hattenhauer konnte 1994 mit der Sanierung und damit Rettung des stark geschädigten Gebäudes begonnen werden.
Sicher ist es ungewöhnlich wenn wir uns - im Zuge unserer „Spur der Steine“ - ausgerechnet noch einmal  dem Holzbau zuwenden, aber Stein und Holz sind vielfach als Werkstoff nicht voneinander zu trennen. Das Thema der pommerschen Fertigteilhäuser verdient außerdem - auch angesichts ihrer Vorreiterrolle in Deutschland und ihrer Verbreitung in den Seebädern der Inseln – weit mehr Beachtung. Derzeit kommt diese auch von Seiten des Tourismus zu kurz. Seien wir also dankbar, dass ausgerechnet der in Swinemünde geborene Autor Hans-Ulrich Bauer an der Binzer Strandpromenade sein Interesse an den Wogast-Häusern entdeckte und heute mit seinen Büchern zu diesen Pionierbauten mit ihren einzigartigen – auch logistischen! - Bauleistungen neue Begeisterung weckt.

Unser Veranstaltungs-Tipp:

Wer mehr über die Wolgast-Häuser auf Rügen erfahren möchte, dem wird der Besuch eines Vortrages von Hans-Ulrich Bauer am Freitag, den 25. November 2011 um 19.00 Uhr in den „Ferienhäusern am Hochufer“ empfohlen.